Sorry - Cosplay
DominoVÖ: 07.11.2025
Licht am Ende
Ein Junge ruft in einen Tunnel hinein und wartet auf das Echo. Diese simple Prämisse bildet die Basis für "Echoes": den Opener des dritten Albums von Sorry, der als miesgelaunter Post-Punker stoisch nach vorne stapft und seine negative Energie mit verzerrten Stromschlägen entlädt. Bei der Londoner Band wird aus diesem Szenario allerdings eine Metapher über das Verschwimmen der eigenen Identität in der Liebe, das so starke Formen annehmen kann, dass sich ein neues Ich, ein "Echo" herausbildet. Aus diesem Hintergrund lernen wir zwei Dinge. Zum einen, dass Sorry nach der Trennungsplatte "Anywhere but here" weiterhin an den Nebenwirkungen zwischenmenschlicher Beziehungen zu knabbern haben. Zum anderen, dass Asha Lorenz und Co. das Thema verschachtelter und mit weniger Verhaftung in klassischen Popmusik-Tropen als zuvor angehen. "Cosplay" heißt passenderweise ein Album, auf dem sich ständig Identitäten verschieben und neue angenommen werden. Sorrys eigenwilliger Indie-Rock fügt sich diesem Schema, zieht sich trotz seiner unveränderten Kompaktheit – nur drei Songs reißen die Vier-Minuten-Marke – so manche Maske an, nur um sie in ihre Einzelteile zu zerlegen und durch den Dreck zu ziehen.
"She goes out into the garden / Spits on all the flowers / Cause she don't know how to look after herself", lautet die Einführung der Protagonistin aus "Jetplane". Ihr männlicher Konterpart macht es nicht viel besser, stiehlt Cowboyhüte, schreit den Nachthimmel an und erklärt sich zum Prinzen von Ägypten. Am Ende spukt noch ein verlorenes Saxofon durch den Track, wie es sich für seriösen Art-Punk eben gehört. Doch Sorry können es auch viel zärtlicher. Nach einem mysteriösen Intro übernimmt der ein wenig nach Damon Albarn klingende Louis O'Bryen den Lead-Gesang von "Life in this body", das sich zunächst nur mit Akustikgitarre anschmiegt, bevor der Song im Beisein von Lorenz zu einem magnetischen Strudel mit orchestraler Wucht heranwächst. "Candle" – leider kein Sonic-Youth-Cover – schnappt sich dahingegen ein angeschwipstes Piano und lässt von Owen Pallett arrangierte Streicher mit knarzigen Riffs kollidieren. Eine gewisse Verpeiltheit lässt sich "Cosplay" nicht absprechen, doch beziehen Sorry ihren Reiz genau daraus, dass sie selbst oft nicht zu wissen scheinen, wohin die Reise geht. Wichtig ist nur, dass es in jeder eingeschlagenen Richtung Hooks und Obskuritäten zu bestaunen gibt, wodurch das Umherirren durchweg Spaß macht.
So wird Micky Maus zum Objekt der Begierde in "Waxwing", das durch dunkle Synth-Gassen streift und Noise-Knallbonbons zündet, um die Risse in der Realität darzustellen. "Into the dark" hat keine Zeit für solche Sperenzchen, breitet sich als episches Klagelied aus und kommt mit seinen schroffen Feedback-Wänden einer Lo-fi-Version von Chelsea Wolfe gefährlich nahe. An anderer Stelle hoppelt "Today might be the hit" gezielt an der Indie-Disco vorbei, während "Antelope" Folk-Zurückhaltung mit unerwartet lauten Aufbäumungen kontert. Nicht jeder Song auf "Cosplay" zündet mit der gleichen Intensität: "Love posture" findet etwa trotz aller Bass-dominierten Bemühungen nie so recht zu seinem Groove. Doch insgesamt schafft es das größtenteils von Dan Carey mitproduzierte Album, alle seine Facetten strahlen zu lassen. Entscheidend ist dabei Sorrys Haltung, die Widrigkeiten einfach wegzutanzen und selbst in den dunkelsten Tunneln das Licht zu sehen – auch wenn sie manchmal damit scheitern, wie es etwa im Closer "Jive" passiert: "I wanna swing my hips tonight / I wanna move like that / But I only seem to move like this." Aus der eigenen Haut zu schlüpfen, ist oft doch gar nicht mal so leicht.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Echoes
- Candle
- Life in this body
- Into the dark
Tracklist
- Echoes
- Jetplane
- Love posture
- Antelope
- Candle
- Today might be the hit
- Life in this body
- Waxwing
- Magic
- Into the dark
- Jive
Im Forum kommentieren
Henri7
2025-11-07 23:24:33
… war nach den ersten Singles noch skeptisch. Aber nach zweimaligem Albumdurchlauf bin ich wieder begeistert. Vielleicht sogar ihr konsistentestes und gleichzeitig herausforderndstes Album.
myx
2025-11-07 20:42:50
Doch, ausgezeichnet! Beide Daumen hoch nach dem ersten Hören. Jeder Song hat etwas Eigenes zu bieten, keiner auf der Verliererseite. Und unglaublich schnell rum, diese 38 Minuten.
MickHead
2025-11-07 18:44:52
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:
https://sorrybanduk.bandcamp.com/album/cosplay
MickHead
2025-11-07 10:52:42
Komplette Playlist bei YouTube:
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nwO3vmVrI6sMgOD_0UEq6nrvk3Q2pN94w&si=tHuCb2tyhTP9YsMb
Musikexpress 5/6
https://www.musikexpress.de/reviews/sorry-cosplay/
Soundmag 6/10
https://www.soundmag.de/reviews/sorry-cosplay/
The Line Of Best Fit 8/10
https://www.thelineofbestfit.com/albums/sorry-cosplay-excitingly-defy-categorisation
MusikBlog
https://www.musikblog.de/2025/11/sorry-cosplay/
MickHead
2025-11-06 00:14:24
Letzter Song vor dem Release!
"Candle"
https://youtu.be/qgQXA6sW29Q?si=MxqYecyDXy1vfmVt
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Referenzen
Spotify
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