Portugal. The Man - Shish
Knik / SPVVÖ: 07.11.2025
Lange nicht am Ziel
Wie kaum eine zweite Band definierten sich Portugal. The Man durch die Getriebenheit. Progcore in spiritueller Nähe zu The Mars Volta, bluesiger 70er-Rock, Avantgarde-Folk, psychedelischer Sommer-Pop, und damit haben wir nur die ersten vier Alben – und vier Jahre – der Band-Geschichte erfasst. Nach diesem Run haben sich die Alaskaner als Indie-Pop-Größe etabliert, erreichten mit "Evil friends" den künstlerischen und mit dem Welthit "Feel it still" den kommerziellen Höhepunkt. Die Suche schien ihr Ende gefunden zu haben. Doch mit der Loslösung vom Major-Label Atlantic ist bei John Gourley – der neben seiner Frau Zoe Manville inzwischen das einzige feste Bandmitglied ist – der Hunger wieder erwacht. "Shish" ist nicht nur das erste Portugal.-The-Man-Album auf dem eigenen Label Knik, sondern auch ihr mit Abstand härtestes seit "Waiter: 'You vultures!'" und ungreifbarstes seit "Censored colors". Ein beeindruckendes Zeugnis davon, wie sich knapp 20 Jahre nach Bandgründung die künstlerische Identität noch einmal komplett auf links drehen lässt.
Die Sache mit der Härte ist natürlich relativ zu verstehen. Einen Song wie "Pittman ralliers", der mit Aggro-Drums, Metal-Riffs und halbgeschrienem Sprechgesang hoffentlich keine Robben kloppt, gibt es auf der Platte kein zweites Mal. Stattdessen fangen Portugal. The Man den Krach mit ihren geübten Pop-Gesten auf. Der Opener "Denali" stellt sich mit atonalem Gebläse und verzerrten Gitarrenknoten vor, ehe Gourley alles mit einer seiner anschmiegsamen Gesangsmelodien glattzieht. Auch ein mit punkiger Energie nach vorne stürmender Garagen-Hoppler wie "Mush" will in erster Linie Mundwinkel nach oben ziehen. Produktionstechnisch hat "Shish" zweifelsfrei seine Macken – Gourley nahm das Album im Wesentlichen alleine mit dem Multiinstrumentalisten und Produzenten Kane Ritchotte auf –, doch macht gerade der fehlende Feinschliff hier den Reiz aus. Die gut zwei Jahre nach "Chris Black changed my life" erscheinen wie zwei Jahrhunderte.
Zur neuen Ausrichtung gehört auch, die Kompaktheit der Vorgänger aufzubrechen und vor allem im Mittelteil der Platte einigen Songs die fünf Minuten zu gönnen. Ein im Refrain regelrecht explodierender 90er-Rocker wie "Angoon" bekommt so genug Zeit, sich richtig auszubreiten. Dahingegen suhlt sich "Knik" drei Minuten lang im strahlenden Shoegaze-Halbschatten, bevor der Track doch aus sich herausgeht und ein endloses Hard-Rock-Solo mitschleppt. Das Titelstück nutzt die großzügige Spielzeit für mehrere Tempowechsel, irritiert mit unangenehm hochgepitchten Rap-Einlagen, begeistert mit an "The satanic satanist" erinnernden Hooks. Trotz solcher Momente gehört "catchy" nicht gerade zu den ersten Worten, die beim Hören von "Shish" in den Sinn kommen. Wer keine Faszination dafür aufbringt, wenn etwa "Tyonek" zwischen Slowcore, Trip-Hop-Beat und Postcore-Geriffe switcht, sollte eher darauf hoffen, dass Atlantic Portugal. The Man wieder in seine Tiefen zieht.
Oder es mit dem letzten Albumdrittel versuchen, das sich die schroffsten Kanten zunächst abschabt. "Kokhanockers" ist eine kleine, an The Flaming Lips geschulte Pop-Hymne, während die Single "Tanana" die Hippie-Nebelmaschine anschmeißt und auf "In the mountain, in the cloud" zurückgreift. Der Closer "Father gun" scheint nach diesem bekömmlichen Doppel einiges nachholen zu wollen. In bester Free-Jazz-Manier drehen die Bläser frei und stürzen sich gemeinsam mit dem Rest der Instrumente die Kellertreppe runter. Mit Einsatz von Gourleys Stimme findet der Song Struktur, ehe er am Ende die Lautstärke runterdreht und die Worte "Feel nothing" als letztes Mantra in den Äther haucht. Einen apokalyptischen Unterton gab es auch auf den poppigen Vorgängern, doch jetzt hat Gourley die Mittel, diesen musikalisch spürbarer zu machen. "Shish" macht klar: Die Weiterentwicklung von Portugal. The Man kann nicht einmal der Weltuntergang aufhalten.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Angoon
- Knik
- Father gun
Tracklist
- Denali
- Pittman ralliers
- Angoon
- Knik
- Shish
- Mush
- Tyonek
- Kokhanockers
- Tanana
- Father gun
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Gomes21
2025-11-14 07:15:16
Mir geht es ähnlich. Ich finde bisher cool dass sie das gemacht haben, aber so richtig angekommen ist das Album bei mir bisher nicht. Ich weiß noch nicht ob bei mir am Ende wirklich Songs hängenbleiben
Mr. Fritte
2025-11-14 00:56:18
Ich kann das Album irgendwie noch gar nicht richtig einordnen. Völlig merkwürdige Mischung aus Noise (und sonstigem) Rock und den lieblichen Melodien von "In the Mountain in the Clouds". Zwar eine radikale Abkehr von jeglichen Versuchen, den nächsten Megahit zu landen, gleichzeitig ist die Produktion aber dann irgendwie gar nicht mal so weit weg von den letzten beiden Alben. Die hoch- und runtergepitchten Stimmen sind auch wieder dabei, manches fühlt sich an wie die Gitarren-Version von "Easy Tiger" auf der "Woodstock". Manchmal kommt aber wirklich auch ein bisschen das erste Album durch, womit ich ja nie im Leben mehr gerechnet hätte. Angoon, Knik und Tyonek sind bisher die Highlights für mich - und Pittman Ralliers irgendwie auch, auch wenns so gar nicht nach Portugal. The Man klingt. Aber auf dieses Album passt das schon so. :D
Also irgendwie cool find ichs auf jeden Fall mal mindestens. Bin ja auch mal echt gespannt, wie es jetzt weitergeht. Kommt jetzt wieder jedes Jahr ein Album in einem anderen Genre? Oder in allen auf einmal? Scheint jetzt irgendwie wieder alles möglich zu sein.
MrMan
2025-11-13 23:17:51
Ich habe mich in Father Gun verliebt. Was fuer ein Banger von Closer.
Hier stand Ihre Werbung
2025-11-12 21:07:16
Stimme fuzz und Neo zu. Ich kann verstehen, wenn man nicht alles mag, aber gewöhnlich ist hier selten was. Dafür hat sich der Bandsound über die Jahre zu sehr gewandelt.
fuzzmyass
2025-11-12 19:21:22
Auch die letzten Paar waren überhaupt nicht anspruchslos und gewöhnlich schon gar nicht... Da frag ich mich schon ob die überhaupt mal angehört wurden, wenn ich sowas lese :)
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