Midlake - A bridge to far
Bella Union / PIASVÖ: 07.11.2025
Zwischen den Welten
Midlake sind eine jener Bands, die sich nie in nostalgischer Selbstkopie erschöpf(t)en, sondern das Folk-Rock-Erbe der 70er-Jahre immer wieder in neue Formsprache überführen. Und dabei auch Grenzgänge zwischen Folk und Rock, Country und einer kleinen Prise Jazz nicht scheuen. Auf "A bridge to far" zeigt das texanische Kollektiv um Sänger und Gitarrist Eric Pulido, dass Wärme, Schönheit und Harmoniestreben eben nicht zwingend mit Rückwärtsgewandtheit, Vorhersehbarkeit oder gepflegter Langeweile gleichzusetzen sind. Wo frühere Werke wie "The trials of van Occupanther" oder "The courage of others" zuweilen noch etwas mehr in pastoraler Melancholie schwelgten, wirkt das neue Material lichter, offener, ja fast schon sommerlich. Gleich der Auftakt "Days gone by" entfaltet mit Chorgesang, Querflöte und Pedal-Steel-Akzenten eine hippieske Leichtigkeit, die an Fleet Foxes erinnert – wenn man so will eine Blumenwiese in Dur, die gemächlich dahinschwingt, bis aber plötzlich neue Harmonien und ein überraschender Drum-Einsatz den Song aufbrechen.
Mit dem Titelstück "A bridge to far" gelingt Midlake dann fast schon ein Statement: So, bitteschön, hat ein perfektes Gebräu aus Folk und Country zu klingen; ohne verschnarchte Retro-Attitüde, dafür mit handwerklicher Sorgfalt, und kompositorischer Eleganz. Okay, das ist Wohlfühlmusik, aber zu keiner Zeit einfältig – stattdessen detailreich, organisch, einfach gut in den Gehörgang reinlaufend. "The ghouls" schlägt erstmals härtere Töne an, fast schon rockig, mit einem treibenden Schlagzeug und jener subtilen Spannung, die man von verwichenen Bands wie The Church kennt: Man nehme die klassischen Elemente von Rock und Pop und füge ihnen hier und dort einen kleinen Widerhaken oder auch eine kurze Phase entrückter Atmosphäre hinzu. "Guardians" wechselt dann stärker ins ätherische Fach: ein Dreivierteltakt, der dank Madison Cunninghams Stimme und mantraartiger Melodien ziemlich hypnotisch wirkt, bis die Drums den Rhythmus mit einem vorgetäuschten Viervierteltakt scheinbar kippen und den Song in einen geradezu schwebenden Rausch überführen.
In "Make haste" blitzt ganz klar die jazzige Herkunft von Eric Nichelson und McKenzie Smith auf: Klavierarpeggien, fein gesetzte Ghostnotes, eine markante Basslinie – das kreuzt auf recht raffinierte Weise Philly-Soul-Eleganz mit unverhohlen erkennbaren Doors-Anleihen. Ja, man sieht sich beim Zuhören förmlich mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch einen November-Nieselregen tapsen, spärlich illuminiert von dem Natriumdampflicht alter Straßenlaternen. "Eyes full of animal" wirkt wie eine sehr gut abgehangene Neil-Young-Nummer – lässig, schlampig und doch voll unverbrüchlicher Zuversicht. Der gedoppelte Altgesang und die raffinierte, wimmernde Gitarre schichten immer neue Harmonien auf, bis man wünscht, das Stück möge noch ein paar Minuten länger laufen. Und dann driftet das Album so langsam ins Abklingbecken: "Lion's den" und "Within without" sind getragene, fast sakrale Nummern mit verhallten Drums und Streichern, in denen Midlake eher die Kontemplation suchen anstatt des großen Finales mit Doppel-Wumms. "The valley of roseless thorn" schließt das Album zu guter Letzt leise, aber bestimmt: der letzte Blick zurück in eine nebelverhangene Landschaft zwischen Traum und Erinnerung, in der es kein musikalisches Ausrufezeichen braucht, sondern eher ein mildes Nachglimmen. Midlake haben's mal wieder geschafft. Sie liefern harmonische Finesse, kompositorische Tiefe und ein Gespür für den Moment, in dem sich Folk, Pop und Transzendenz die Hände reichen. Toll!
Highlights & Tracklist
Highlights
- A bridge to far
- The ghouls
- Make haste
- Eyes full of animal
Tracklist
- Days gone by
- A bridge to far
- The ghouls
- Guardians
- Make haste
- Eyes full of animal
- The calling
- Lion's den
- Within without
- The valley of roseless thorns
Im Forum kommentieren
Gomes21
2025-12-01 22:42:34
Sehe ich genauso
Herder
2025-12-01 18:49:41
Sehr schönes Album! Der hier teilweise formulierte Vorbehalt gegenüber dem Vorgänger erschließt sich mir hingegen nicht. Auch das war ein tolles Album, gerade weil auch mal ein paar neue Wege beschritten wurden.
AliBlaBla
2025-11-08 13:48:01
Tolle Rezi, hab auch beim Opener an die Fleet Foxes gedacht ;), "Guardians" wiederum klingt wie das allerbeste Grizzly Bear Stück, das diese nicht geschrieben haben.
Wie immer bei Midlake, wird das Album bei mir gewiss "wachsen" (obwohl manche das direkt in den "Nervsprech"- Thread stecken möchten), aber das schöne NOVEMBER- Album is ein klares Jahreshighlight.
Days gone by 8,5
A bridge to far 8,5
The Ghouls 8,5
Guardians 9
Make haste 10
Eyes full of animal 8
The calling 8
Lion's den 8
Within/Without 8,5
The valley of roseless thorns 8
....That's my youth at the bottom of the sea....
....What's yours,yours to own ....
....In the end, what was all of this for....
cargo
2025-11-07 19:12:59
Schönes Album ist das geworden. Auf jeden Fall besser als die letzte Platte. Freut mich, dass sie immer noch tolle Songs zustandebringen.
MickHead
2025-11-07 18:46:21
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:
https://midlakeband.bandcamp.com/album/a-bridge-to-far
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