Florence & The Machine - Everybody scream
Polydor / UniversalVÖ: 31.10.2025
Spukhafte Resonanz
Darauf konnte ja kein unbeschwertes Album folgen. Während der Tournee zu "Dance fever" erlitt Florence Welch eine Fehlgeburt mit inneren Blutungen. Eine Not-OP hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet. Naheliegend, dass eine derart schockierende Erfahrung keine allzu positiven Vibes hervorbringt. Ihr neuestes Werk ist allerdings das düsterste und dabei unzugänglichste ihrer Karriere, was die Fangemeinde womöglich spalten wird: in diejenigen, die vor allem die vergleichsweise schnell satisfaktionsfähigen Töne der frühen Jahre schätzten, und diejenigen, für die Welch in erster Linie eine begabte Erzählerin ist.
Insofern stellt sich die grundsätzliche Frage, ob man sich einer Musik vorrangig wegen des (melodischen) Klangs, wegen der Texte oder wegen einer möglichst symbiotischen Verbindung aus beidem widmet. Nun stünden Welch & Co. allerdings sicher nicht dort, wo sie heute stehen, wenn sie abseits lyrischer Qualitäten die goldene Folk-Pop-Trias aus Ekstase, Eindringlichkeit und Einprägsamkeit nicht in Form von mindestens drei herausragenden Alben und zahlreichen Evergreens wie "Queen of peace", "Shake it out", "Ship to wreck" oder "Only if for a night" meisterhaft zum Ausdruck gebracht hätten. Es ist darum bedauerlich, dass "Everybody scream" zwar schon durch die gewaltige Performance der Sängerin eindeutig ekstatisch und auf seine morbide-außerweltliche Weise auch ungemein eindringlich wirkt, bis auf die rauschhafte Betrachtung der eigenen Bühnenpräsenz im von Mitski mitgeschriebenen Titeltrack, in "The old religion" und mit Abstrichen auch "Buckle" aber keinen Song vorweist, der unmittelbar Wurzeln schlagen kann. Gerade "The old religion" zeigt jedoch eindrucksvoll, dass sich eine unheilvolle Stimmung und lyrische Tiefe auch auf einem post-traumatischen Album hervorragend mit einer gewissen Catchiness vertragen.
Ihr sechstes Werk scheinen Florence & The Machine allerdings als eine Art Rock-Oper angelegt zu haben, die dem Erzählten Vorrang vor dem Musikalischen gibt. Das war zu einem gewissen Grad zwar schon immer so, schließlich sagt Welch selbst, dass sie zunächst meist den Text erarbeitet und erst dann darüber nachdenkt, wie das zugehörige Lied eigentlich klingen soll. Nachvollziehbar ist zudem, dass sich die Person hinter der Künstlerin durch diverse kleine und große Tragödien verändert hat – und mit ihr die Musik: Schicksalsschläge wurden stilprägend, und manches Thema mag schon aus Prinzip dazu führen, dass ein Song nicht zum Welthit taugt. Verständlich also, dass der surreale zeitliche Zusammenprall von der Aussicht auf neues Leben und dem drohenden eigenen Tod bei Welch ein Schleudertrauma und schier unaushaltbare innere Spannungen hinterlassen haben muss, die gedanklich intensiv verarbeitet werden wollen und offenbar nur durch konsequente Schreitherapie zu lösen sind. Kein Wunder, dass "scream" daher ein zentrales Element des Albums ist, das nicht nur wörtlich wiederholt vorkommt, sondern auch durchgängig in variierter vokaler Form als Stilmittel eingesetzt wird, um zusammen mit choraler Unterstützung und allerhand spukigen Gimmicks eine in mehrfacher Hinsicht geistreiche Stimmung zu erzeugen.
Dabei lässt sich jedoch der Eindruck nicht abschütteln, dass die akustische Ebene der inhaltlichen untergeordnet wurde, Töne hier primär als Transportmittel für Botschaften dienen. Passenderweise sitzt Welch im Video zur zweiten Single "One of the greats" auf der Rückbank eines dahinschleichenden Autos und rechnet in schonungslosen Zeilen mit den seltsamen (Irr-)Wegen zum Ruhm als Frau in einer männerdominierten Musikindustrie ab. Und die ganze Zeit wünscht man sich, der Wagen würde ein wenig Fahrt aufnehmen oder die ein oder andere Kurve kriegen. Etwa so, wie es das folgende, zwischen Atemlosigkeit und Seelenfrieden changierende "Witch dance" und auch "Sympathy magic" vormachen.
Zwar sind die eher unauffälligen Songs wie außerdem "Perfume and milk", "Kraken" und "Music by men" immer noch eine einnehmende Erfahrung, weil dieses bewusst zu Halloween veröffentlichte Schauerstück eine unheimlich schöne Atmosphäre schafft und weil die stimmliche Statur von Welch in puncto Umfang, Temperament und Ausdrucksstärke nach wie vor eine Klasse für sich ist. Zudem gibt es eine unbestreitbar vorhandene Erhabenheit des aktuellen Moments, wie sie besonders während des von abgründiger Dunkelheit umhüllten Crescendo "Drink deep", in der zum Song gewordenen Kathedrale "You can have it all" und in dem an- und abschließenden, einen angenehmen Kontrast setzenden "And love" zur Geltung kommt. Doch ansonsten sind in der pittoresk anmutenden Düsternis dieses Albums zu wenig klar konturierte Attraktionen anzutreffen, um eine uneingeschränkte Empfehlung auszusprechen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Everybody scream
- The old religion
- You can have it all
- And love
Tracklist
- Everybody scream
- One of the greats
- Witch dance
- Sympathy magic
- Perfume and milk
- Buckle
- Kraken
- The old religion
- Drink deep
- Music by men
- You can have it all
- And love
Im Forum kommentieren
Sick
2025-11-24 23:39:04
Ich fands Anfangs auch ein bischen sperrig und habs schnell weggelegt. Aber wenn man dann nach einige Zeit das Ganze nochmal hört stellt man fest das vieles richtig gut ist.
8/10.
Christopher
2025-11-21 20:37:56
Sympathy magic finde ich sehr gut.
Dan
2025-11-21 19:58:41
Besser als "How Big..."? Finde nach wie vor, dies ist ihr bestes Album bis dato.
MickHead
2025-11-19 10:11:20
"Chamber Version" (Playlist bei YouTube):
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_kyi5kx-kg3Q0hoiHM83ETCI28q9V16K7M&si=9xgodDL6UW7yRYA3
Klaus
2025-11-09 20:49:52
Gibt es jetzt als Chamber Version mit 4 neuen Versionen von einigen Tracks.
Bin mittlerweile je nach Laune zwischen 7 und 8.
ihr bestes bleibt Ceremonials.
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