Madison Cunningham - Ace
Verve Forecast / UniversalVÖ: 10.10.2025
Der Chaoskarton
Ab und an steht man im eigenen Leben an Scheidepunkten, an denen man sich von Gewohnheiten, von Menschen, von Überzeugungen trennt. Dass Außenstehende dafür Verständnis aufbringen, ist selten garantiert und oftmals höchstens ein frommer Wunsch. Madison Cunningham, mit dem Erscheinen ihres jüngsten Studioalbums 29 Jahre alt, hat dennoch wenig Angst davor, Brüche in ihren bisherigen Lebenslauf zu schlagen. Dabei scheint der vorgezeichnete Weg komfortabel: 2020 fürs "Americana-Album des Jahres" Grammy-nominiert, 2023 dann mit dem Grammy für das "Folk-Album des Jahres" ausgezeichnet, stehen die Zeichen des eingeschlagenen Pfades klar in Richtung Erfolg. Eigentlich spräche nichts dagegen, es sich mit ihrem Talent für leicht obskures Songwriting und als begabte Multiinstrumentalistin dort bequem zu machen, wo man sie ohnehin schon schätzt. Dieses Mal setzte sie sich jedoch nicht nur mit irgendwelchen Beobachtungen über den Schmerz gebrochener Herzen anderer Leute auseinander, sondern auch mit ihrer eigenen Ehe, die nicht standhielt. Die sonst eher abstrakten, spielerischen Bilder aus Cunninghams Songwriting passten in ihrer Distanz nicht mehr zum eigenen, rohen Gefühl. Und deshalb konnte "Ace" eben nicht bloß ein weiterer Nachfolger werden. Wenn es aber nun auch nicht in der eigenen Natur liegt, sich aller Wut zum Trotz wie ein Bulldozer aufzuführen, dann müssen feinere Waffen herhalten. Was auf "Ace" alles erstmal larmoyant, aber eben auch zärtlich zu klingen beginnt, ist bei genauerem Hinhören geradezu überwuchert von Giftranken, welche die frisch gespannten Bärenfallen unter sich verbergen, beispielsweise in Zeilen wie "Something's got to give / Got to move, got to make it out alive / Whether or not you decide / To let the wound bleed out this time" aus dem Titel "Skeletree".
Dieses Stück ist auch instrumental ein Fokuspunkt für "Ace", denn die zuvor angesprochenen Brüche zeigen sich ebenso in der exzessiven Menge an Songpatterns. Nach etwas über zwei Minuten in diesem Song passiert bereits die siebte, für im weitesten Sinne Popmusik nicht gerade übliche Akkordfolge, was angenehm unterschwellig die zerfahrenen Gedanken bei einem mühevoll unterdrückten Wutausbruch transportiert. Man weiß also für maximal zehn bis fünfzehn Sekunden, was einen melodisch erwartet. Das wäre für jegliche Pop-Komposition in den Top Drei einer "Not to do"-Liste, hier allerdings bleibt es trotz der Anstrengung stets angenehm hörbar. Das verbindende Element bildet hierbei nämlich Cunninghams Stimme, die – und das ist tatsächlich nicht als vergiftetes Kompliment gemeint – gerade dadurch, dass sie eine eher geringere Bandbreite hat, den notwendigen Kontrapunkt setzt. Denn die Worte, die ein Gegenüber wirklich zu hören schmerzen, fallen wie in "Take two" meist ohne großes Pathos nebenbei: "You say you know / Every mole and skin tag / Like it makes you wiser to / The person I am / Well a man and his church / Always confusing people / There's no hill steeper / Than trying to get to equal." Zu diesem Zeitpunkt, ergo dem ersten Drittel des Albums, hat der Rezensent der schieren Menge wegen bereits die Buchführung darüber aufgegeben, wie viele unterschiedliche Instrumente bis dato zum Einsatz kamen.
Das Album lässt einen fühlen, als säße man in einem Umzugskarton, hilflos überfüllt mit dem zufälligen Querschnitt eines über Jahrzehnte gemeinsam geführten Haushalts. Da sind neben einem selbst die kitschigen Gartenrosen-Motivteller, die man sich noch nicht gegenseitig an den Kopf geworfen hat, die Lieblingsstofftiergiraffe der Kleinen und ein auslaufender Motorölkanister. Und dieser Chaoskarton fällt dann "zufällig" nach impulsivem Fußkontakt die Treppe runter. Erst in Richtung des letzten Drittels geht Cunningham wieder zurück zu ihrem assoziativen Stil, der ihren Texten wie zum Beispiel in "My full name" wieder mehrere unterschiedliche Lesarten gestattet: "When a part of me went missing / A case was never opened / But I've been keeping count / Of all the wildflowers / Where the plane went down / And every living soul that's never found / Are written in these verses." Die aufrechterhaltene Spannung zwischen der warmen Stimmfarbe und den am Gefrierpunkt kratzenden Dingen, die Cunningham von der Seele purzeln, kann bei der Menge an geschlagenen Haken zwischenzeitlich etwas verloren gehen. Mit der nötigen Bereitschaft entwickelt sich mit "Ace" jedoch aus einem vordergründig harmlosen Folk-Album eine eindringliche Erfahrung darüber, wie man im Angesicht der Tragik Fassung, Haltung und Charakter nicht nur bewahrt, sondern sogar hinzugewinnt.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Skeletree
- Take two
- My full name
Tracklist
- Shatter into form I
- Shore
- Skeletree
- Mummy
- Take two
- Wake (feat. Fleet Foxes)
- Break the jaw
- Invisible chalk
- Shatter into form II
- My full name
- Golden gate (On and on)
- Beyond that moon
- Goodwill
- Best of us
Im Forum kommentieren
Kontermutter
2025-11-07 22:42:15
Also, es ist eines mit Robin Pecknold. Wird dann aber offiziell mit Fleet Foxes ge-credited.
Also, ist ganz stabil, auch wenn es mich jetzt nicht allzu sehr gepackt hat. Macht man nichts verkehrt mit.
AliBlaBla
2025-11-07 21:28:09
Oha, da is n feat. von FLEET FOXES drauf?
Nice.
Und sie selbst feat. auf dem neuen Midlake Album? Das is ja mal was...
Armin
2025-11-05 20:59:12- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
Meinungen?
Zappyesque
2025-10-18 16:03:58
Hier noch jemand angefixt?
Finde die Scheibe inzwischen sehr gut. Die Überraschung des Jahres bisher für mich und eine schöne Herbstbegleitung…
Zappyesque
2025-10-10 23:54:38
Einige sehr schöne Stücke drauf - mir gefällt auch die Produktion! Feist‘s Metals lässt grüßen. Musikalisch allerdings ein bisschen mehr im
Retro Gewand gekleidet, in die 70er schielend. Hiermit kann ich deutlich mehr anfangen als mit Cunninghams vorherigen Werken, die Stücke ufern teilweise schön aus, knüpfen an das Balladische von „Life according to Rachel“ an, weniger an das Kalkül von Stücken wie „Hospital“. Teilweise erinnert mich das hier auch sehr stark an Grizzly Bear.
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