Anna von Hausswolff - Iconoclasts
Year0001 / BertusVÖ: 31.10.2025
Einstürzende Kirchenbauten
Wie viel Aufruhr ein paar kleine, wortlose Orgelkompositionen verursachen können, musste Anna von Hausswolff im Jahr 2021 erfahren. Fundamentalistische Spinner protestierten gegen Darbietungen des zuvor erschienenen "All thoughts fly" in Kirchen, bezeichneten die schwedische Musikerin dabei als Satanistin. Dass sie ihr Nachfolgewerk "Iconoclasts" nennt, also auf die mutwillige Zerstörung zumeist religiöser Bildnisse verweist, wird diesen Leuten auch nicht gefallen. Diesmal gibt es allerdings auch ein gewisses Kontroversenpotenzial für vernünftigere Menschen. Das betrifft zum einen die Beteiligung der durch fragwürdige politische Statements auffallenden Ethel Cain, zum anderen die Musik selbst. Von Hausswolffs sechstes Album ist nicht nur ihr längstes und überbordendstes bisher, sondern auch ihr poppigstes. Wer gerade die Metal-nahen Tiefenbohrungen der Vorgänger schätzt, wird sich die Liebe wohl erst arbeiten müssen. Doch trotz möglicher Irritationen brilliert von Hausswolff weiterhin in ihrem Kerngebiet, verschmelzt Zärtlichkeit und Brachialität mit dem Wachs ihrer außergewöhnlichen Stimme und addiert ein weiteres Meisterwerk zu ihrer an solchen nicht gerade armen Diskografie.
"Iconoclasts" will seinem Publikum keine Schmerzen zufügen. Wenn das groovende Bläsermotiv des Intros "The beast" langsam dissoziiert und einem harschen Drone das Feld überlässt, wird die fieseste Attacke auf die Hörnerven schon früh abgehakt. In "Facing Atlas" verdichten sich die Instrumente zu einem einzigen Gleißen, ehe ein Beat einsetzt und von Hausswolffs Gesang voll in den Powerballaden-Modus kippt. Das ist ohne Zweifel ein bisschen cheesy, aber hier ist jedes Pathos verdient. Die Schwedin singt zu jeder Sekunde so, als würde es um ihr Leben gehen. Das grandiose "Stardust" spiegelt die stimmliche Intensität. Mit einer Zugänglichkeit, die Björk schon lange bewusst abgelegt hat, rollt dieser triphoppige Song vorwärts und beweist von Hausswolffs Kunst, die hypnotische Qualität der Repetition voll und ganz auszuschöpfen. Ihre Musik ist deshalb so einnehmend, weil sie jeder Idee Raum zur Entfaltung schenkt, anstatt möglichst viele davon übereinanderzustapeln.
Das gilt insbesondere für die ruhigen Stücke, welche den Großteil von "Iconoclasts" ausmachen. Das Schlussviertel des Albums bildet im Grunde eine 20-minütige Meditation, beginnend mit "An ocean of time". Unterstützt vom italienischen Komponisten Abul Mogard, treibt der Track körperlos auf seinen Ambient-Flächen, bevor er sich am Ende völlig verflüssigt. Das von von Hausswolffs Schwester Maria begleitete "Unconditional love" arbeitet mit mehr Struktur und Melodie, lässt Streicher und Bläser ihr eigenes Zwiegespräch führen und außerweltliche Synergien mit den Vocals formen. Es ist schlicht atemberaubend schön. Auch am Endpunkt der Platte gibt es keinen Knall, sondern das erwartungsvolle "Rising legends", das die Arme nach den nächsten wundersamen Klängen ausbreitet. Von Hausswolffs Musik mag die Zeit anhalten, doch als Künstlerin bewegt sie sich unermüdlich nach vorne, sucht und findet neue Impulse für jedes ihrer Werke.
Beeindruckend ist auch, was für eine Ausdruckskraft selbst den wortlosen Momenten innewohnt. In "Consensual neglect" – neben dem Intro und Outro das einzige reine Instrumental des Albums – soliert ein Blasinstrument am Rand der Welt, bis es Zuwachs bekommt und der Klang eine Wucht entwickelt, mit der sich Kathedralen einreißen ließen. Die von von Hausswolffs Songs erbauten Ruinen sind so besonders und detailliert gestaltet, dass alle darin ihren Platz finden möchten. Deshalb ist es – of all people – Iggy Pop, dessen Bariton die abhebende Ballade "The whole woman" auf den Boden holt und einen faszinierenden Kontrast zum hellen Organ seiner Duettpartnerin bildet. Die eingangs erwähnte Ethel Cain unterstützt dahingegen "Aging young women", in dem von Hausswolffs geliebte Orgel ihren markantesten Auftritt erhält. Der Refrain würde auch einer Lana Del Rey gut zu Gesicht stehen und beseitigt die letzten Zweifel daran, dass von Hausswolff zu den größten Art-Pop-Künstlerinnen ihrer Zeit zu zählen ist.
Der zurückhaltende Gestus von "Iconoclasts" führt dazu, dass die Ausbrüche noch stärker wirken. Allen voran schiebt sich hier der Song-des-Jahres-Kandidat "Struggle with the beast" in den Vordergrund: Das Bläsermotiv des Intros dient als Grundgerüst für ein wahnsinnig mitreißendes Jazz-Rock-Ungetüm, das die Wände schon zum Einsturz gebracht hat, bevor überhaupt der Gesang einsetzt. Laut wird's auch im noisigen Schlussdrittel von "The mouth" und im elfminütigen Quasi-Titelstück "The iconoclast". Tribal-Drums und zerrende Gitarren führen Swans-artige Ritualtänze auf und ziehen sich in eine Leere zurück, die von Hausswolff im Alleingang füllt. Dann plötzlich: totale Stille, das Wiederaufbäumen mit ergreifender Dramatik und das langsame Verglühen im choralen Sternenmeer. Anna von Hausswolff muss keine Kirchen anzünden, um Konventionen zu sprengen und der Kunst als einzigen Gott zu huldigen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- The iconoclast
- Stardust
- Struggle with the beast
- Unconditional love (feat. Maria von Hausswolff)
Tracklist
- The beast
- Facing Atlas
- The iconoclast
- The whole woman (feat. Iggy Pop)
- The mouth
- Stardust
- Aging young women (feat. Ethel Cain)
- Consensual neglect
- Struggle with the beast
- An ocean of time (feat. Abul Mogard)
- Unconditional love (feat. Maria von Hausswolff)
- Rising legends
Im Forum kommentieren
Armin
2026-05-18 19:16:25- Newsbeitrag
Anna von Hausswolff
18.11 - 20.11.2026
Nachdem Anna von Hausswolff ihre düsteren Klangwelten Anfang 2026 auf der fast vollständig ausverkauften „ICONOCLASTS“-Tour nach Deutschland gebracht hat, kehrt die schwedische Künstlerin nun für weitere Termine im November zurück. Live verwebt Anna von Hausswolff reine Musikperformance mit den immersiven Erfahrungen, die ihrem Sound innewohnen und so das Publikum berühren. Mit ihrer aktuellen Liveshow eröffnet Anna von Hausswolff ein neues Kapitel in ihrer beeindruckenden Laufbahn und lädt dazu ein, sich auf eine Reise durch Klangwelten voller Geheimnisse, Sehnsucht und ungebändigter Kraft zu begeben. Im November wird sie dabei nach Köln, Berlin und Leipzig kommen.
Image Label
Präsentiert wird die Tour von Sonic Seducer und laut.de.
18.11.2026 Köln - Stadthalle
19.11.2026 Berlin - Astra Kulturhaus
20.11.2026 Leipzig - Felsenkeller
Außerdem bestätigt:
19.09.2026 Hamburg - Elbphilharmonie (Reeperbahn Festival)
dogs on tape
2026-05-13 19:34:57
Das Elphie Konzert ist im Rahmen des Reeperbahn Festivals.
nörtz
2026-05-13 19:23:40
Nicht wirklich, ich bin Braunschweiger, befinde mich damit konzerttechnisch im Niemandsland der Republik und bin auf weite Fahrten angewiesen. :P
Wann warst du denn das letzte Mal in Hannover auf einem Konzert?
Spinnefink
2026-05-13 16:27:02
"Ach du bist auch aus der Gegend? Schön."
Nicht wirklich, ich bin Braunschweiger, befinde mich damit konzerttechnisch im Niemandsland der Republik und bin auf weite Fahrten angewiesen. :P
The MACHINA of God
2026-05-13 16:15:36
Soap&Skin in der Wiener Oper,
Ha, da bin ich auch. Beim Zusatzkonzert. Das heisst, wenn ich das Ticket wiederfinde. :D
Ich bin in Leipzig dabei. 35€ finde ich auch ziemlich fair.
Ach du bist auch aus der Gegend? Schön.
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Spotify
Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv
Threads im Forum
- Anna von Hausswolff - Iconoclasts (217 Beiträge / Letzter am 18.05.2026 - 19:16 Uhr)
- Anna von Hausswolff - Ceremony (15 Beiträge / Letzter am 15.02.2026 - 00:12 Uhr)
- Anna von Hausswolff - The miraculous (25 Beiträge / Letzter am 29.01.2024 - 21:46 Uhr)
- Anna von Hausswolff - Live at Montreux Jazz Festival (41 Beiträge / Letzter am 27.01.2024 - 10:58 Uhr)
- Anna von Hausswolff - Dead magic (112 Beiträge / Letzter am 18.01.2022 - 21:19 Uhr)
- Anna von Hausswolff - All thoughts fly (46 Beiträge / Letzter am 26.09.2020 - 06:40 Uhr)
- BADA (Anna von Hausswolff) (3 Beiträge / Letzter am 19.05.2019 - 16:46 Uhr)
