Waylon Jennings - Songbird
Son Of Jessi / Thirty TigersVÖ: 03.10.2025
Einer von uns
Am 14. März 1990 standen vier Männer auf der Bühne des Nassau Coliseums. Schon damals war allen klar, dass hier der Mount Rushmore des Outlaw Country musizierte. Johnny Cash, Willie Nelson, Kris Kristofferson und Waylon Jennings waren nicht einfach nur Superstars, sie waren Identifikationsfiguren für eine ganze Generation amerikanischer Musikhörer und Songwriter. Cash, der geläuterte Rebell. Willie, der schelmische Feingeist. Kris, der lässige Melancholiker. Und Waylon, der Überlebende, ohne Adjektiv. Um dieses Attribut zu verstehen, bedarf es eines kurzen Blicks in Jennings Biographie: In den 1980ern kämpfte er mit einer Kokainsucht, die ihn nicht nur in den finanziellen Ruin trieb, sondern auch gesundheitlich tiefe Spuren hinterließ. Der ohnehin übergewichtige und kettenrauchende Jennings stand daher vor einer simplen Entscheidung: Leben, ja oder nein? Er entschied sich für das Leben, wurde nüchtern und entsagte sogar den Zigaretten. Ganz erholen würde er sich von seinen Exzessen nie, er starb 2002 mit gerade einmal 64 Jahren.
Ein maßgeblicher Grund für seinen Weg zur Nüchternheit war sicher auch die Geburt seines Sohnes Shooter. Dieser kuratierte, 23 Jahre nach dem Tod seines Vaters, das Album "Songbird", eine Sammlung von bis dato unveröffentlichen Studioaufnahmen aus den späten 70er- und frühen 80er-Jahren. Wer nun Leichenfledderei befürchtet, darf aufatmen: Der Sound des Albums ist aufgrund des Compilation-Charakters zwar uneinheitlich, aber stets organisch und warm. Die Originalspuren wurden mit viel Feingefühl restauriert, der finale Mix hält sich glücklicherweise mit modernen Studiotricks zurück. Alles klingt so, als hätte es auch vor 40 Jahren erscheinen können, was die Aufmerksamkeit auf die Songs lenkt. Und die sind durch die Bank gelungen. So überführt Jennings den Christine-McVie-Klassiker "Songbird" in den Nashville-Sound, ohne dabei die zarte Traurigkeit des Originals abzustreifen. Auch die einzige Eigenkomposition weiß zu überzeugen: "The cowboy (Small Texas town)" widmet sich augenzwinkernd dem eigenen Ruhm, ohne dabei gekünstelt oder gar arrogant zu wirken.
Genau dieses Nahbare war es, was die Menschen zu Jennings hinzog. Dieses "Er ist einer von uns"-Gefühl, das man nicht konstruieren, sondern nur instinktiv spüren kann. Der Rest der Songwriting-Credits liest sich wie ein "Who is who" der goldenen Ära des Country. "After the ball" stammt beispielweise aus der Feder Johnny Cashs. Oberflächlich klingt der Song wie eine harmlose Honkytonk-Fingerübung, zwischen den Zeilen lauert jedoch der Absturz, den auch Cash nur zu gut kannte. Deutlich cooler geht es in "I'd like to love you baby", einer JJ-Cale-Komposition, zu. Hier mimt Jennings den slicken Großstadt-Crooner, der trotz schicker Villa den Stiefelstaub der Pampa nicht loswird. Auch der Sohn des Godfathers des Country, Hank Williams Jr., steuert in Form von "(I don't have) Any more love songs" einen Track bei. Die Kombination aus Williams simplen Versen über das Ende einer Liebe und Jennings gefühlvollem Vortrag zaubert einem auch heute noch ein Lächeln auf die Lippen.
In Zeiten, in denen Country-Songs nur noch nach dem Baukasten-Prinzip zusammengestückelt werden, bedarf es der alten Meister, um an die Schönheit des Genres zu erinnern. Das Album endet mit einer wehklagenden Version des Folk-Standards "Dink's blues". Waylon schmachtet in unnachahmlicher Manier und alles löst sich in Wohlgefallen auf. Ja, natürlich ist das ziemlicher Kitsch. Aber es ist schöner Kitsch. In den nächsten Jahren sollen noch weitere Zusammenstellungen aus den Jennings-Archiven erscheinen, wenn sie das Niveau von "Songbird" halten, dürfen sich nicht nur eingefleischte Fans freuen. Zudem ist es schlicht wichtig, dass auch jüngere Generationen an Waylon Jennings erinnert werden. Denn er war weit mehr als nur ein Country-Sänger. Er war die Stimme all jener, die Pathos verdient haben, aber ungehört bleiben.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Songbird
- The cowboy (Small Texas town)
- (I don't have) Any more love songs
- Dink's blues
Tracklist
- Songbird
- The cowboy (Small Texas town)
- I'd like to love you baby
- I'm gonna lay back with my woman
- Wrong road again
- I hate to go searchin' them bars again
- Brand new Tennessee waltz
- (I don't have) Any more love songs
- After the ball
- Dink's blues
Im Forum kommentieren
Armin
2025-10-29 21:43:01- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
Meinungen?
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Spotify
Threads im Forum
- Waylon Jennings - Songbird (1 Beiträge / Letzter am 29.10.2025 - 21:43 Uhr)
