Hilary Woods - Night CRIÚ
Sacred Bones / CargoVÖ: 31.10.2025
No time to dance
Beginnen wir mit einer Warnung: Wer Leiterin einer Konfirmand*innengruppe oder Veranstalter einer Swing-Tanzsause ist und beim Blick auf das Cover von Hilary Woods' "Night CRIÚ" glaubt, die passende musikalische Begleitung für einen heiteren Hüftschwung-Abend gefunden zu haben, irrt sich. Gewaltig sogar. Die irische Klangkünstlerin lädt niemanden aufs Parkett, nicht einmal Teenies in knittrigen Hemden und Krawatte bei ersten Versuchen, einen Fuß vor den anderen zu bekommen. Nein, Woods startet eine meditativ-düstere Reise ins Ich. Mit Synthesizern, Klavier, Field Recordings, Streichern und Blechbläsern der Hangleton Brass Band.
Der wunderbar unpassend betitelte Vorgänger "Acts of light" entfaltete seine bedrohliche Wirkung auch deshalb viel besser als vorangegangene Veröffentlichungen, weil die ehemalige JJ72-Bassistin auf ihm durchgängig auf Gesang verzichtete. Auf "Night CRIÚ" findet Woods ihre Stimme wieder, setzt sie aber dankenswerterweise nuancierter ein als zuvor. Etwa im fantastischen "Endgames". Der nebst einem weltentrückt über die Saiten streichenden Bogen und Schlägen auf die Bassdrum einsetzende Gesang fügt sich wesentlich besser in die Wall of Sound ein als in der Vergangenheit. Ungeachtet dessen, dass die Ambient-Expertin, wie eine weniger affektierte Schwester von Enya klingend, zum Ergebnis "But with words I can't speak" kommt. Ein solcher Track würde jedem spannungsgeladenen Blockbuster guttun, weil jede einzelne Sekunde vermittelt: Es geht um was. Der Refrain von "Faults" setzt sich derweil so sehr im Ohr fest, dass man versucht ist, das synthietrunkene Schlaflied als potenziellen Hit zu bezeichnen. Was zunächst bizarr klingen mag, ergibt (mit Betonung auf "potenziell") doch Sinn – was auch für den ungewöhnlichen Einsatz der Brass Band gilt.
Als genreaufgeschlossene Plattentests.de-Schreibkraft, die qua ihrer Tätigkeit viele Ambient-Alben hört, die keine Rezension erhalten, weil sie eine solche nicht verdienen, weiß man, wie weit "Night CRIÚ" den Genre-Durchschnitt hinter sich lässt. Woods versteht es, Spannung über mehr als eine halbe Stunde aufrechtzuerhalten. Etwa mit massig Reverb auf den Blechbläsern und einem unvermittelt einsetzenden Kinderchor im somnambulen Schunkler "Taper". Recht schief und gerade deshalb passend intoniert der Chor Zeilen wie "In the blue wide wide open / Summer moves the frozen air", lockt einen ganz weit nach draußen in den Ozean. Passagen wie jene lassen einen verstehen, was Woods meint, wenn sie sich im Rahmen der Promotion zu ihrem musikalischen Manifest der Melancholie folgendermaßen äußert: "Making records is a way of being."
Sollte irgendeine Leiterin einer Konfirmand*innengruppe oder irgendein Veranstalter einer Swing-Tanzsause die einleitende Warnung überlesen oder gar als Ansporn betrachtet haben und die Jungschar nun verdattert vor der Todesposaune stehen wie das Kaninchen vor der Schlange, sollte man das Beste aus der grotesken Situation machen: Lasst die Kinder versuchen, zu tanzen! Ein bisschen wie Harry Potter und Hermine Granger in einem Zelt im nächtlichen Wald. Wem es gelingt, zu Nick Caves "O children" das Tanzbein zu schwingen, dem sollte es auch zu "Taper" gelingen. Langsam, verträumt, traurig, authentisch, auf ganz eigene Art stilvoll. Bis der Boden unter den Füßen wegbricht.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Endgames
- Taper
Tracklist
- Voce
- Faults
- Endgames
- Brightly
- Taper
- Offerings
- Shelter
Referenzen
Spotify
Threads im Forum
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