The Lemonheads - Love chant
Fire / CargoVÖ: 24.10.2025
Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
Es wäre nicht völlig falsch, den Lemonheads einen gewissen Kultstatus zuzuschreiben. Mit einigen Unterbrechungen und Diskontinuitäten sicherlich sind Evan Dando und die ihn umgebenden, mählich wechselnden Protagonist*innen seit fast 40 Jahren musikschaffend tätig – und die Liste der ehemaligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter ist zwar (noch) nicht so umfassend wie bei The Fall zum Beispiel, aber zumindest beeindruckend. Mehr als 20 Personen umfasst der Kosmos an Musiker*innen, die mit Evan Dando schon Proberaum, Studio und Bühne teilten – und da die letzten beiden Alben mit Coverstücken aufwarteten, hätte man auf das aktuelle Werk mit Eigenkompositionen umso mehr gespannt sein können. Denn schließlich sind auf "Love chant" wieder mal einige renommierte Namen mit von der Partie, die Hoffnungen aufkeimen lassen: J Mascis (Dinosaur Jr) und Juliana Hatfield, Bryce Goggin (bekannt durch seine Arbeit mit Pavement und Antony & The Johnsons) und Nick Saloman (The Bevis Frond), um nur ein paar zu nennen. Kann doch eigentlich nichts mehr schiefgehen. Oder?
Ja, eben leider doch. Denn irgendwie kommt "Love chant" über weite Strecken daher wie ein Aufguss vergangener Grunge-Zeiten mit angezogener Handbremse. Dabei fängt es mit dem irreführend betitelten Opener "58 second song", der in Wirklichkeit 203 Sekunden lang ist, noch ganz gut an. Der bratzt ebenso mitreißend wie schlampig nach vorne, Dando brummelt sich mit gedoppelter Gesangsstimme und weiblichen Backing Vocals durch eine recht pfiffig komponierte Gute-Laune-Nummer, die sich nicht nur ein paar Taktwechsel, sondern auch nette Akkordwechsel gestattet. Ganz geil! Doch dann kommen gleich mehrere Tracks, die nicht per se schlecht sind, aber auch wirklich nicht vom Hocker reißen. "Deep end" bietet zwar groovige und treibende Drums, aber eine eher nervende Zuarbeit der Sologitarre – und man ahnt schon nach dem ersten Drittel, dass da bis zum Ende des Songs keine echten Überraschungen mehr kommen. "In the margin" wiederum erinnert an eine etwas zurückgedimmte Version von Hüsker Dü – und gerade, als es interessant wird, zieht der Mann am Mischpult die Fader runter: Fade-out und tschüss! Und so stolpert sich die Band im weiteren Verlauf des Albums durch noch mehr mittelmäßige Tracks; der erste Lichtblick ist dann erst wieder "Togetherness is all I'm after", wo es nach einem reichlich schweinerockartigen Intro in eine schön saumselig-driftende, gitarrenlastige Nummer mit Anklängen an Screaming Trees und Pavement reingeht – inklusive hymnischem Refrain und fast schon ins Beatleske lappenden Harmonien.
Es folgt aber auf den Fuß mit "Marauder" gleich die nächste Spaßbremse. Hier mag sich der Drummer auch noch so mühen, gute Grooves und witzige Fills abzuliefern – am Ende muss er vor dem allzu beliebigen Songwriting und den wirklich fies-furzenden billigen Synthie-Sounds kapitulieren, die den Track umranken. Und leider auch wieder von einem waffenscheinpflichtig schlechten Gitarrensolo. Echt jetzt: So spielt man als Gitarrist eigentlich nur dann, wenn man bei der Audition NICHT angenommen werden will. Der Titeltrack "Love chant" ist dann auch der letzte Höhepunkt, denn hier gestattet sich die Band innerhalb eines recht kompakten Arrangements gegen Ende ein paar sehr aktivierende Schrabbel-Ausbrüche mit gewissen Psychedelic-Anleihen; ja, man muss dabei fast an alte Hasen wie Hawkwind denken. Ziemlich durchwachsen ist das alles am Ende, vor allem aber weder überraschend noch innovativ. Oder, anders gesagt, man hätte nichts dagegen, wenn das nächste Lemonheads-Album wieder aus Coverversionen bestünde: Das nämlich können sie erwiesenermaßen ziemlich gut.
Highlights & Tracklist
Highlights
- 58 second song
- Togetherness is all I'm after
- Love chant
Tracklist
- 58 second song
- Deep end
- In the margin
- Wild thing
- Be in
- Cell phone blues
- Togetherness is all I'm after
- Marauders
- Love chant
- The key of victory
- Roky
Im Forum kommentieren
MickHead
2025-10-31 23:03:01
Marco Werner mit einer 7/10
https://youtu.be/ZA8ChImw1Ac?si=8JqHMH6qM4gvgTzO
oldschool
2025-10-26 16:40:46
Ich platziere mich irgendwo zwischen Jochen und Euroboy. Finde es ist ein typisches Lemonheads Album ohne wirkliche Ausfälle unbd einigen Highlights geworden. Klar kann es mit den großen Alben der 90er nicht mithalten, aber durchaus mit dem Comebackalbum von 2007.
So ne knappe 7 ist da schon drinnen. (oder ne sehr gute 6)
"In the margin" klingt aber tatsächlich so, als wäre der Song einfach in der Mitte per Fade-out zu Ende gebracht worden.
Jochen Reinecke
2025-10-26 15:20:03
Bei SPON Album der Woche, ich bleibe aber bei meiner Wertung.
Vive
2025-10-26 12:46:37
„Togetherness is all I’m after“ ist der beste lemonheads Song seit 30 Jahren
Euroboy
2025-10-26 12:27:22
Wenn am Anfang vom "58 Second Song" der markante Gesang von Evan Dando einsetzt hat mich die Platte schon gewonnen. Ich mag auch die schrammlige, unprätentiöse teils lofi-mässige Produktion des Albums. Es gibt zwar auch ein zwei mittelmässige Songs (Be-In), aber für mich ist die Platte locker eine 7,5/10.
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