Kontra K - Augen träumen Herzen sehen
Letzte Wölfe / UniversalVÖ: 10.10.2025
Leerstand auf der Schlossallee
Viele geistliche Strömungen, ob nun Weltreligionen oder irgendwelche LinkedIn-Bubbles, erinnern einen häufig daran, dass man der Welt positiv begegnen soll. Optimisten haben bessere Haut, bessere Verdauung und besseren Sex. Optimismus optimiert einen selbst und ist daher auch marktwirtschaftlich interessant. Kontra K hat das verstanden, und nüchtern kann man ihm auch gar nichts anderes attestieren, als dass er sich seinen Erfolg durch die hohe Frequenz an Releases, Touren und Konzerten fair verdient hat und gut aussieht dabei. Maximilian Diehn arbeitet sich, lapidar gesagt, seit diversen Jahren den Arsch ab und acht Alben (mit diesem vermutlich neun), die in den letzten zehn Jahren auf Platz 1 der Charts gelandet sind, zeigen, dass er dabei vieles richtig macht. Das verdient Anerkennung und wirft die Frage auf, was wir daraus über uns selbst lernen können. Als Erklärungsansatz könnten zwei weitere neoliberale Paradigmen dienen, die auch dabei helfen werden, dieses Album einzuordnen: "Alles hat seinen Preis" und "Lieber gut kopiert als schlecht selbst gemacht". Dass alles seinen Preis hat, fängt bereits mit dem Titel "Augen träumen Herzen sehen" an. Man möchte diesem zur Hälfte zusammengestrichenen "Der kleine Prinz"-Zitat schon intuitiv missgünstig "Ohren bluten" anhängen, bevor man überhaupt begonnen hat, aber genau dieses negative Verlierer-Mindset wollen wir ja abstreifen.
Und in der Tat zeigen sich schon beim Hören des Intros erste Aha-Effekte, wie man aus weniger mehr macht. Einen beliebigen Ton innerhalb einer Zeile höher betonen als den Rest und mehr Silben in den Mund nehmen als die Zunge artikulieren kann, das wirkt machbar. Ein bisschen Training gehört dazu, aber auch ein rhythmischer Schlag der Stirn gegen die vorliegende Tischplatte ist ja irgendwo ein Beat, auf dem man aufsetzen kann. Es gibt allerdings auch Punkte, wo sich der Unterschied zum Profi, der Kontra K eben ist, nicht so leicht kaschieren lässt. Weshalb man sich ja auch mit Verrissen zurückhaltend äußern sollte, denn schließlich spricht der musikalische "Amateur" über jene, die ein (in diesem Fall vermutlich sogar sehr gutes) finanzielles Auskommen damit bestreiten. Und dieses andere Level ist die hohe Kunst der richtigen Bars. Hier darf man nicht kleckern, sondern muss in bester Machermanier klotzen: "Denn das Leben ist genauso wie das Wetter / Sobald die Sonne scheint, hält kurz die Welt an." Nicht sicher, dass Physik so funktioniert, aber wir sind ja hier, um zu lernen. "Auch Diamanten waren Trän'n." Also, Tränenflüssigkeit hat zumindest einen kleinen Kohlenstoffanteil. Wegen der Lipide. Aber das ist jetzt schon etwas weit ... "Keine Zeit für Deinen scheiß Club, wir seh'n uns später / Geh' ins Gym, mach' mich fit für was auch immer / Life ist easy, doch manchmal auch ein kleiner Wichser." ... Okay, das Level ist nicht für das Verständnis von Einsteigern gedacht. Daran muss es liegen. Für die Menge an nicht zusammenhängenden Themensprüngen innerhalb der Songs muss die Verdrahtung des eigenen Gehirns scheinbar entsprechend vorbereitet sein.
Wenden wir uns also stattdessen dem zweiten Leitsatz "Talent borrows, genius steals" zu. Wir reden hier nicht über Plagiate, das ist in einer Samplekultur ohnehin mühselig. Vielmehr muss man, um selbst erfolgreich zu sein, eben nicht von den Besten, sondern möglichst von den Erfolgreichen lernen. Und das Genre, welches den höchsten Faktor zwischen investiertem Talent zu wirtschaftlichem Erfolg verspricht, ist nun mal unangefochten Schlager. Der Kniff, den so Acts wie Ikkimel, Unheilig oder eben auch Kontra K verstanden haben, ist, dass es in dieser ganzen Erzählung um Schlager nie um die heile Welt oder Blasmusik oder die freundlichen Senioren ging, sondern das komplette Fehlen von Projektion. What you see is what you get. Kein doppelter Boden, kein Proseminar. Dieser Mut zur Absolutheit ist so wirkmächtig, dass man selbst überhaupt nicht interessant sein muss. Dass es Kontra K nicht schafft, mit seinen Balladen eine emotionale Tiefe jenseits von Referaten über die Historie böhmischer Brettspiele freizulegen, ist kein Mangel am Produkt, sondern die ganze Pointe. Wer mit seiner Musik einen leeren Raum anbietet, der macht eben auch Platz für jede*n. Genauso wie es tatsächliche Gleichberechtigung ist, wenn einem wirklich jede*r scheißegal ist. Erfolg kennt nur eine Sprache: mehr Erfolg. Deshalb kann man dann auch ironiefrei eine Adaption von "Geboren um zu leben" auf das eigene Album packen. Große Geister denken gleich. Und um zu zeigen, wie leicht es ist, diese Praxis auch für sich selbst gewinnbringend anzuwenden, sei zum Ende anstelle eines eigenen Fazits eine Gegenüberstellung von zwei Zitaten angeboten. Zum einen vom ewigen OG, Marcel Reich-Ranicki: "Das hier ist kein schlechter Stil, es ist gar kein Stil." Zum anderen von Kontra K selbst: "Ob Du mich liebst oder hasst, ist egal / Denn was ich lieb' oder hass', ist Dir egal / Ich mach', was ich lieb', und ich liebe, was ich mache / Lass die Augen bei Dir selber und die Hand aus meiner Tasche." Dieser Deal klingt sehr attraktiv und dadurch, dass sich das Album ohnehin einer seriösen musikalischen Bewertbarkeit entzieht, kommt es der Einfachheit halber wie es Kontra K gewohnt ist und so wie die Kartoffeln, die es repräsentiert, auf die Eins.
Highlights & Tracklist
Highlights
- -
Tracklist
- Intro
- Die Besten bleiben
- Boncuk
- Kampfgeist 6
- Weit weit weg (feat. Anna Grey)
- 2 Meter tiefer
- Whisky Kisses (feat. Jaxson Free)
- Zu viel
- Kawasaki
- Geboren um zu leben (feat. NESS)
- Für meine Leute (feat. Big Toe)
- Engel fallen tief
- Keine Helden (feat. SDP)
- Klapse
- Alles versucht (feat. AK Ausserkontrolle)
- Dreckig und gemein (feat. Gzuz)
- Baccarat (feat. The-Dream)
- Bring mich nach Haus (feat. Santos)
- Geboren um zu leben (feat. NESS & Unheilig)
Im Forum kommentieren
ToRNOuTLaW
2025-10-28 10:49:45
Unterhaltsame geschriebene Rezension für ein Album, das ich so oder so ignoriert hätte.
Zweiter Satz letzter Absatz: "..., das ist in einer Samplekultur ohnehin mühselig"
Ich habe den Eindruck, dass "müßig" hier besser passt.
Gesmashter Pumpkin
2025-10-28 10:16:48
Starke Rezension. Das Fehlen von Projektion, kein doppelter Boden...würde auch behaupten, dass die geneigte Hörerschaft des Herrn Diehn auch nicht in der Lage wäre, mit ihrer durch Reels, Snippets und Shorts verseuchten Denkerbse jene Elemente zu durchschauen.
Jens Böhnemann
2025-10-24 10:09:32
Menschen leben Bäume Welt
Huhn vom Hof
2025-10-24 10:08:48
Starsailor kommen hoffentlich beim Weihnachtsspecial dran.
Enrico Palazzo
2025-10-23 19:58:52
Ganz vorne weg Starsailor! ;D
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Spotify
Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv
Threads im Forum
- Kontra K - Augen träumen Herzen sehen (21 Beiträge / Letzter am 28.10.2025 - 10:49 Uhr)
- Kontra K - Labyrinth (7 Beiträge / Letzter am 27.10.2017 - 03:02 Uhr)
- Kontra K - Gute Nacht (6 Beiträge / Letzter am 21.04.2017 - 18:39 Uhr)
- Kontra K - Aus dem Schatten ins Licht (2 Beiträge / Letzter am 11.02.2015 - 09:06 Uhr)
