Josienne Clarke - Far from nowhere

Josienne Clarke / Corduroy Punk
VÖ: 17.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Liebe zum Schmerz

"Frau mit Akustikgitarre" ist kein Genre, sondern ein Lebensgefühl. Das ist natürlich Quatsch, denn Joni Mitchell und Phoebe Buffay haben ungefähr so viel gemeinsam wie Nestlé und Menschenrechte, wobei keine der genannten Damen mit dem Lebensmittelkonzern gleichzusetzen ist. Wie dem auch sei, Josienne Clarke ist eine Frau, und sie besitzt eine Akustikgitarre. Genauer gesagt besitzt sie eine Konzertgitarre mit Nylonsaiten. Diese zupft sie mit ihren Fingerspitzen. Währenddessen singt sie Lieder von der Unmöglichkeit des Daseins zwischen Gott und der Welt. Sie tut das mit einer Stimme, die so klingt, als müsste man sie kennen. Ihr neues Album "Far from nowhere" ist so unscheinbar, dass es in der Flut der allwöchentlichen Neuveröffentlichungen untergehen dürfte. Diese Rezension ist ein Versuch, dies zu verhindern.

Denn Josienne Clarke fällt einem vielleicht nicht auf, wenn man sich durch irgendwelche Feeds wühlt. Ihre Musik wirkt wie ein Relikt aus einer Zeit, die wahrscheinlich nur in Gedanken existiert. Ihre Songs sind kleine Inseln des Rückzugs, der stillen Einkehr. Mit zarter, aber robuster Stimme trägt sie sie vor. Die Saiten quietschen, der Raum hallt zurück. Intimität auf Platte zu bannen, ist ein fast unmögliches Unterfangen – doch Clarke gelingt dieses Kunststück mit Bravour. Strukturell orientiert sich die Britin am klassischen Folk: Es gibt kaum Refrains, stattdessen bestehen die Kompositionen meist aus mehreren Strophen, die sich gegen Ende kurz aufbäumen, ehe sie ins Nichts zurückdriften. Wer nur Zeit für einen einzigen Song hat, möge sich "Dreams of sleep" anhören und verzaubert werden. Kitschig ist nichts an dieser Musik, eine tiefe, weise Melancholie durchweht sie, während ringsum der Wahn des beschleunigten Lebens tobt.

Man fühlt sich Clarke nahe, wenn sie mit feiner Ironie aus einem Leben ohne emotionale Heimat berichtet. "May I paraphrase / Your love is like a big red balloon / What exactly is it for? / Nothing more than hot air", kalauert sie etwa in "AI love you", einer doppelbödigen Abhandlung über die Algorithmisierung zwischenmenschlicher Interaktion. Dazu tapst ein Schlagzeug behutsam vorwärts, während im Hintergrund das E-Piano von der Tonleiter purzelt. Doch auch die ernsten Momente wissen zu überzeugen. So ist beispielsweise "Bushes, briars & thorns" eine bedrückende Meditation über die Unmöglichkeit, sich aus dem Dickicht des eigenen Schmerzes herauszulieben. Clarke verfällt jedoch nicht in puren Fatalismus, sie kämpft mit einer fast kindlichen Hoffnung für ein kleines bisschen Licht im Düsterwald.

Aus diesem Grund ist ein Song wie "Ssana" auch das musikalische Äquivalent zu einer Umarmung zwischen alten Freunden. Man fühlt sich gesehen und verstanden, ohne dass überflüssige Worte verloren werden müssten. Weil Optimismus auf Dauer aber dumm ist, findet Clarke schnell den Weg zurück in die Sicherheit ihres Spukschlosses. Dort erzählt sie "The Madler horror story" und weckt dabei Erinnerungen an Marissa Nadler, was beileibe nicht die schlechteste Referenz ist. Fast wie auf Kommando dürfen dann in "Underdog" sogar ein paar defekte Pedal-Steel-Guitars durchs Arrangement schlieren, während der Background-Chor den Mond anjault. Ob dieser davon Kenntnis nimmt, ist nicht von Belang. Josienne Clarke braucht keinen Mond, sondern ein Publikum. Und vielleicht kann dieser Text ihr dabei helfen, nur ein kleines bisschen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Dreams of sleep
  • Brushes, briars & thorns
  • Ssanna
  • Underdog

Tracklist

  1. We're never coming back
  2. What do I do
  3. Tiny birds lament
  4. In the dark of the night
  5. Dreams of sleep
  6. The sucker of struggle
  7. AI love you
  8. Bushes, briars & thorns
  9. Ssanna
  10. The Madler horror story
  11. Underdog
  12. Afternoon shadow
  13. A slow burn
Gesamtspielzeit: 42:24 min

Im Forum kommentieren

ToRNOuTLaW

2025-10-29 09:48:37

Das ist natürlich Quatsch, denn Joni Mitchell und Phoebe Buffay haben ungefähr so viel gemeinsam wie Nestlé und Menschenrechte, wobei keine der genannten Damen mit dem Lebensmittelkonzern gleichzusetzen ist.

Erstens: Top!
Zweitens: Unterlassungsklage, wann?

Armin

2025-10-22 20:29:27- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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