The Divine Comedy - Rainy Sunday afternoon

Divine Comedy / PIAS / Rough Trade
VÖ: 19.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Regen in der Manege

"I used to think that my life was a tragedy", lässt Todd Phillips seinen Joker in einer brutalen Szene des gleichnamigen Films sagen, "but now I realize, it's a fucking comedy". Nach der Veröffentlichung der drei Singles aus dem neuen Album von The Divine Comedy stellte sich die Frage, ob ein ungleich sympathischerer Spaßmacher als der von Joaquin Phoenix gespielte Arthur Fleck jüngst zum entgegengesetzten Urteil kam. Ungewohnt düster klingt nicht nur Neil Hannon selbst in den Vorabauskopplungen. Die Instrumentierung passt sich nahtlos an das traurige Timbre des sonst so schelmischen Nordiren an. In "The last time I saw the old man" wird das besonders deutlich: Beim ersten Hördurchgang lauscht man gebannt Klavier und Streichern. Und wartet – ungeachtet des im tiefsten Moll gehaltenen Stückes – auf das eine erlösende Augenzwinkern, vielleicht auf einen kleinen musikalischen Bruch, eher aber auf einen der lyrischen Twists, die man von Hannon nun mal kennt. Doch es kommt weder zu einem musikalischen noch zu einem textlichen Bruch. Die herausragende Ballade handelt von der letzten Begegnung zwischen Hannon und seinem im Sterben liegenden, demenzkranken Vater. Für eine Pointe um der Pointe willen ist ein empathischer Mensch wie unser mutual friend nicht zu haben.

Der erste Eindruck täuscht nicht: Melancholischer als auf "Rainy Sunday afternoon" klang The Divine Comedy noch nie. Er habe ein Album als Ventil für negative Gefühle benötigt, erklärt Hannon. Bereits der Opener "Achilles" handelt von Sterblichkeit, zitiert mehrfach aus "I saw a man this morning", einem vor etwa 110 Jahren entstandenen Gedicht aus der Feder Patrick Shaw-Stewarts. Elegant verwob der im Ersten Weltkrieg kämpfende Gelehrte die Welt Homers mit seinen angsterfüllten Gedanken daran, was ihn in der Schlacht von Gallipoli erwarten könnte. Am Ende des süffig instrumentierten und ab der zweiten Strophe mit einem Chor verfeinerten Songs berichtet Hannon, nun nicht mehr zitierend, sondern ganz bei sich selbst, über einen Mann in seinen Fünfzigern: "And his pampered mind was turning / To thoughts of mortality." Um dann, ungewohnt bitter, als spräche er direkt zu falschen Erwartungen hegenden Fans, anzufügen: "One day I will be nothing / Think how funny that will feel!" Jeder Mensch hat einen gewissen wunden Punkt. Ja, genau diesen: "Death is the Achilles heel."

Doch auch an einem verregneten Sonntagnachmittag gibt es sie, die Momente, in denen herzhaft gelacht werden kann. Im so kafkaesken wie operettenhaften "The man who turned into a chair" berichtet ein Chor über einen Herrn, der die stetige Betriebsamkeit leid ist und daher beschließt, zum Möbelstück zu werden. Hannon lässt es sich selbstredend nicht nehmen, in die Rolle des seine Gattin überraschenden, depressiv knarzenden Stuhles zu schlüpfen ("Here I am!" / "Where?" / "Here!"). "Down the rabbit hole" wiederum kreuzt zwei unverwechselbar kammerpoppige Strophen mit einem an Queen erinnernden, rockig-hymnischen Refrain. Und zwei unsterbliche Klassiker der britischen Literatur: Unter dem Kaninchenbau findet Alice kein Wunderland vor, sondern einen orwellesken Staat, "where everything that people do and say / Is upside down and back to front". Und was tun die Mächtigen der freien Welt gegen eine solche institutionalisierte Fake-News-Schleuder? Sie verweilen zu den schwülstigen Klängen eines Drumcomputers in "Mar-a-Lago by the Sea" und versichern sich selbst, herrlich überkandidelt croonend: "LA, New York and Chicago / Can't compare with Mar-a-Lago / A secluded paradise / Where I should rightly be / Mar-a-Lago by the Sea." Jeder durch das nur vermeintlich absurde Dickicht fliegende verbale Giftpfeil trifft, ehe irgendein Tölpel "Very unfair!" schnattern kann. Der elegante Übergang der beiden auf so humor- wie stilvolle Art Kritik übenden Tracks steht stellvertretend für den herausragenden Albumfluss.

An der ein oder anderen charmanten Schrulligkeit werden sich weiterhin die Geister scheiden. Äußerst dick trägt Hannon im Refrain der Pianoschnulze "I want you" auf, später bimmeln im Kindheitserinnerungs-Schunkler "All the pretty lights" die Glöckchen herzallerliebst. Keineswegs mutiert der Gentleman of a certain age zum Anti-Joker. Hannon bewahrt sich seinen Humor, obschon dieser "Rainy Sunday afternoon" weniger dominiert als frühere Werke. Die manchmal melancholische Komödie weicht der mitunter lustigen Tragödie, Regen durchdringt das Dach des Zirkuszelts. Wie leichtfüßig und ungezwungen aber der wohlbekannte verschrobene Witz mit dem ungewohnt bitteren Ernst auf dem kurzweiligsten Album der göttlichen Komödianten einhergeht, beeindruckt. Was man auch daran merkt, dass man sich in manchen Passagen fragt, ob einem eine gut versteckte Pointe entging. Warum etwa klingt "The heart is a lonely hunter" so sehr nach Bruce Springsteen? Einen im Unklaren lassen, ob es sich bei einer nicht zu leugnenden Ähnlichkeit um Zufall, Parodie oder Hommage handelt, das gelingt nur den ganz großen Clowns. Und den ganz großen Songwritern.

(Dennis Rieger)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Achilles
  • The last time I saw the old man
  • Mar-a-Lago by the Sea

Tracklist

  1. Achilles
  2. The last time I saw the old man
  3. The man who turned into a chair
  4. I want you
  5. Rainy Sunday afternoon
  6. All the pretty lights
  7. Down the rabbit hole
  8. Mar-a-Lago by the Sea
  9. The heart is a lonely hunter
  10. Can't let go
  11. Invisible thread
Gesamtspielzeit: 42:53 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2025-11-18 20:01:54

Schönes neues Video zu "All The Pretty Lights"

https://youtu.be/bd8tyszMgTk?si=MLmSve50RNlhJezS

MickHead

2025-09-27 11:55:22

Borcholte gibt 8.0

https://www.spiegel.de/kultur/musik/mariah-carey-wednesday-the-divine-comedy-rosa-anschuetz-album-der-woche-a-cfad3c75-231e-4a53-b9e6-7fbb27ecda1b

Obrac

2025-09-26 20:53:36

Ja, stark. Ja, stark.

MickHead

2025-09-26 19:15:38

Ganz aktuell!

UK Albums Chart # 4
UK Physical Albums Chart # 3
UK Update Albums Chart # 3
UK Albums Sales Chart # 3
UK Vinyl Albums Chart # 5
UK Albums Downloads Chart # 1
UK Independent Albums Chart # 1
UK Record Store Chart # 2
Scottish Albums Chart # 2

AliBlaBla

2025-09-25 12:34:47

Nichts gegen die Rezension, aber die ganze Joker Parallele geht mir über die Hutschnur, mal mit Neil Hannon gesprochen.
Seine Musik hat nich viel clowneskes, sorry.
Sei es drum, "The heart is a lonely hunter" hat am Schluss eine Gitarre, die vage nach Springsteen klingen könnte- das wars.
So Songs schreibt der Boss jedenfalls länger schon nicht mehr ;)
[ no offense]

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