Wednesday - Bleeds
Dead Oceans / CargoVÖ: 19.09.2025
Loud country
"Scratch-off ticket for the education lottery / Found him drowned in the creek, face was puffy / They hung his dirty jersey up in a trophy case / Next to his girlfriend in a picture with a varsity face." Es dauert nur drei Songs, bis "Bleeds" den mörderischen Assoziationen seines Titels gerecht wird und die erste Leiche anspült. Wenn dann noch Billig-Alk fließt, Gräser über Trampolinfedern wachsen und ein Welpe von einem Balkon runterpinkelt, wird klar, dass wir uns in einem Song von Karly Hartzman befinden. Ihre Texte spannen detailreiche Südstaaten-Panoramen auf, deren Naturlicht sich stets auch auf das Hässliche richtet. Die Musik ihrer Band Wednesday bildet diese Kontraste ab, indem sie die verkrachten Gitarren-Eskapaden von Hartzman und MJ Lenderman mit traditioneller Country-Ästhetik verzahnt. Auf "Bleeds" dominieren klar erstere, wie das eingangs zitierte "Wound up here (by holdin on)" mit seinen grungigen Überflutungen beweist – gut für die kathartische Wucht des Albums, schlecht für die Beschäftigung von Lap- und Pedal-Steel-Spieler Xandy Chelmis, der hier regelmäßig Däumchen drehen muss.
Oder einfach im Hintergrund mitzupft, was angesichts der meterdicken Verstärkerwände definitiv im Bereich des Möglichen liegt. Der Opener "Reality TV argument bleeds" baut sich erst eine Minute lang auf, explodiert dann aber doch mit der Tür ins Haus. Das wundervolle "Townies" fährt luftige, akustische Strophen auf, nur um im Refrain unter großem Turbinenlärm in den Neunziger-Alternative-Rock-Himmel abzuheben. Nicht nur musikalisch blicken Wednesday zurück: "Off I-40 / Crawled into your life begging on my knees / And I get it now / You were sixteen and bored and drunk." Das Verständnis einer früheren toxischen Beziehung regt Hartzman dazu an, in "Elderberry wine" zu reflektieren, was für das gesunde Zusammensein zweier sich liebender Menschen notwendig ist. Der Track ist einer der harmonischsten, sanftesten der Platte, womit der idyllische Western-Mythos ausnahmsweise ungebrochen bleiben darf. Wednesday brauchen keine Neunminüter wie "Bull believer" vom Vorgängeralbum, um in ihrer Bedeutungsfülle episch anmutende Geschichten zu erzählen.
Dass diese nicht immer ein Happy End haben, versteht sich von selbst. "Pick up that knife" verortet sich zwischen Noise-Ausbrüchen und Metal-nahen Riffs wieder mit beeindruckender Präzision: "Threw up in the pit at a Death Grips show / In a bottle spit dip and tell dirty jokes / You keep on feeding that Afrin addiction / Squeezing the bottle and burning from itching." Das "you" legt sich in der Folge mit Bikern an, Hartzmans "They'll meet you outside" wird zum schmerzvoll herausgeschrienen Mantra. "You're chopping ketamine with a motel room key", lautet eine weitere herrliche Stilblüte in "Bitter everyday", das aus seiner Szenerie universelle Weisheiten ableitet: "The easy things in life keep getting harder everyday." Am meisten überrascht "Phish Pepsi" – nicht, weil hier textlich besondere Seltsamkeiten passieren, sondern weil der Song mit seinem stoischen Shuffle-Rhythmus und Sprechgesang fast ein bisschen klamaukig wirkt. Eine nicht unwillkommene Auflockerung zwischen all der emotionalen Intensität.
Diese vermitteln Wednesday in den lauten wie leisen Momenten. "Candy breath" lässt die Gitarren als ungebremste Shoegaze-Lawinen von der Leine und erzeugt damit fast so viel Druck wie die nur 86 Sekunden lange Hardcore-Breitseite "Wasp", die fast ein bisschen an The Armed erinnert. "My life is a spider web", kreischt Hartzman, während ihre Stimme als körperloses Rauschen mit den Instrumenten zusammenfließt. Im krassen Gegensatz dazu gerät das Schlussdoppel erstaunlich ruhig: Weder das Slowcore-artige "Carolina murder suicide" noch der Country-Hoppler "Gary's II" müssen sich davor fürchten, von plötzlichen Saiten-Eruptionen zugeschüttet zu werden. "Bleeds" ist wie sein Vorgänger "Rat saw God" nicht nur eine scharfsinnige Sammlung US-amerikanischer Randbeobachtungen, sondern in erster Instanz ein unmittelbares, spaßiges und aufwühlendes Indie-Rock-Album. Und spricht damit trotz aller Spezifität eine Sprache, die sich auch auf der anderen Seite des Atlantiks einfach verstehen lässt.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Townies
- Wound up here (by holdin on)
- Candy breath
- Wasp
Tracklist
- Reality TV argument bleeds
- Townies
- Wound up here (by holdin on)
- Elderberry wine
- Phish Pepsi
- Candy breath
- The way love goes
- Pick up that knife
- Wasp
- Bitter everyday
- Carolina murder suicide
- Gary's II
Im Forum kommentieren
fakeboy
2025-12-05 16:54:53
Hab dem Album noch zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet - muss ich vor dem Jahresende nachholen, hat durchaus das Zeug zu einem Lieblingsalbum.
kenny23
2025-09-27 13:30:41
Und Mariah Carey 7.5/10
Wow.
MickHead
2025-09-27 11:54:23
Borcholte gibt 8.5
https://www.spiegel.de/kultur/musik/mariah-carey-wednesday-the-divine-comedy-rosa-anschuetz-album-der-woche-a-cfad3c75-231e-4a53-b9e6-7fbb27ecda1b
MickHead
2025-09-19 12:13:10
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:
https://wednesdayband.bandcamp.com/album/bleeds
MickHead
2025-09-19 10:15:35
Komplette Playlist bei YouTube:
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nw29upjtJ4bJNRRhgJMZNmSvU36YnFnsA&si=cMA6Xt_3V6o4cDcC
Musikexpress 5/6
https://www.musikexpress.de/reviews/wednesday-bleeds/
Rolling Stone 4/5
https://www.rollingstone.de/reviews/wednesday-bleeds-brutal-schoen/
Gaesteliste.de
https://gaesteliste.de/2025/09/19/review/wednesday-bleeds/
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