Disarstar - Hamburger Aufstand
Four / SonyVÖ: 29.08.2025
Anarchie im AMG
1923 planten Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands den bewaffneten Umsturz. Beim "Hamburger Aufstand" erbeuteten sie Waffen aus Polizeirevieren und bauten Barrikaden in den Straßen des Stadtteils Barmbek. Der Putschversuch in der Hansestadt war Teil des sogenannten Deutschen Oktobers. Dass der Rapper Disarstar sein achtes Album "Hamburger Aufstand" nennt, dürfte somit mehrere Gründe haben. Zum einen ist es ein klangvoller und provokativer Titel. Zum anderen schlägt er damit die Brücke zu "Deutscher Oktober", dem bisher besten und stimmigsten Werk in seiner Diskografie.
Die Rückbesinnung ergibt nach zwei schwächeren Alben Sinn. Wurde "Rolex für alle" noch wohlwollend besprochen, irrlichterte Disarstar im 2024 erschienenen "Overdose" mit seltsamen Partysongs und ravetauglichen Beats durch die Großraumdisko. Auf "Hamburger Aufstand" sind die Beats deutlich reduzierter, der Ton wieder rauher. Produzent Fayzen schraubt seinem Schützling simpel gehaltene, bedrohlich wummernde Instrumentals zusammen. Mit "Tekken 6" wagt er einen einzigen und sehr gut gelungenen Ausflug auf die Tanzfläche. Der in St. Pauli aufgewachsene Disarstar gibt den einfachen Mann der Straße, der dem Staat unversöhnlich gegenübersteht. Stellenweise wirkt der beschriebene Klassenkampf aus dem Mund eines erfolgreichen Musikers wie ihm übertrieben und widersprüchlich. Bei "Monumente" werden Autos angezündet, bei "Tekken 6" hingegen mit dem dicken AMG durch die Hood gecruist. Die fehlende Stringenz ist verzeihbar, da sich Disarstar ansonsten durch inhaltliche Substanz von der Deutschrap-Konkurrenz abhebt. Er packt kontroverse Themen an und wirkt dabei ebenso meinungsstark wie sattelfest. "Meine Söhne geb' ich nicht" ist sein Take zur Wehrpflichtdebatte und zitiert mit dem Titel mal eben ein pazifistisches Lied von Reinhard Mey aus dem Jahr 1986. Bei "Weiße mit Dreads" spielt er auf den Diskurs um kulturelle Aneignung an und zieht eine scharfe Trennlinie zwischen sich und den, in seinen Augen, privilegierten Yuppies.
Neben seinen üblichen politischen und gesellschaftskritischen Texten erzählt der 31-Jährige diesmal viel Persönliches, was sicher mit den Ereignissen der jüngeren Vergangenheit zusammenhängt. Bei "Panzer unterm Cape" erfährt man, dass Disarstar seit zwei Jahren trocken ist, gleich in mehreren Tracks erwähnt er seine Vaterschaft. Letzteres hat ihn offensichtlich dazu bewegt, seine eigenen Traumata aufzuarbeiten. Sein Unvermögen zu lieben führt er bei "Mutter" auf die Einsamkeit in der Kindheit und seinen trinkenden Vater zurück. Besonders deutlich wird Disarstar beim beklemmenden "Familienchronik": "Mein Vater hinterlässt 'n Riss, aber / Dieser Song ist für Dich, Mama / Du gabst mir mein Leben, aber nicht die Hand / Denn als ich weggelaufen bin, bist Du nicht mitgerannt." Der Song ist schmerzhafte Abrechnung und Eigentherapie zugleich. Seinem eigenen Sohn will Disarstar ein guter Papa sein und hat neben seiner Musikkarriere jüngst auch noch eine Lehre als Tischler angefangen. Das klingt weniger nach blutiger Revolte und Klassenkampf als nach Ankommen und Erwachsenwerden. Vielleicht lässt sich dazu beim nächsten Mal ja ein passender Albumtitel finden.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Tekken 6
- Weiße mit Dreads
- Familienchronik
Tracklist
- Saint-Tropez
- Großraumbüro
- Tekken 6
- Weiße mit Dreads
- Monumente
- Tochter (feat. Jassin)
- Meine Söhne geb' ich nicht
- Familienchronik
- Wie viel (feat. Pöbel MC)
- Ambilight (feat. Tom Hengst)
- Alles Gute kommt von unten
- Gemacht dafür
- Knife
- Panzer unterm Cape
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Armin
2025-09-15 21:16:52- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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