Boo Boos - Young love
Virgin / PIAS / Rough TradeVÖ: 19.09.2025
Anything for Boo Boos
Wir hatten geglaubt, wir wüssten alles über Mark Oliver Everett. Spätestens seit der Veröffentlichung seiner Autobiografie "Things the grandchildren should know" (Titel der deutschen Übersetzung: "Glückstage in der Hölle") dachten wir, es gäbe nichts mehr Essenzielles über die Vergangenheit des sympathischen Seelenstrippers zu erzählen. Weit gefehlt! Der Pressetext zum Debütalbum der Boo Boos lässt die Bombe platzen: Everett heiße eigentlich Bronco Boo. Aufgrund der Entstehung der Eels habe er einst eine neue Identität angenommen, die er nun wieder ablege. Dazu veranlasst habe ihn das Kennenlernen der Musikerin Katie Boo, ehemals bekannt unter dem Künstlernamen Kate Mattison. Als Bronco einen Song von Katies Band 79.5 im Radio gehört habe, sei er so begeistert gewesen, dass er seine ihm bis dato unbekannte Namensvetterin angerufen und zu einem gemeinsamen Ablegen ihrer alten Identitäten bewogen habe. Klingt das glaubwürdig? Finden wir auch nicht. "Young love" aber, das Boo-Boos-Debütalbum, klingt – anders als man, insbesondere im Wissen um das Alter Broncos, aufgrund des Band- und Albumnamens vermuten könnte – sehr authentisch. Und richtig gut.
In "Total thunder" zeichnet Katie den ersten Anruf Broncos nach. Angesichts der smoothen Saitenarbeit von Eels-Gitarrist The Chet und eines Xylophon-Solos verschlägt es ihrem Namensvetter die Sprache. Wie damals am Telefon. Letztlich bekam er aber doch noch den Mund auf, wie Katie mit jugendlichem Charme hauchend nacherzählt: "Something you just had to say." Glücklicherweise! Denn Katies Zeilen wie "Just like total thunder you came crashing through my heart that day" verdeutlichen unmissverständlich: Die Drähte glühten. Ja, die Drähte liefen so hörbar heiß, dass sich die Frage aufdrängt, ob man zwischen den lyrischen Ichs und den beiden Boos unterscheiden muss. Wie dem auch sei: "Gal pal" sollte bereits zuvor verdeutlichen, dass die perfekte Chemie rein platonischer Natur sei. Nun ja, das sagen die Hollywood-Größen auf dem Sunset Boulevard in Everetts, pardon, Boos Wahlheimat L.A. auch immer. Das großartige "C'mon baby" spricht eine gänzlich andere Sprache: E- und Akustikgitarrenriff ergänzen sich perfekt, die Stimmen der beiden Boos ebenso, ein Egg Shaker bringt auch den größten Zyniker zum Mitwippen. In einer gerechten Welt stünde das kommende Gewinnerduo für einen Grammy bereits fest. Das goldigste Duett des Jahres klingt nicht nur wegen der Ähnlichkeiten von Mattisons Stimme zu jener Stevie Nicks in sehr jungen Jahren wie eine verschollene Single aus den besten Zeiten Fleetwood Macs. Und würde der Playlist jedes Americana-Klängen aufgeschlossenen Formatradiosenders guttun, dem frühere Eels-Ohrwürmer aus unerfindlichen Gründen zu spröde oder indie erschienen.
Nebenbei lüftet Everett (verzeih uns, Bronco, wir haben uns an Deinen alten Namen gewöhnt!) auch noch das Geheimnis hinter seinem Songwriting: "Intros and outros / Bridges and refrains / After every outro comes a new song" ("Intros and outros"), so einfach ist das. Wie im echten Leben eben auch. Hatte man auf den letzten beiden Eels-Longplayern mitunter das Gefühl, man habe sich an den unnachahmlichen Stehaufmännchen-Balladen inzwischen sattgehört, fügen diese sich in den Albumfluss von "Young love" besser ein. Was vor allem daran liegt, dass Boo Boos auch Tracks abliefern, wie man sie von Everetts Hauptband noch nie gehört hat: Klavierballaden mit (herausragendem) weiblichem Leadgesang wie "Chicken in a molehill" und "As the sky breaks (for you)" etwa, in denen man sich dank des superben Masterings direkt neben dem Flügel wähnt. Oder auch das fast durchweg akustische, herrlich psychedelische "Strange morning" mit massig Gitarren-Feedback und wuchtigem Drumming. Alte Bekannte wie Koool G Murder und Tommy Walter sorgen für zusätzliches Feuer, sodass die sprühenden Funken deutlich hörbar sind.
Mancher Song mag etwas unscheinbar daherkommen, immerhin muss aber nicht jeder auskomponiert wirken, um zu gefallen. So endet die Ode an "The toughest bitch I know" ("Your words, not mine!", versichert Everett) mit einem abrupten Fadeout. Ein solches abruptes Ende bei Boo Boos wäre jammerschade. Zu charmant ist eine Songperle wie "C'mon baby", zu geschmeidig das Aufeinandertreffen von Mattisons beeindruckendem Stimmvolumen und Everetts stets etwas brüchigem Timbre, das auch der fröhlichsten Melodie eine gewisse melancholische Gravitas beifügt. Everett, zuletzt etwas müde wirkend, wurde wachgesäuselt, seine Boo-boos (in kindgerechter englischer Sprache oder was Eltern dafür halten: "Schürfwunden") wirken größtenteils verheilt. Da könnte noch einiges kommen. Eine gemeinsame Tour? Ein zweites Album? Falls wir einen Wunsch freihaben: Ja, bitte! Traut euch! Anything for Boo Boos!
Highlights & Tracklist
Highlights
- C'mon baby
- Total thunder
- Strange morning
Tracklist
- That's not a thing
- Stumbled
- C'mon baby
- The toughest bitch I know
- Chicken in a molehill
- Gal pal
- Boo Boo time
- Total thunder
- Strange morning
- Intros and outros
- As the sky breaks (for you)
- Nightly content
Im Forum kommentieren
MickHead
2025-09-21 19:13:52
Musikblog
https://www.musikblog.de/2025/09/boo-boos-young-love/
Visions 9/12
MickHead
2025-09-19 22:15:47
Jetzt komplett bei Bandcamp:
https://booboos.bandcamp.com/album/young-love
myx
2025-09-19 22:07:46
"Strange morning" ist ja mal richtig toll, wow. Überhaupt ein Album, das Freude macht und irgendwie guttut gerade. Thanks, Boo Boos.
myx
2025-09-15 22:00:23
:D
Armin
2025-09-15 21:54:17
Ist gefixt, danke, die verwechselt man ja auch musikalisch so leicht.
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- Boo Boos - Young love (16 Beiträge / Letzter am 21.09.2025 - 19:13 Uhr)
