Radiohead - Hail to the thief (Live recordings 2003-2009)

XL / Beggars / Indigo
VÖ: 13.08.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Der Rest ist Schwelgen

"Ich habe uns kaum wiedererkannt." Was andere beim Aufräumen alter Fotoalben vom Dachboden oder beim Schaffen von Speicherplatz auf dem ollen Handy empfinden, merkte Thom Yorke, als er sich anlässlich der Mitwirkung an einer Adaption von Shakespeares "Hamlet" mit Radiohead-Liveaufnahmen der Ära "Hail to the thief" beschäftigte. Die energischen Darbietungen schockierten und begeisterten den Frontmann so, dass er mit dem Rest der Band beschloss, diverse Mitschnitte als Livealbum "Hail to the thief (Live recordings 2003-2009)" der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Dieses bleibt sauber der Albumreihenfolge treu, abzüglich zweier Songs. Vermutlich, weil die Musikindustrie full circle gegangen und nach einem halben Jahrhundert wieder da angelangt ist, wo alles auf eine Vinylplatte passen muss. Um das hübsch zwischen stottrigen Beats und malerischem Refrain pendelnde "Backdrifts" ist es etwas schade, um das eh recht dröge "A punchup at a wedding" eher nicht.

Wer die legendären Basement-Sessions zu den Nachfolgern "In rainbows" und "The king of limbs" kennt, frohlockt bereits innerlich. (Wer nicht: sofort nachholen. Wir warten hier solange.) Besonders letzteres Album drehte die Band live im Studio so dermaßen grandios auf links, dass man das Original dagegen getrost links liegen lassen kann. Ersteres hatte hingegen unter anderem bereits "The gloaming" und "Myxomatosis" in der Setlist und diese beiden Songs enttäuschen auch auf "Hail to the thief (Live recordings 2003-2009)" in ähnlichen Fassungen nicht. Während "The gloaming" fulminant mit Fetzen von Yorkes Vocalspur herumspielt, dreht "Myxomatosis" den Druck locker drei Stufen höher und verliert sich in der eigenen Psychose. Generell stellen Radiohead die entscheidenden Höhepunkte noch einmal schärfer. "Sit down. Stand up." lässt zum Ende nicht nur "raindrops", sondern tennisballgroße Hagelkörner fallen. "Go to sleep" ersetzt den lahmen Fadeout des Originals durch ein sagenhaftes Gitarren-Freakout von Jonny Greenwood zum Finale.

Die Mitschnitte stammen von diversen Locations über die im Titel angegebenen Jahre hinweg, einen klanglichen Cut bemerkt man allerdings selten. Höchstens schreckt man auf, wenn der Beginn von "There, there" plötzlich wie ein verwandelter Elfmeter frenetisch begrüßt wird – natürlich völlig zu Recht. Amüsant auch, dass das Publikum bei "We suck young blood" pflichtbewusst und launig das Klatschen im Song selbst in die Hand nimmt, während Yorke das Jaul-O-Meter in schwindelige Höhen treibt. Ansonsten bleibt mindestens die Hälfte der Stücke tatsächlich recht nah an der jeweiligen Albumversion. "I will" rückt den Gesang mehr in den Vordergrund, "2 + 2 = 5" wird noch vernuschelter als auf Platte, Neuerfindungen sind das alles nicht. Ist auch okay, denn "Hail to the thief (Live recordings 2003-2009)" ist trotzdem eine willkommene Gelegenheit, sich dem Material noch einmal aus zeitlicher Distanz zu nähern.

Das Originalwerk ist unbestritten das politischste und extrovertierteste von Radiohead – nicht ohne aktuelles Gewicht, wenn sich Yorke erst kürzlich auf Social Media rechtfertigen musste, nicht klar genug zum Gaza-Konflikt Position bezogen zu haben. Manche Stellen sind durchaus in der Vergangenheit verhaftet, ein Produkt aus dem aufgeladenen Jahr 2003: unangenehm ratgeberische Zeilen an den Nachwuchs mit Seitenblicken wie "Maybe you'll be president / But know right from wrong", zu direkte Analogien wie " We don't really want a monster taking over / Tiptoe 'round him, tie him down." Viele nennen es zudem Radioheads "weißes Album" – weniger, weil ein Song "I will" heißt, mehr aufgrund der wilden Stilwechsel und der Länge. Ein neues Sequencing hätte auf "Hail to the thief (Live recordings 2003-2009)" eine eigene Dynamik bringen, eine neue Geschichte erzählen können – diese Chance wurde leider verpasst. Es bleibt aber ein hervorragendes Dokument, um sich daran zu erinnern, was diese Band vollbringen kann: beim Songwriting und auf der Bühne.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Sit down. Stand up. (Live)
  • Go to sleep (Live)
  • There, there (Live)
  • Myxomatosis (Live)

Tracklist

  1. 2 + 2 = 5 (Live)
  2. Sit down. Stand up. (Live)
  3. Sail to the moon (Live)
  4. Go to sleep (Live)
  5. Where I end and you begin (Live)
  6. We suck young blood (Live)
  7. The gloaming (Live)
  8. There, there (Live)
  9. I will (Live)
  10. Myxomatosis (Live)
  11. Scatterbrain (Live)
  12. A wolf at the door (Live)
Gesamtspielzeit: 47:44 min

Im Forum kommentieren

Rote Arme Fraktion

2025-09-02 11:48:23

Bei There, There gehen die Leute richtig ab. Sehr genial :)

Armin

2025-09-01 21:11:49- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Huhn vom Hof

2025-08-16 14:30:02

Würd gern wissen, wo und wann "2+2=5" aufgenommen wurde. Eine 2003er-Liveversion aus London gab es damals auf der "Com Lag"-EP.

Scheint tatsächlich die Londoner Version zu sein (26.11.2003), aber evtl. neu abgemischt?

ijb

2025-08-16 14:04:07

Gibt's bei jpc in zwei Varianten

Um Himmels Willen - die eine LP kostet ja so viel wie die drei LPs der OK-Computer-Neuveröffentlichung mit dem "Bonus Album"!
Ich passe.

Huhn vom Hof

2025-08-16 13:12:53

Vinyl und CD kommen wohl am 31.10.

https://en.wikipedia.org/wiki/Hail_to_the_Thief#Further_releases

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