Pile - Sunshine and balance beams

Sooper / Cargo
VÖ: 15.08.2025
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Gegen die Angst

Warum hören Menschen Musik? Eine Frage, viele denkbare Antworten. Am Ende landet man aber meist bei einer ebenso allgemeinen wie stumpfen Aussage wie "Weil es ihnen gefällt". Gefallen oder Missfallen in Worte zu kleiden, ist Teil des Ringens mit der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Erst recht, wenn man Rezensionen schreiben soll. Klar, wenn man eine hohe dreistellige Zahl derartiger Texte erzeugt hat, stellt sich irgendwann so etwas wie Routine ein. Ein bisschen Hintergrundinformation hier, ein wenig Meinung da. Dazwischen dann mehr oder minder gelungene Versuche, zu Architektur zu tanzen. Und dann sitzt man plötzlich vor dem PC und hört ein Album, das einen aus dem Trott reißt. Ein Album, das so gut ist, dass die Superlative mit dem Zaunpfahl winken. Die Band zum Album heißt Pile, stammt aus Boston und macht seit ungefähr 15 Jahren irgendwas mit Lärm. Post-Hardcore, Noise-Rock, man kennt sich. Dabei stand und steht Sänger und Hauptsongwriter Rick Maguire im Mittelpunkt. Über ihn wird noch zu sprechen sein. Wie dem auch sei, Pile sind eine sehr produktive Band. Neun Alben, zahlreiche EPs, viele Singles hat das Quartett in wechselnder Besetzung bisher produziert. Das jüngste Werk hört auf den Namen "Sunshine and balance beams" und ist der Grund für diesen Text. Es stellt so etwas wie die Kulmination eines jahrelangen Prozesses dar, in dessen Verlauf die Band sich mehrmals gehäutet hat, ohne ihren einzigartigen Ansatz über Bord zu werfen. Die Musik von Pile ist wahrscheinlich anspruchsvoll, vielleicht auch etwas widerborstig. Aber sofern man beim Klang verzerrter Gitarren keine Panikattacken bekommt, ist sie Balsam. Da sind sie wieder, die Zaunpfähle.

Es hilft nichts. Ein Erklärungsversuch muss her. "Sunshine and balance beams" überwältigt. Es scheppert, es knarzt, es brennt sich bis ins Mark. Maguire und seine Kollegen zimmern hier auf neun Songs ein Manifest des Starrsinns. Sollen sich die anderen auflösen oder an den Teufel verkaufen, Pile wissen, wie ihre Musik zu klingen hat, und das fordert mindestens Anerkennung ein. Schon die vorab veröffentlichten Singles ließen erahnen, dass hier Großes auf die leider überschaubare Anzahl der Fans zukommt. "Born at night" sticht hierbei besonders heraus. Der Song ist ein stetes Auf und Ab, ein schier endloser Trommelwirbel deutet an, dass irgendwie, irgendwann die Hölle losbrechen wird. Und wenn sie das dann nach drei Minuten tut, starrt man fassungslos vor sich hin, während sich das Trommelfell löst. "Payoff" nennt man eine narrative Technik im Englischen. Pile sind Meister des Payoffs. Ihre Songs folgen nur selten dem klassischen Strophe-Refrain-Schema, sie erinnern vielmehr eher an klassische Kompositionen. Die dynamische Bandbreite ist hierbei atemberaubend. So beginnt "Bouncing in blue" zurückhaltend, fast zärtlich. Langsam schieben sich zusätzliche Klangschichten unter Maguires Stimme. Der Schlussteil besteht dann aus einem allumfassenden Geräusch, das einem die Eingeweide nach außen stülpt. Der Wahn, der diesem Geräusch zugrunde liegt, ist das, was das Leben erträglich macht. Er ist der Moment, wenn man im Angesicht der eigenen Endlichkeit aufhört, Fragen zu stellen.

Und dann ist da noch der Sound. Das Album klingt von vorne bis hinten fantastisch. Das Schlagzeug donnert in bester Albini-Tradition, die Saiteninstrumente werden voluminös und differenziert in Szene gesetzt. Immer wieder sorgen zusätzliche Elemente wie Streicher für Gänsehaut. Über allem thront Maguire. Lakonisch, distanziert singt er seine Verse, die sich nur selten reimen, aber immer beeindrucken. Er schreibt und schreit gegen das Unvermeidliche an, er kann und will sich den Zwängen der Konformität nicht beugen. In der Summe ergibt das ein Soundbild, das das brillante Songwriting perfekt in Szene setzt. Jeder Akzent, jede dynamische Steigerung sitzt. Nachzuhören ist dies etwa in dem Brecher "Deep clay", der von Anfang bis Ende für rhythmische Zuckungen sorgt. Auch hier finden Pile den idealen Moment, um das Gaspedal durchzutreten: Eine Wand aus Lärm bläst alles weg, bevor der Song urplötzlich in seine Einzelteile zerfällt und einer biestigen Coda Platz macht. Hier brüllt Maguire wie angestochen, während die Band die Instrumente zu Kleinholz verarbeitet. "An unquenchable thirst for enough / All fingers in earth / Dirt under my nails / Dust in my lungs / It is my belief / I can write my way out of whatever this place is", lauten die finalen Zeilen. Da ist sie wieder, die naive Verzweiflung des Künstlers. Die Windmühlen rattern im Wind, während der Autor mit dem Stift fuchtelt.

Um Pile zu verstehen, muss man auch einen Blick auf die harmonische Struktur ihrer Kompositionen werfen. Immer wieder nutzt die Band überraschende Tonart- und Akkordwechsel, was zwar die Einstiegshürde erhöht, den Songs aber große Tiefe verleiht. So springt "An opening" fast schon hektisch durch den Quintenzirkel, ohne dabei zu verkopfter Kunstkacke zu verkommen. Auch der famose Closer "Carrion song" vereint mutige musikalische Entscheidungen mit einer Eingängigkeit, die sprachlos macht. Emotionales Herzstück des Albums ist hingegen sicherlich das achtminütige "Meanwhile outside", eine Meditation über Verfall und Vergänglichkeit. Zähflüssig suppt die Musik aus den Lautsprechern, Maguire skandiert immer wieder "And hold it in", bevor er zu einem fatalistischen Schluss gelangt: "Find nowhere at rest / With a persistent itch". Die zweite Hälfte des Songs kreist um ein simples Gitarrenmotiv, das sukzessive unter einem Berg aus Verzerrung begraben wird. In einer Zeit, die Wahrheit mit Meinung und Führung mit Faschismus verwechselt, gibt es keinen Raum für eine Band wie Pile. Aber genau darin liegt der Reiz: Gerade weil die Musik der Band so unzeitgemäß ist, wirkt sie wie ein Monolith gegen die Angst. Darf man im Jahr 2025 noch Authentizität sagen? Kann das Wort überhaupt jemand richtig aussprechen?

Am Ende geht es sowieso um uns. Die zwischenmenschliche Resonanz, das ewige Ringen. "Holds" liefert vielleicht die Antwort. "It won't ever arrive / That peace, a land grab / And all hands are tied / And relief isn't coming / Unless acceptance comes with it", singt Maguire da. Dem Leben etwas abgewinnen zu können, impliziert, dass es Sieger und Verlierer gibt. Wer das ist, liegt im Auge des Betrachters. Und wir alle wissen, wie unangenehm Dinge im Auge sind. Man reibt und reibt, und alles, was dabei herauskommt, sind Tränen. "Fear holds the line for all that blinding rage / But let's see how hard I can push against it", resümiert Maguire lapidar und wischt sich dabei ein Sandkorn aus dem Augenwinkel. Der Staub, der ihm entgegenweht, kündet von einer düsteren Zeit. Er hat keine Antworten, keine Lösungen. Er hat nur eine Band. Eine ziemlich unbekannte, stoisch weitermachende, großartige Band. Sich an Kunst zu klammern, hat immer auch eine romantische Qualität. Aber was heißt das schon. Am Ende sagt man dann wieder so etwas wie "Mir gefällt die Musik", und die anderen nicken oder schütteln den Kopf. Währenddessen flackert das Lagerfeuer, das man zwischen den Glastürmen entfacht hat.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Deep clay
  • Bouncing in blue
  • Born at night
  • Meanwhile outside

Tracklist

  1. An opening
  2. Deep clay
  3. A loosened knot
  4. Bouncing in blue
  5. Uneasy
  6. Holds
  7. Born at night
  8. Meanwhile outside
  9. Carrion song
Gesamtspielzeit: 42:10 min

Im Forum kommentieren

Marküs

2025-12-03 15:58:19

Von den knapp hundert Platten die ich gekauft habe, wohl eine der drei langweiligsten leider. Hatte aber auch etwas anderes erwartet. Mehr Post Hardcore

Christopher

2025-11-29 17:53:04

Höre es grade mal wieder. AOTY mit Abstand, trotz Rosalía.

Hierkannmanparken

2025-11-28 11:16:32

Damit sind sie ja live eingestiegen. Der Refrain mit den Whoos im Hintergrund und dass der Song irgendwann - wie in der Rezi auch geschrieben - das Gaspedal durchdrückt, ein Hammergefühl. Ähnlich finde ich das auch bei Born At Night, wenn das Schlagzeug den Trommelwirbel gegen Ende endlich auflöst und durchspielt.

Ich überlege tatsächlich, mir auf Bandcamp noch die digitale Version zu kaufen, damit ich unterwegs nicht auf das Intro verzichten muss.

rainy april day

2025-11-24 22:28:27

Deep Clay ist mit weitem Abstand Song des Jahres bei mir. Tolles Album generell, aber dieser Song ist zum Niederknien.

Hierkannmanparken

2025-11-23 11:57:19

Nach einigen Wochen jetzt hat es sich wie folgt eingependelt:
Balance Beams - Deep Clay 10/10
A Loosened Knot - Holds 8-9/10
Born At Night - Carrion Song 9-10/10
Für mich mit Abstand das Album des Jahres, sehr starke 9, mit den Songs in der Liveversion ist es die 10.

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  • Pile (18 Beiträge / Letzter am 11.11.2025 - 10:19 Uhr)