Water From Your Eyes - It's a beautiful place

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 22.08.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Auf Kollisionskurs

Was ist cooler, Dein Lieblings-Indie-Rock-Album oder irgendein beliebiger Dinosaurier? Laut Nate Amos klar letzteres – in Anbetracht der ganzen Geschichte unseres Planeten oder gar des Universums ist jedes Kunstschaffen ja irgendwie unbedeutend. Er und Kollegin Rachel Brown beschäftigen sich nach eigener Aussage andauernd mit "kosmischem Existenzialismus", was vielleicht erklärt, warum sie als Water From Your Eyes ihre rund halbstündigen Alben so vollstopfen, als würde die Konzentration möglichst vieler Stile in kurzer Zeit alle Geheimnisse der Welt offenlegen. "It's a beautiful place", der Nachfolger ihres Mini-Durchbruchs "Everyone's crushed", verarbeitet die Erfahrung, als vierköpfige Band zu touren, doch natürlich bildet dieser neue Rock-Fokus nur die halbe Wahrheit ab. Das New Yorker Duo bleibt faszinierend eigenständig und unvorhersehbar, vergisst bei allen Abenteuerausflügen aber nicht, dass Spaß und Bewegung immer an oberster Stelle stehen.

Dazu gehört, dass sie die Avantgarde in Form eines Geräusch-Intros und eines -Outros verstauen, wobei sich die beiden Titel zusammen gelesen als "One small step for mankind" verstehen. Als erster vollwertiger Song der Platte brettert "Life signs" mit Metal-nahen Riffs los, Brown sprechsingt sich gelangweilt durch die Strophen und hebt einen unerwartet poppigen Refrain aus den Verstärkern, der wie aus einem anderen Track gerissen klingt. "Nights in armor" ventiliert von Anfang an mehr Luft zwischen Gitarre und Bass, bevor es sich in vertrackten Saiten-Verrenkungen ergeht, die sich ungefähr als Dreampop-Core erfassen lassen. Es ist die große, meisterhafte Kunst von Water From Your Eyes, Hooks am laufenden Band zu produzieren und sich dennoch nie in die Karten schauen zu lassen. Browns Gesang klingt durchweg so, als würde sie ihre wahren Emotionen verschleiern, während die Kompositionen regelmäßig androhen, vor die nächstbeste Wand zu fahren.

Und doch finden sie immer die richtige Ausfahrt. "Born 2" veranstaltet den größten Gitarren-Abriss zwischen Shoegaze und Bubblegum-Grunge und verglüht langsam unter Antrieb von im Schlussdrittel dazukommenden Breakbeats. Klar, dass "You don't believe in God?" daraufhin erstmal eine kurze Ambient-Pause einläuten muss. Nach dieser Intermission will "It's a beautiful place" nichts mehr von den verzerrt-wuchtigen Eskapaden der ersten Albumhälfte wissen. Stattdessen knotet sich "Spaceship" einen psychedelisch verstrahlten Kraut-Groove zusammen: Dezent indisch anmutende Gitarrenfiguren treffen auf einen stoischen Bass, Beat-Fragmente schauern mit wechselnden Tempi darüber, und Synth-Streicher greifen nach den Sternen. Erneut existieren sanfte Melodien und Dissonanzen nicht nur wie selbstverständlich nebeneinander, sondern verschmelzen zu einer vollkommen homogenen Einheit. Water From Your Eyes hören gar nicht mehr damit auf, ihr Publikum in Staunen zu versetzen.

Das gelingt am stärksten in "Playing classics", einem pumpenden Dance-Track, der auf einer sich selbst Beinchen stellenden Piano-Linie fußt und sich knapp sechs Minuten lang von keinem Störgeräusch oder Saitengesäge vom Kurs abbringen lässt. Nachdem das Titelstück 50 Sekunden lang vor sich hin soliert hat, fügt der Quasi-Closer "Blood on the dollar" dem Album nur noch einen schluffigen, schnörkellosen Indie-Rocker hinzu. Auf seltsame Weise passt es zu dieser ungreifbaren, jährliche Boot-Shows auf dem East River spielenden, Red-Hot-Chili-Peppers-Videos nachstellenden Band, kein Ausrufezeichen zum Abschluss zu setzen, sondern komplett tiefenentspannt zu bleiben. Womöglich ist unser Musik-Generde in der Geschichte des Universums wirklich keine Fußnote wert, doch Alben wie "It's a beautiful place" schaffen es trotzdem, sich beim Hören wie das Wichtigste der Welt anzufühlen. Der Dinosaurier, der cooler als das sein soll, muss erst noch ausgebuddelt werden.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Life signs
  • Born 2
  • Playing classics

Tracklist

  1. One small step
  2. Life signs
  3. Nights in armor
  4. Born 2
  5. You don't believe in God?
  6. Spaceship
  7. Playing classics
  8. It's a beautiful place
  9. Blood on the dollar
  10. For mankind
Gesamtspielzeit: 29:07 min

Im Forum kommentieren

Lucas mit K

2025-12-12 10:47:06

„Playing Classics“ ist sooo guuut.

AndreasM

2025-12-06 18:00:10

Ist auch bei meinen Jahres-Highlights dabei!

Ituri

2025-12-06 14:53:46

Auch ein Highlight, dass ich erst viel zu spät entdeckte. Krasses Ding!

MickHead

2025-12-03 19:28:38

Heute erschien die Companion-EP "It's Beautiful"

https://waterfromyoureyes.bandcamp.com/album/its-beautiful

Tour 2026

15 JUN – Berlin, DE @ Tempodrom *

* Hayley Williams

myx

2025-09-02 18:02:18

Ich gönne mir das Album heute Abend mal wieder, danke. :) Vor allem die Singles "Life Signs" und "Playing Classics" habe ich schon ziemlich oft gehört, v. a. deshalb wollte ich das Anhören ein bisschen dosieren.

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