Sombr - I barely know her
SMB / WarnerVÖ: 22.08.2025
Nothing but a heartache
Shane Boose ist ein überaus talentierter Mann. Diese Feststellung ist hinreichend trivial vor dem Hintergrund, mit gerade einmal zwanzig Jahren sein erstes kommerzielles Album geschrieben und zu großen Teilen selbst produziert zu haben. Im Vergleich zu anderen Künstlervitas, die in so jungen Jahren beginnen, findet man unter den Einträgen für Co-Produktion oder weiteren Credits überhaupt angenehm wenig. Sombrs Geschichte ist somit romantisch kurz: Geboren und aufgewachsen in New York, wo er mit etwa elf Jahren anfängt, sich als Autodidakt mit Garageband auseinander zu setzen, um sich einige Jahre später an einer High School mit Schwerpunkten in Musik und Schauspiel einzuschreiben. Währenddessen auf den eigenen Socials dann erste Songs veröffentlichen, damit viral gehen und binnen einiger Monate die Schule schmeißen und die Welttournee planen. Der ganz normale Irrsinn halt. Die Gefahr bei einem solchen Unterfangen besteht, zumindest aus künstlerischer Sicht, darin, dass man sich ein wenig zu sehr auf die Impulse verlässt, die einem die ganze positive Resonanz eingebracht haben und dann am Ende doch wieder alles recht gleich klingt. Und bei aller Qualität passiert leider genau dies.
Thematisch bewegt sich Sombr bei "I barely know her" im Genre der Beinahe-Liebeslieder. Jedes der zehn Stücke bringt eine Facette auf, warum es mit der Zweisamkeit oft so schwierig ist – ob es nun das fehlende Vertrauen in den eigenen Selbstwert, die Müdigkeit, sich nach einer Abfuhr nochmals in den Datingdschungel zu stürzen, oder schlicht die bedauerliche Promiskuität der Angebeteten ist; man kann die Frage, wie es geht, eigentlich nur damit beantworten, dass man so vor sich hinstolpert. Die Lyrics bewegen sich dabei mehr oder minder auf Branchenstandard und haben zumindest den Vorteil, nicht unangenehm aufzufallen. Gerade in dem Alter neigt man ja gerne dazu, zu glauben, so unendlich tief zu fühlen und landet dann doch bei reichlich wiedergekäuten Plattitüden. Ganz so arg ist es dann nicht, doch wirkliche Highlights wie "I don't want the children of another man / To have the eyes of the girl I won't forget" aus der Hit-Single "Undressed" befinden sich aber leider nur selten darunter.
Booses Stärke liegt ohnehin eindeutig im Arrangement seiner Songs. Da lungert eine gewisse Menge College-Pop, die einen in die Debützeiten von Vampire Weekend zurückversetzt und so eine dezente Beach Boys-Attitüde mit synthetischen Einschlägen, vielleicht am ehesten mit The Drums oder Fun. zu vergleichen. Allerdings entscheidet sich Sombr dafür, es hier bei bloßen Andeutungen zu belassen und zieht für seine Singles bei Bedarf auch mal einen Discobeat ("12 to 12") oder eine M83-Soundwall ("Back to friends") aus dem Plattenschrank, was aber weitestgehend unabhängig vom jeweiligen Inhalt passiert. Ohne es ausprobiert zu haben, liegt die Vermutung nahe, dass die Songs ziemlich ähnlich wirken würden, wenn man die Instrumentals dahinter untereinander austauschen und auf die jeweilige Rhythmik anpassen würde – die BPM bleiben ohnehin recht konstant über das Album hinweg, was diesen Eindruck wohl so prominent macht. Gegen Ende des Albums entsteht mit "We never dated" jedoch zumindest schon einmal so ein Eindruck davon, wie die Basis eines variantenreicheren Albums in Zukunft so potentiell aussehen könnte.
"I barely know her" ist somit ein insgesamt hinreichend gelungenes Debüt eines angehenden Künstlers, der mit seinen ersten kommerziellen Erfolgen hoffentlich noch etwas mehr Reibungsfläche entwickeln wird. Es ist Sombr hoch anzurechnen, dass er trotz seines jungen Alters in Interviews durchaus realistisch mit seiner Situation umgeht und sich selbst auch eindeutig erst als "artist to be" begreift. Trotz der persönlichen Sympathien dafür wirkt selbst die kurze Albumlänge für Boose dann doch noch eine Nummer zu groß, um sie durchgängig interessant zu gestalten. Der Wille zum Experiment scheint entweder noch nicht ausgeprägt oder im eigenen Werkzeugkasten noch nicht zugänglich zu sein. Und so bleibt als etwas ernüchterndes, aber vielleicht auch tröstliches Fazit nur die große Bonnie-Tyler-Weisheit: "It's a heartache / Nothing but a heartache."
Highlights & Tracklist
Highlights
- Back to friends
- We never dated
- Under the mat
Tracklist
- Crushing
- 12 to 12
- I wish I knew how to quit you
- Back to friends
- Canal Street
- Dime
- Undressed
- Come closer
- We never dated
- Under the mat
Im Forum kommentieren
7th Seeker
2025-09-26 14:41:58
Habe jetzt ein paar Mal durchgehört, und gehe letztlich voll mit beim Urteil des werten Rezensenten. Eine handvoll wirklich guter Popsongs, aber daneben vieles geht dann doch in der sehr monothematischen Masse unter. Und bei Canal Street hat er sich auch für mich ziemlich verhoben.
Kontermutter
2025-08-25 21:30:51
Das finde ich spannend, weil gerade "Canal Street" für mich so dermaßen theatralisch ist, dass ich mich wirklich gefragt habe, was der Song auf dem Album überhaupt bringen soll. Das erste Crescendo mit "I tried to go on dates / But none of them are you" ging mir dann auch gegen den Strich, lazy writing.
"12 to 12" sehe ich aber. Das liegt bei mir eher darin begründet, dass ich in letzter Zeit kraftvollere Funkbeats hörte, wogegen das hier dann etwas handzahm ist im Vergleich.
Ich werde mich aber auf sein nächstes Album freuen und hoffe, dass er sich thematisch im Songwriting breiter aufstellt.
Edrol
2025-08-25 20:09:25
Mir gefällt das Album ausgezeichnet. "12 To 12" und "Canal Street" sind aus meiner Sicht zwei große Highlights. Für mich klingt das eher wie eine 8/10.
Armin
2025-08-24 09:02:55- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
Meinungen?
Enrico Palazzo
2025-08-23 14:53:56
Ersteindruck: überraschend gut auf Albumlänge - ich glaube, er hat viel Animal Collective resp. Beach Boys gehört, so kommt es mir bei einigen Melodieführungen vor. Muss ich mir noch ein paar Mal geben, um ne konkrete Bewertung zu haben.
Hintenraus scheint mir die Platte nochmal besonders gut zu sein.
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