Dr. Drexler Project - Neoliberale Kackscheiße

Paulapaul / Sounds Of Subterrania
VÖ: 01.08.2025
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Kein Standortvorteil

"Segelboot: Symbol für Wohlstand oder schon für Reichtum?" Eine Frage, die sich ernsthaft wohl nur jene stellen können, die eine "Kapitalakkumulation" hinter sich haben. Dr. Drexler Project gehören nicht dazu, obwohl die Augsburger ihrem erstem Album 2019 ebendiesen Titel verpassten und schroffen, exaltierten Post-Punk im Spannungsfeld von Neuer Deutscher Welle und Früh-Elektronik mit markig-sarkastischen Slogans wie dem eingangs genannten unterfütterten. Ein anderer lautete "Beton muss her", verhandelte die fortschreitende Vergletscherung der Menschlichkeit im Zeitalter der Gentrifizierung und wanzte sich listig an Palais Schaumburgs Klassiker "Wir bauen eine neue Stadt" heran – mit ähnlich knirschig zerhackten Mitteln, wie sie Anfang der Achtziger bereits S.Y.P.H., Fehlfarben oder Front etabliert hatten. Ganz schön kaputt, ganz schön zutreffend.

Bröckelnden Sozialstaat und abgehängte Bevölkerungsschichten illustriert das Kollektiv um den als schauerliche, tragikomische Pantomime auftretenden Namensgeber nämlich so zielsicher wie musikalisch angemessen: mit Blech im Sound, Fliegen im Kopf und Wahn in der Stimme. Dass der Mann bürgerlich David Jahnke heißt, interessiert dabei ebenso wenig wie die Tatsache, dass Helmut Kohl Apfelmus zeitlebens Apfelbrei nannte: Ist die "Neoliberale Kackscheiße" erst mal am Dampfen, gibt es schließlich wichtigere Dinge, um die sich Dr. Drexler Project kümmern müssen. Unfrisch ans Werk also – mit einem hämischen "Und alle so: Yeah!" zu Beginn des Openers "Gesellschaftlicher Normalbetrieb". Von Jahnke mit dem gleichen übergeschnappten Organ intoniert, das schon Mediengruppe Telekommander nutzten, um Werbe-Claims maximal zu entstellen.

Und auf links zu ziehen gibt es auch auf "Neoliberale Kackscheiße" einiges: Niedriglohnsektor, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, nationalistische Tendenzen zwecks Sicherung der eigenen Pfründe sowie das unflätig formulierte Wirtschaftsmodell im Titel, das trotz FDP-Tief offenbar noch lange nicht ausgedient hat. Beste Voraussetzungen für die rohen Klangbrachen, die Dr. Drexler Project schabend aus ihren kurz vor der Schrottreife stehenden Instrumenten wringen – allen voran Bruno Tenschert alias Der Herr Polaris, der mit knarzigen Bassläufen und groben Riffattacken nicht nur dem lautstark gegen Verteilungskämpfe wetternden "Eure Heimat kotzt mich an" eine sehnige Struktur verleiht. Im gleichen Sinne fackelt "Grüner Kapitalismus" E-Autos ab und das schadhaft kokelnde "8 Stunden" gleich den ganzen Arbeitstag. Wehe allen, die einen haben.

Als bloße Punk-Platte sollte man dieses Album jedoch nicht verstehen, denn trotz mitunter schmutzigen Vokabulars zerbeulen euphemisierende Wortungetüme wie "Leistungsbilanzüberschüsse" oder "Belastungsmoratorium" hier das Hirn so lange, bis es dank drahtigen Groovern und Synth-Boogies für Bürgergeld-Aufstocker von alleine ausdruckstanzt. Sogar zu den entwurzelten Coverversionen "Plastik" und "Deutsche Traditionen", im Original von den Starnberger Veteranen A+P respektive den Gießenern The Annoyed – zwei Bands, die soziale Verwerfungen und großdeutschen Wahn schon vor langer Zeit anmahnten. Immerhin sorgen die Proto-EBM von "Die Stadt" und der fast swingende Indie-Rocker "Leidenschaft" in diesem mutwillig trostlosen Kontext für ein wenig Spaß. Standortvorteil Deutschland war mal – "Neoliberale Kackscheiße" wird bleiben.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Eure Heimat kotzt mich an
  • Leistungsbilanzüberschüsse
  • Grüner Kapitalismus
  • Die Stadt
  • Leidenschaft

Tracklist

  1. Gesellschaftlicher Normalbetrieb
  2. Eure Heimat kotzt mich an
  3. Neoliberale Kackscheiße
  4. Leistungsbilanzüberschüsse
  5. Plastik
  6. ZEITreisen
  7. Grüner Kapitalismus
  8. Belastungsmoratorium
  9. 8 Stunden
  10. #unten
  11. Deutsche Traditionen
  12. Fassade ohne Funktion
  13. Die Stadt
  14. Burnout
  15. Essen schmeckt, Wetter gut
  16. Leidenschaft
  17. Faden verloren
Gesamtspielzeit: 41:02 min

Im Forum kommentieren

Enrico Palazzo

2025-08-07 21:47:24

Nanu, keine Goldenen Zitronen in den Referenzen?

Hab nur kurz reingehört aufgrund der tollen Songtitel. Klingt vielversprechend, morgen dann in Ruhe!

Armin

2025-08-07 21:01:24- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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