Justin Bieber - SWAG

ILH / Def Jam / Universal
VÖ: 11.07.2025
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 2/10
2/10

Essen Angst Seele auf?

"On this album right here, I can hear the soul!", attestiert eine schmeichelnde Stimme Justin Bieber. Es ist nicht die eines der zehn externen Produzenten, die an Biebers ohne Vorankündigung veröffentlichter siebter LP mitwirkten. Sondern die des Komikers Drew Desbordes, besser bekannt als Druski. Der Gelobte flötet nur ein "Thank you!" zurück, ehe der Redeschwall Druskis weiterfließt: Biebers Haut sei weiß, seine Seele jedoch schwarz. Wieder bedankt sich der 31-jährige Weltstar wie ein schüchterner kleiner Junge nach einem Lob seiner Klassenlehrerin. Seine gesangliche Orientierung an den Riffs und Runs von R'n'B-Größen auf "SWAG" ist jedoch kein Novum. Nicht nur deshalb dürfte Druski die Zweideutigkeit seines skurrilen Komplimentes bewusst sein. Seit Jahren ergötzt sich die Klatschpresse an der – zugegebenermaßen nicht ganz unrealistischen – Annahme, dass eine riesige Lücke klaffe zwischen der heilen Welt, die Bieber im Großteil seiner seit 2010 auf Albumlänge veröffentlichten Songs verkauft, und seinem Innenleben. Ob es sich bei "Soulful", einem von drei Interludes mit Beteilung Druskis, um einen klassischen Skit handelt, also um einen gestellten, humoristisch gemeinten Dialog, bleibt unklar. Die Unterlegung des bizarren Gespräches mit Keyboardklängen, die an US-Infomercials aus den Achtzigern erinnern, spricht dafür. Und doch wirkt die Konversation authentischer als der Großteil der Tracks auf den vorangegangen sechs Alben.

Die Produzentenschar um Carter Lang und Dylan Wiggins entschlackt den Soundbrei früherer LPs des einstigen Teeniestars, setzt auf dezentere Keyboard- und Synthiesounds, die ab und an auf Poptitanen der Achtzigerjahre schielen. Das kommt nicht nur den Intros von Songs wie "All I can take", "Go baby", oder "Way it is" zugute. Dass man offenbar nicht die Courage hatte, sich von zeitgeistigen Gimmicks wie Autotune zu trennen, ärgert deshalb umso mehr. Um im pathetischen Duktus Druskis zu bleiben: Durch diese Inkonsequenz büßt das Album an Seele ein. Bieber indes säuselt und hechelt sich durch Liebeslyrik, die klingt, als sei er unter einem Mistelzweig zurückgeblieben, während ihm die ihn einst anhimmelnden Mädchen längst entwachsen sind. Die oft aufgesetzt wirkenden gesanglichen R'n'B-Manierismen stören dabei mehr als die seichten Texte. Ausnahmen wie der Titeltrack bestätigen die Regel. Im lyrischen Lowlight werben Lil Bieber und seine Gäste gemeinsam um die Gunst einer Unbekannten. Cash Cobain stellt sich dabei mit in luftige Höhe gepitchter Stimme als "Swag King" vor. Seine Majestät zeigt ihren Hunger mit den Worten "You look like more than a snack, bae", ehe JB der Auserwählten eintrichtert, sie benötige keinen anderen Körper als den seinen unter ihrem. Wenn das Sophisti-Pop sein soll, war dieser schon mal kultivierter. In anderen Worten: Die Lyrics können nicht einhalten, was die Hochglanzproduktion verspricht.

"SWAG" wirkt unentschlossen, bringt mit lasziven Rapeinlagen gelangweilt wirkender Gäste (hallo Sexyy Red!) und einer die LP abschließenden frommen Gospelballade des Pastors Marvin Winans zusammen, was nicht zusammenpasst, will es zu vielen recht machen. Dass das Album auf den Streamingplattformen in einer "expliziten" und einer "cleanen" Version aufrufbar ist, passt ins Bild. Und doch stechen im mixtapeartigen Kuddelmuddel aus fünfzehn Songs im State-of-the-art-Klang, drei Interludes und drei LoFi-Aufnahmen einige Tracks positiv hervor. Auffällig: Es handelt sich ausnahmslos um Songs, in denen eine Gitarre den Part des Leadinstrumentes übernimmt. Das kontemplativ-rhythmische "Yukon" benötigt nicht mehr als drei Akkorde und 2 Chainz' Background-Vocals, um zu begeistern. Selbst der unnötige Autotune-Einsatz kann der Pop-Perle wenig anhaben. Auch "Daisies", die unerwartete Zusammenarbeit mit Mk.gee, bis dato eher in der Indie-Ecke verortet, punktet mit zurückhaltender Instrumentierung. Viel später, nach fast fünfzig wechselhaften Minuten, passiert das kaum für möglich Gehaltene: Bieber lässt das Handy im "Zuma house" mitschneiden, nimmt die Akustikgitarre in die Hand, singt übers Hinfallen, klingt verletzlich, ja, verletzt. Man fragt sich nur, was den Kanadier davon abhält, seine Stimme häufiger so einzusetzen, dass man ihm Emotionen abkauft.

Im Interlude "Therapy session" imitiert Druski die sensationslüsterne Leserschaft der bieberschen Social-Media-Aktivitäten, indem er "Oh my God, he's fucking losin' his mind!" ausruft. Sein Gegenüber sucht daraufhin mit belegter Stimme nach den richtigen Worten und schildert sein Unbehagen. Nicht etwa sein Unbehagen angesichts der Menschen, die sich wegen seiner Posts über ihn lustig machen. Sondern sein Unwohlsein aufgrund von Fragen, wie es ihm gehe. Weil er Angst hat, echte Emotionen zu zeigen? Druski stellt die in der Luft liegende Frage nicht. Und bietet seinem Gegenüber stattdessen – wie ein Musikmanager, der seinem Klienten Honig ums Maul schmiert und sich für dessen Seelenleben keinen Deut interessiert – eine Zigarre an. Wieder bleiben Zweifel, ob es sich anstelle eines einstudierten Skits um einen Mitschnitt eines spontanen Gespräches handelt. Jedenfalls scheinen die den Albumfluss ausbremsenden Interludes Bieber wichtig zu sein, andernfalls wären sie nicht auf dem ohnehin zu langen "SWAG" gelandet. Warum aber kommuniziert er das, was er mit ihnen sagen will, nicht stattdessen in seinen Songs?

(Dennis Rieger)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Daisies
  • Yukon
  • Zuma house

Tracklist

  1. All I can take
  2. Daisies
  3. Yukon
  4. Go baby
  5. Things you do
  6. Butterflies
  7. Way it is (feat. Gunna)
  8. First place
  9. Soulful (feat. Druski)
  10. Walking away
  11. Glory voice memo
  12. Devotion (feat. Dijon)
  13. Dadz love (feat. Lil B)
  14. Therapy session (feat. Druski)
  15. Sweet spot (feat. Sexyy Red)
  16. Standing on business (feat. Druski)
  17. 405
  18. Swag (feat. Cash Cobain & Eddie Benjamin)
  19. Zuma house
  20. Too long
  21. Forgiveness (feat. Marvin Winans)
Gesamtspielzeit: 54:09 min

Im Forum kommentieren

Zappyesque

2025-08-02 09:48:23

Mit „Daisies“ ein viel zu guter Song drauf, den er nicht verdient hat geschrieben und produziert zu bekommen. Wäre auch ein Höhepunkt auf einer Dijon oder mk.gee Platte, vielleicht mit etwas besserem Text. Sonst viel belangloses hier - hätte auch nicht reingehört, wären die oben genannten nicht involviert gewesen…

oldschool

2025-08-02 09:44:49

Besprechung liest sich keinesfalls wie eine 5/10

Francois

2025-07-29 17:14:23

kommt mir zu gut weg... erster - und auch letzter - Hördurchgang: KI-generierte Durchschnittsmusik, vieles klingt wie eine Kopie der vorherigen Nummer. Langweilig

Armin

2025-07-29 15:54:27- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

SiebenEuroVier

2025-07-16 09:21:16

Sag ich doch.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum