Sex Beat - Crack
This Charming Man / CargoVÖ: 20.06.2025
Bloß so ruiniert
"Kein Studio, kein Produzent, keine Ahnung." So lautet kurzgefasst der, nun ja, Plan hinter dem zweiten Album von Sex Beat. Darf's noch etwas weniger sein? Schließlich war schon der ganzkörpertätowierte Herr auf dem Cover von "Call me" so gut wie gar nicht bekleidet, und in puncto Gesamtspielzeit hat sich das Berliner Quartett im Vergleich zum knapp bemessenen Erstling noch einmal um zwei Tracks und fünf Minuten heruntergehungert. Oder vielmehr: seine konzentrierte Power so weit eingedampft, dass genauso wenig Fett übrigbleibt wie auf den Knochen aller Konsumenten der ruinösen Substanz, die diesem gar nicht langen Longplayer seinen Titel gibt. Statt mit Junkie-Klagen platzt Frontmann Florian Pühs jedoch gleich zu Beginn mit einer Extraportion Selbstekel heraus. "That face in the mirror / It's giving me shivers / It's a stab in the back / Hello panic attack." Und so lässt sich das Bekenntnis "You make we wanna try crack" ebenso gut als ein fatalistisches "Da kann ich mich ja gleich mit Benzin übergießen" lesen.
Punkrock im Selbstzerstörungsmodus also – mit verdammt catchy Hooks. Das ähnelt im eröffnenden Titelstück nicht nur der atemlosen Verzweiflung des The-Gun-Club-Klassikers, nach dem sich Sex Beat mutmaßlich benannt haben. Sondern mitunter auch dem rabiaten Joy-Division-Vorläufer Warsaw, wenn Ian Curtis zum Geschredder seiner Kollegen mit dem Kopf vor die Wand gelaufen wäre, bis es aufhört, wehzutun. Oder, um es eine Nummer kleiner auszudrücken: Sex Beat klingen wie Pühs' frühere Bands Herpes und Ecke Schönhauser, bei denen im gehetzten "Neues England" oder dem überrissenen "Partner in crime" ähnlich der Punk steppte. An ersteres Stück erinnert vor allem das sich mit robustem Basslauf und spitzen Riff-Ellenbogen nach vorne drängelnde "This machine kills no one", während der Sänger gegen scheinheilige Moralapostel, Geldsäcke und gewalttätige Polizisten krakeelt – beruhigend, dass "Crack" auch an einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft kein gutes Haar lässt. Kein Außen mehr? Sex Beat bitten darum.
Oft sogar zweistimmig, denn Bassistin Rosa Marina Claros keift in der Schwitz-Hymne "No wah-wah" oder beim herzlich misanthropen "All men are enemies" immer wieder giftig dazwischen. "Four legs good, two legs bad" – ein Antrag an die lieben Mitmenschen, sich möglichst schnell und geruchlos in Luft aufzulösen. Oder "To hell" zu fahren – zu einem kickenden Indie-Dance-Rocker, wie ihn Mitte der Nullerjahre auch Franz Ferdinand oder Radio 4 hätten raustun können, ehe sich das Stück in einem heruntergestimmten Stromgitarren-Loop verfängt. Der Closer "Hungry ghost" spukt im gleichen Sinne durch ein schlaufenartiges Motiv, rappelt sich dann aber noch einmal auf, damit plärrende Leads und ein überschnappender Pühs "Crack" standesgemäß beschließen – übrig bleiben lediglich hoffnungslos überzogene Konten und verhängnisvolle Liebschaften, die einen am Ende auch das letzte Hemd kosten. Aber was genau Sex Beat bloß so ruiniert hat, spielt im Grunde keine Rolle, solange sie ein tolles, speckiges Album wie dieses hinkriegen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Crack
- This machine kills no one
- To hell
Tracklist
- Crack
- This machine kills no one
- No wah-wah
- Punching bag
- To hell
- All men are enemies
- Rosa's in Spain
- Hungry ghost
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Kontermutter
2025-07-16 19:50:29
Mich erinnert das hier stimmlich sehr an Future Of The Left, was ich ja erstmal sehr gut finde. Leider hat das Album für mich, trotz nur 22 Minuten, aber zu wenig Variation.
"All men are enemies" würde ich da ausnehmen wollen, aber ansonsten... Ja, nun ja.
Immermusik
2025-07-16 18:31:27
Schön knackige 21 Minuten. So mutt dat.
fuzzmyass
2025-07-16 18:28:51
Stimmt :D
Wollte es nur mal in aller Ruhe hören und die Tage war recht viel los... kommt aber definitiv noch
fuzzmyass
2025-07-16 17:23:40
Bisher nur den Titeltrack und der gefällt... ins ganze Album muss ich noch hören in den nächsten Tagen
fuzzmyass
2025-07-14 17:55:43
wer sich auf Gun Club bezieht, kann schon mal gar nicht sooo schlecht sein... muss mal da reinhören
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