S.G. Goodman - Planting by the signs

Slough Water / Thirty Tigers / Membran
VÖ: 20.06.2025
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

"Moonshine" oder: wenn Kentucky exportiert

Am Anfang war der Mond. Als S.G. Goodman vor rund zwei Jahren die Arbeit an ihrem neuesten Songzyklus aufnahm, schien der Erdtrabant hinein und prägte seinen eigenen Zyklus auf. Wann der Garten zu bepflanzen, wann es Zeit für kreative Prozesse und optische Veränderungen ist, stimmte sie fortan mit dem Mondkalender ab, gab ihre Erkenntnisse an Nichten und Neffen weiter und fand darin ein Antidot gegen Profitsucht und Hyperkapitalismus. Ja, auch das sind die Südstaaten: Goodman, spürbar verwurzelt im Westen Kentuckys, singt mit gastlicher Wärme und dezentem Drawl Songs, die sich stets dem immensen musikalischen Schatz ihrer Heimat respektvoll anschmiegen. Nicht, weil der Ausdruck festlegt, sondern weil er der eigenen Geschichte ein kollektives Vokabular verleiht. Country, Blues und Folk gefiltert durch eine DIY- und Indie-Ästhetik: Schon die ersten Sekunden des Openers "Satellite" künden davon. Seine knochentrockene Produktion, die zunächst bloß spärliche Klavier- und Gitarrentöne zulässt, würzt Goodman mit feinen Gesangsmelodien. Mit dem zweiten und dritten Refrain legt der Song seine Scheu ab und zwinkert beinahe poppig. "Kingdom come, it's the same for everyone", wiederholt Goodman mantraartig und auf einem schlammigen Feldweg sieht man Lucinda Williams mitwippen.

Noch etwas eingängiger kommt "Fire sign" daher, eingangs auf Bass und Schlagzeug gebaut, dann von einer langsam flirrenden Gitarre entrückt. Goodman harmoniert sphärisch mit sich selbst – "shapeshifting through the night of life's turnrows" – bis sogar kurz Lana Del Rey in den Sinn kommt: freilich in Anorak statt Abendkleid. In der Folge entpuppt sich "Planting by the signs", Goodmans drittes Studioalbum, als von einer weiteren Zyklizität geprägt, der aus Verlust und Versöhnung. Im Herzen der elf Songs findet sich "Michael told me", Goodmans Liebeserklärung an einen kürzlich verstorbenen engen Freund, der zugleich eine Art Vaterfigur war. Sacht treibt das Schlagzeug ihre Zeilen voran, Goodman phrasiert subtil und gerade darum bewegend. Eine Fähigkeit, die nicht zufällig an Will Oldham erinnert, schließlich ist der später noch als Partner zum Dialog mit dem Bergecho ("Nature's child") geladen. Zwischendurch sucht Goodman nach Einsicht in der Einsamkeit im passend betitelten "Solitaire", das so reduziert wie möglich vorgeht, um Goodmans Gesang vollends in den Vordergrund zu rücken. Hier, wie im ähnlich zurückgenommenen "Heat lightning", umfängt ihre volle, leicht rauchige Stimme, als habe Cat Power, jene andere Chronistin der Südstaaten, sich ihrem Timbre eingeschrieben.

Die poppigeren Elemente des Beginns verlieren sich im Verlauf von "Planting by the signs" zunehmend, stattdessen kehrt Goodman ihre kontemplative Seite hervor, verlangt dramaturgische Geduld. "I can see the devil" spielt mit Blues-Tropen; ein bedrohlicher Delay liegt auf der Gitarre und forciert Geständnisse zwischen Ende und Anfang: "It'd be my last request up on death row / To taste the sunshine that made the little greens grow." Die dezente Gitarrenarbeit von Matthew Rowan schimmert immer wieder hindurch, seines Zeichens Langzeitkollaborateur Goodmans: Nach einem vorübergehenden Zerwürfnis haben sich beide in der Konsequenz mancher Schicksalsschläge wieder angenähert – dem Titelsong obliegt es, ihre Aussöhnung zum gezupften Sechssaiter im Duett stilvoll zu dokumentieren. In bester Tradition ihrer Einflüsse brilliert Goodman aber wohl nie so sehr wie im Storytelling der beiden längsten Tracks des Albums. "Snapping turtle" fächert ein umfassendes Panorama zwischen Paris, Weltstadt und Paris, Tennessee auf und besingt entschlossen den Schutz der Schwachen, entzündet am Bild einer von Nachbarskindern malträtierten Schildkröte. Und der epische Closer "Heaven song" bittet zu einem neunminütigen, hoch symbolischen Roadtrip, an dessen Einstieg der Abschied vom sterbenden Hund steht und in dessen Finale sich eine kosmische Selbstbestimmung formiert. Spurenelemente von Gospel und Soul bringen den Refrain zum Schweben, dann entfesselt Goodman ihre Stimme das einzige Mal so ganz. Der Effekt ist umso befreiender.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Snapping turtle
  • Michael told me
  • Heaven song

Tracklist

  1. Satellite
  2. Fire sign
  3. I can see the devil
  4. Snapping turtle
  5. Michael told me
  6. Solitaire
  7. I'm in love
  8. Nature's child (feat. Bonnie 'Prince' Billy)
  9. Heat lightning
  10. Planting by the signs (feat. Matthew Rowan)
  11. Heaven song
Gesamtspielzeit: 48:02 min

Im Forum kommentieren

saihttam

2025-10-08 00:49:22

Das Album ist wieder hervorragend geworden.

Ituri

2025-09-26 20:22:42

Boah, zufällig drauf gestoßen. Fire Sign ist ein fantastischer Song!

vincent92

2025-07-23 20:02:16

Ein fantastisches Album, das mit jedem erneuten Hören, wächst und wächst und........

joseon

2025-07-13 21:52:35

Warum ein Punkt zu wenig?

Armin

2025-07-13 20:55:49- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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