Tropical Fuck Storm - Fairyland codex

Fire / Cargo
VÖ: 20.06.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Nobody said it was easy

In der sensationell spannenden und lustigen Krimi-Serie "Slow horses – Ein Fall für Jackson Lamb", die an dieser Stelle dringend empfohlen werden soll, gibt es einen üblen Running Gag: Einer der Protagonisten (seines Zeichens MI5-Geheimdienstler) hat ein kaputtes Soundsystem im Auto. Der CD-Spieler hakt und spielt ohne Ende Coldplays "The scientist", immer wieder von vorne, leider lässt sich das Gerät auch nicht abschalten. Das gibt Verfolgungsjagden, Beziehungsgesprächen, Geiselnahmen und sonstigen dramatischen Szenen eine völlig bekloppte Grundierung – und man bedauert die in diesem Vehikel fahrenden Menschen zutiefst. Man fragt sich wohl auch: Wie um Himmels Willen kommt man jemals wieder runter, wenn man ungefähr 40x hintereinander "The scientist" gehört hat? Nun, eine Möglichkeit wäre es, das neue Album von Tropical Fuck Storm aufzulegen (vorausgesetzt, man hat einen funktionierenden CD-Spieler oder dergleichen). Denn das Quartett aus Melbourne zeigt auf seinem vierten Longplayer eine dermaßen kunterbunte, vielschichtige und extrem packende Musikmelange, dass das Kopfstimmen-Gejaule von Chris Martin bereits nach kurzer Zeit dem Vergessen anheimfällt. Es scheint außerdem fast, als hätten Tropical Fuck Storm irgendwo in ihrem Tonstudio einen Fluxkompensator versteckt gehabt, denn die Energievorräte, die "Fairyland codex" bereithält, sind immens und tragen locker über mehr als 50 Minuten.

Schon der Opener: furios! Auf unruhig-wandernden, angezerrten Basslinien bellt Sänger Gareth Liddiard schlechtgelauntes Zeug; der Ärger schraubt sich Zeile für Zeile, Strophe für Strophe nach oben – bis plötzlich im Refrain komplett irrsinnig die Gitarren losjaulen und alles durcheinanderwirbelt. Fühlt sich ungefähr so an, wie auf einem Butthole-Surfers-Konzert von einer Konfettikanone beschossen zu werden. Eigentlich bräuchte man jetzt schon eine Pause, aber die Australier*innen legen noch einen Holzscheit nach. "Goon show" stapft wütend voran und verliert sich immer wieder in Ausbrüchen à la Melvins und Deerhoof. Die erste Verschnaufpause markiert "Stepping on a rake", eine langsame, ernsthafte, anrührende und tiefschwarze Nummer, die in ihrer Intensität an große Songs beispielsweise der Pixies ("Hey") oder Smashing Pumpkins ("To Sheila") locker heranreicht. "Fairyland codex" mit knapp neun Minuten Länge ist eigentlich schon kein einzelner Song mehr – und wenn, dann einer, der sich mehrmals im Verlauf neu erfindet. "Bloodsport" wiederum bietet zunächst sperrig-kantige Rhythmusarbeit, den quirligen Gesang von Fiona Kitschin und Erica Dunn, später wird eine weitere Raketenstufe gezündet, und die Musik entfleucht in Richtung Weltraumjazz à la Sun Ra.

Der Hidden Champion des Albums ist jedoch das erst mal unauffällig erscheinende "Joe Meek will inherit the Earth". Hier trifft zunächst merkwürdiges Drumprogramming im Midtempo auf Gitarrenarbeit nach Art von Modest Mouse. Später kommt ein verzerrtes Wurlitzer hinzu – und alle Bandmitglieder singen gemeinsam oder im Wechsel. Je länger man dieser Nummer zuhört, desto mehr zieht sie jedoch in den Bann. Und spätestens nach drei Minuten wippt unweigerlich der Fuß mit oder die Handfläche trommelt auf den Schreibtisch, das ist einfach nur relaxed und ansteckend zugleich. Zu guter Letzt wird man dann mit "Moscovium" nochmal richtig durchgeschallert: Nach einem recht zivilen und balladesken Beginn (hier klingt Sänger Gareth wie eine Kreuzung aus Sven Regener und Nick Cave), lässt irgendwer plötzlich die E-Gitarren von der Leine, es zerrt, es scheppert, es ballert, das sind Ausbrüche wie zu besten Mother-Tongue-Zeiten, echter, großer Schweinerock: Und dann wird's wieder ruhig. Und dann wieder richtig laut. Ganz am Ende wird man mit fetten Feedbacks und eiernden Geräuschfetzen aus der Delay-Tretmaschine alleingelassen. Was für ein herrliches Getöse! Danach ist man allerdings auch so durch den Wind, dass man sich am liebsten mit einer richtig schönen Coldplay-Ballade erden möchte. Man könnte eigentlich mal wieder "Trouble" auflegen. Oder nicht?

(Jochen Reinecke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Irukkandji syndrome
  • Stepping on a rake
  • Moscovium
  • Joe Meek will inherit the Earth

Tracklist

  1. Irukkandji syndrome
  2. Goon show
  3. Stepping on a rake
  4. Teeth marché
  5. Fairyland codex
  6. Dunning Kruger's loser cruiser
  7. Bloodsport
  8. Joe Meek will inherit the Earth
  9. Bye bye snake eyes
  10. Moscovium
Gesamtspielzeit: 50:45 min

Im Forum kommentieren

javra

2026-03-13 22:46:05

Ich komme einfach immer wieder zu dem KEXP-Video zurück, die sind Live einfach nochmal ne ganz andere Hausnummer als auf dem Album

javra

2025-09-04 23:24:10

KEXP-Performance :)


https://www.youtube.com/watch?v=UCantJzv05k

Stecko

2025-08-02 14:28:06

Bin in Liege dabei! 20 Euro ist auch ok! Und die neue Platte ist live sicherlich der Wahnsinn!

MickHead

2025-07-11 17:56:45

Tour 2025

Nur in den Nachbarländern Belgien + Niederlande

Sep 04: Reflektor, Liege, Belgium
Sep 05: Misty Fields, Heusden Gem Asten, Netherlands
Sep 06: Wintercircus, Ghent, Belgium

afromme

2025-07-02 22:47:35

@zeckezichter - inhaltlich keine Ahnung, wie du auf dieses Bild kommst. Aber es ist ein großartiges Bild. Danke.

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