Bruce Springsteen - Lost and found: Selections from the lost albums

Columbia / Sony
VÖ: 27.06.2025
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Perlen und Grabbelkistenmaterial

Neil Young bezeichnete anno 2017 erstmalig einen seiner Longplayer als "lost album". Dabei war der 1976 aufgenommene "Hitchhiker" nicht vom Grund des Atlantiks geborgen, sondern schlichtweg vier Jahrzehnte lang nicht veröffentlicht worden. Vier weitere vermeintlich verschollene youngsche Alben folgten bisher. Nun tut es ein anderer großer Songwriter dem Godfather of Grunge gleich, bringt gleich sieben LPs auf einen Streich verspätet ans Licht der Öffentlichkeit und greift dabei auf die Young-Umschreibung zurück. "What was lost now has been found", teaserte Bruce Springsteen in den sozialen Netzwerken mit biblischem Pathos sein Boxset "Tracks II: The lost albums" an. Die zeitgleich erscheinende Compilation "Lost and found" versammelt 20 der 83 Songs der Sammlung.

Die drei ältesten Tracks machen den Anfang. Zumindest zweien kann man ihre Entstehungszeit zwischen dem balladesken Fanliebling "Nebraska" und dem Crowdpleaser "Born in the U.S.A." anhören. Hier musiziert ein Mann auf dem künstlerischen Zenit seiner Karriere, schüttet in sich schnell festsetzenden Refrains zwischen poetischen Strophen sein "Unsatisfied heart" aus und scheut sich nicht vor einem geschmackvollen Synthesizer-Outro. Hätte man bei der Zusammenstellung von "Lost and found" ausschließlich auf die Qualität geachtet, hätten weitaus mehr Tracks der "LA Garage Sessions '83" ihren Weg auf die Compilation finden müssen. Doch man legte offensichtlich größeren Wert auf Abwechslung und eine repräsentative Auswahl an Songs aus der durchwachsenen "Tracks II"-Sammlung. Anders lässt es sich nicht erklären, warum die in der Springsteen-Diskographie einzigartige, von der mexikanisch-amerikanischen Geschichte beeinflusste LP "Inyo" nicht mit mehr Songs vertreten ist als das auf stereotypen Country und Rock'n'Roll setzende "Somewhere north of Nashville". Dass letzteres nach seiner Entstehung im Sommer 1995 gegen "The Ghost of Tom Joad" den Kürzeren zog, überrascht nun wirklich nicht. Hier entpuppt sich die Formulierung "Verschollenes Album" als Euphemismus für B-Side-Material, das auch wie solches klingt.

Mit "Repo man" und "Detail man" fanden gleich zwei öde Rock'n'Roll-Nummern aus "Somewhere north of Nashville" ihren Weg auf die Compilation. Zu diesen Songs gesellen sich am Ende der ersten Hälfte mit "Faithless" und "God sent you" die beiden Representer aus dem Soundtrack eines in den frühen 2000er-Jahren geplanten spirituellen Westerns. Der fromme Floskeln knurrende Working class hero und sein Gospelchor lassen keinen Zweifel aufkommen, dass der Weltöffentlichkeit keine Perle der Filmgeschichte vorenthalten blieb. Knocking on Heaven's door? Das gelang Bob Dylan 1973 weitaus besser. Apropos Dylan: An dessen Meisterwerk "Desire" erinnern "The lost charro" und "Adelita", zwei der drei aus "Inyo" übernommenen Tracks. Mariachi-Trompeten tragen dick, aber nicht zu dick auf, Springsteen setzt seine Stimme variabel ein wie selten, versucht sich im so gewagten wie schönen Refrain von "The lost charro" an Falsettgesang. Noch mehr überrascht die Qualität des Großteils der Songs auf "Twilight hours", einem 2018 parallel zu "Western stars" aufgenommenen Schnulzenalbum. Schnulzen? Ja, aber im besten Sinne. In "Sunday love" begeistert Springsteen als melancholisch gestimmter Crooner mit Orchesterbegleitung.

Aus den "Streets of Philadelphia Sessions", denen nach der Entstehung des Evergreens aus dem Jahr 1993 leider eine alles andere als zeitlose Neunziger-Produktion verpasst wurde, ragt die berührende Ballade "Something in the well" heraus – nicht zuletzt, weil sie, anders als "Blind spot", ohne aus der Zeit gefallene E-Drum-Loops auskommt. Das solide Album "Perfect world" sucht derweil mit der E Street Band die große Geste, setzt auf hymnischen AOR ("I'm not sleeping") und saturierte Stadionrockstampfer ("Rain in the river").

Neil Young rechtfertigte die späten (und einzeln erfolgten) Veröffentlichungen seiner vermeintlich verlorenen Alben mit einer enorm hohen Qualität. Bruce Springsteen setzt auf "Tracks II: The lost albums" hingegen mehr auf Masse als auf Klasse, was sich leider auch auf "Lost and found" niederschlägt. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, eine reine Perlensammlung zusammenzustellen. Dafür hätte man aber konsequenterweise Songs aus den Alben "Somewhere north of Nashville" und "Faithless" streichen müssen. So wäre Platz frei geworden für Songwriting-Schätze wie das von kalten Synthesizerklängen durchtränkte, den "LA Garage Sessions '83" entsprungene "The Klansman". Und für "Ciudad Juarez" aus "Inyo", eine der schönsten Balladen in der an schönen Balladen alles andere als armen Diskographie Springsteens. Platz für Songs, die zeigen, dass der vom Feuilleton lange belächelte Musiker aus New Jersey nicht nur ein herausragender Songwriter ist, sondern längst vor der zweiten Amtszeit eines gewissen, das Weiße Haus besetzenden Orang-Utans ein stets mit offenen Augen und wachem Verstand durchs Leben gehender Mensch war. Nicht zuletzt aufgrund seiner sich wohltuend vom derzeitig vorherrschenden Opportunismus der US-Kulturszene absetzenden klaren Worte gegenüber besorgniserregenden Entwicklungen im Land of hope and dreams dürfte zumindest hierzulande die Kritik an der Veröffentlichungspolitik von "Tracks II: The lost albums" leise ausfallen. Vielleicht zu Unrecht. Für knapp 230 Euro wird das CD-Boxset derzeit bei gängigen Anbietern feilgeboten. Das macht mehr als 32 Euro pro Album. Und erscheint unverschämt angesichts der Mischung aus Perlen und Grabbelkistenmaterial, die "Lost and found" treffend zusammenfasst.

(Dennis Rieger)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Unsatisfied heart
  • Something in the well
  • Sunday love

Tracklist

  1. Follow that dream
  2. Seven tears
  3. Unsatisfied heart
  4. Blind spot
  5. Something in the well
  6. Waiting on the end of the world
  7. Faithless
  8. God sent you
  9. Repo man
  10. Detail man
  11. You're gonna miss me when I'm gone
  12. The lost charro
  13. Inyo
  14. Adelita
  15. Sunday love
  16. High Sierra
  17. Sunliner
  18. I'm not sleeping
  19. Rain in the river
  20. You lifted me up
Gesamtspielzeit: 79:35 min

Im Forum kommentieren

Enrico Palazzo

2025-06-28 07:43:38

Hier der Link zum Box-Thread:

https://www.plattentests.de/mobile/forum.php?action=showThread&id=106158&page=1#newest-message

Armin

2025-06-27 20:12:26- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum