Sophia Kennedy - Squeeze me

City Slang / Rough Trade
VÖ: 23.05.2025
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Gegenteiltag

"Listen to the sweet melodies of the Schlager hit parade!" Meint Sophia Kennedy diese im bierernsten Denglisch vorgetragene Aufforderung etwa ernst? "Everybody's at the fun fair / Ready to take off", beobachtet sie später in "Closing time", stellt dann aber auch endlich fest: "Everything's upside down." Ein Glück: Heute ist Gegenteiltag. Andernfalls hätte die Halb-Hamburgerin-Halb-Amerikanerin nach ihrem Geniestreich "Monsters" ja eigentlich auch voll auf die Pop-Schiene setzen und mühelos billigen Erfolg einfahren können. Das wäre aber keinesfalls in ihrem Interesse gewesen. Stattdessen legt es das verwirrend betitelte "Squeeze me" darauf an, ganz andere Grenzen auszuloten. Was sich nicht geändert hat, nun aber noch weiter auf die Spitze getrieben wird: Kennedys stimmlicher Vortrag, der eine ganze Riege von Chansonnière-Größen evoziert und sich teils in wahrhaft theatralische Höhen schraubt.

Die elektronischen Klangteppiche als Grundlage hingegen bleiben diesmal eher reduziert-bodenständig. Sie geizen aber keinesfalls mit ausgefallenen Sound-Effekten, für die Kennedy schließlich ebenso bekannt ist: "Nose for a mountain" torpediert sein Xylophon-Fundament dergestalt mit gezielten Horror-Vibes wie lieblich-gruseligem Background-Gesang oder schrillen Schreien, dass die Stimmung in der Tat dezent beunruhigend wird. Wie passend, dass die Künstlerin dazu auch noch von der Wirkmächtigkeit von Filmen und von Eskapismus singt – ihre Musik ist ein Gesamtkunstwerk, und Leben und Kunst imitieren sich gegenseitig. "There's a world outside of mine", lautet der Befund passenderweise inmitten des Breakbeats von "Runner", selbst wenn es anfangs noch eine apokalyptische Sci-Fi-Wüste ist. Oder eine futuristische Jazz-Bar in "Oakwood 21", das sein schwermütiges Chanson trotz allem Ambient-Piano dann doch im Glitch verliert und das letzte "Schubidu" geisterhaft verhallen lässt. "Alice im Wunderland" auf unbekannten Drogen, die frech "Konsumier mich!" einfordern.

Dass sich die Melodien oft erst nach mehreren Durchgängen erschließen – die Verworrenheit des Dargebotenen also aktiv Arbeit einfordert, bis sich der Schönklang zu erkennen gibt –, ist Absicht der Musikerin. "Rodeo" zeigt sich zwar zugänglicher, entnimmt aber auch nur das allernötigste Gewebe aus diesem großen Ungetüm namens Pop, welches Kennedy sowieso nach Belieben anzapfen und verarbeiten kann. "Why should I be apologetic?" Spätestens bei den irren Bläsern in besagtem Song, oder wenn "Hot match" das ganze vorangegangene Album mit treibendem Bass und kurzweiligen drei Minuten ad absurdum führt, fallen keine Gründe mehr ein.

"You don't need someone to walk you down the aisle / You're the aisle." In "Drive the lorry" versucht Kennedy sich an Offbeat, in "Imaginary friend" an beinahe barrierefreier Eingängigkeit. Insgesamt ist das wieder in inniger Zusammenarbeit mit Mense Reents gebastelte "Squeeze me" aber ein echter Brocken. Und sorgt selbstverständlich für amüsantes Kopfkino: beste Unterhaltung für die ganze Familie, ein harmloser musikalischer Spaß – in etwa so wie die Duschszene aus "Psycho". Stellt sich abschließend bloß noch die Frage, was denn der Albentitel zu bedeuten hat. Um das Ausgesaugtwerden durch einen toxischen Partner, so wie es "Feed me" möglicherweise andeutet, kann es doch kaum gehen? Eine Kennedy-Actionfigur, die beim Draufdrücken niedliche Quietschlaute von sich gibt, wird viel eher gemeint sein.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Nose for a mountain
  • Runner
  • Rodeo
  • Oakwood 21

Tracklist

  1. Nose for a mountain
  2. Imaginary friend
  3. Drive the lorry
  4. Runner
  5. Rodeo
  6. Feed me
  7. Oakwood 21
  8. Upstairs cabaret
  9. Closing time
  10. Hot match
Gesamtspielzeit: 35:14 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2025-11-10 12:48:45

Tour 2026

17.02.26 Kiel Hansa 48
18.02.26 Hannover Pavillon
19.02.26 Bremen Schlachthof
20.02.26 Münster Gleis 22

saihttam

2025-10-30 00:08:30

Oh, hab das Konzert in Offenbach irgendwie voll verpasst. Wäre mir früher nicht passiert.
Hab aber das Album dann doch nicht so oft gehört, wie ich ursprünglich dachte. Muss aber nichts heißen. Die beiden Alben davor waren bei mir auch eher Grower, die erst später zündeten.

Lucas mit K

2025-10-17 09:58:08

Ok, stimmt. Es war eher „gefühlt“ zu kurz und wie gesagt, ein Song hat schmerzlich gefehlt.

foe

2025-10-17 09:35:47

1 h 10 + 2 Zugaben = kurz?

Lucas mit K

2025-10-17 07:56:02

Ach und „Imaginary Friend“ hat sie nicht gespielt, das fand ich seltsam.

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