Deerhoof - Noble and godlike in ruin
Joyful Noise / CargoVÖ: 25.04.2025
Film ab zum Gebet
Es gibt Dinge, die man einfach nicht tun kann. Zum Beispiel alleine Schach spielen, ein Praktikum bei einem Einsiedler machen oder "einfach mal so" ins neue Deerhoof-Album reinhören. Geht nicht, funzt nicht, braucht niemand erst zu versuchen. Denn was hier von Greg Saunier, John Dieterich, Ed Rodriguez und Satomi Matsuzaki veranstaltet wird, ist schlicht und einfach monströs in seiner Komplexität. Was hingegen hilft: Wenn man schon mal den Film "Inception" geschaut hat, in dem bekanntlich auf höchst luzide Weise geträumt wird und es immer wieder zum Traum im Traum kommt, wobei jeder Folgetraum in der Sequenz noch irrsinniger ist als der aktuelle. Ja, der Traum als Spielort ist in der Tat so ziemlich das einzige, was als erklärende Metapher funktioniert, denn nur im Traum geht bekanntlich alles: fliegen, die Zeit rückwärts erleben, nach Art eines modernen Computerspiels von Realitätsebene zu Realitätsebene zu hüpfen.
Dabei fängt es so harmlos an. Der erste Track "Overrated species anyhow" mutet noch wie die Ouvertüre einer Rock-Oper an: für Deerhoof ungewöhnlich sanfte Chorgesänge, deren Harmonien irgendwo zwischen den Beatles und einer hawaiianischen Gesangstruppe changieren, zart schrammelnde Gitarren, synthetisches Vogelgezwitscher – ja, man wähnt sich irgendwo an einem Südseestrand und fängt gerade so richtig an, sich auf einen sonnigen Urlaub zu freuen. Doch dann macht's "wusch!" und der Wahnsinn beginnt. Das Nachfolgestück "Sparrow sparrow" reißt einen gleich mit bockig-sperrigen Schlagzeugbeats aus der Saumseligkeit; immer, wenn man gerade das Taktmaß zu erkennen glaubt, wirft Saunier eine Blendgranate und sortiert die Beats neu. Das strengt zunächst gehörig an, versetzt einen aber recht schnell in einen regelrechten Rausch. Das hier ist definitiv Musik, mit der man sofort jede Tanzfläche leerfegen kann. Und trotzdem – oder gerade deswegen – macht das einen Riesenspaß. Und so geht es dann auch immer weiter: "Kingtoe" fühlt sich so an, als müsste man mit zugebundenen Augen einen sehr teuren Mietwagen so durch das Verkehrsgewühl in Mumbai steuern, dass am Ende keine einzige Schramme am Wagen zu sehen ist. Alles scheppert durcheinander: lateinamerikanische Klavierfiguren, bluesig-jazzige Gitarreneinwürfe und das königlich unzuverlässige Schlagzeugspiel von Saunier.
Selbst altgediente und schmerzbefreite Deerhoof-Fans werden ob dieser durchgehenden Achterbahnfahrt auf eine harte Probe gestellt. Am zugänglichsten – im Sinne von "so kennt man die Band" – ist noch der Track "Ha, ha ha ha, haa", weswegen wir ihn auch als Anspieltipp empfehlen. Hier gibt es zumindest noch letzte Rudimente von Songstrukturen, herrlich akzentuierte Drums, eine Basslinie, auf der man ein Hochhaus errichten könnte, und natürlich den stoischen Gesang von Matsuzaki. Ähnlich nahbar erscheint auch der Rausschmeißer "Immigrant songs" mit seinen perlenden Gitarrenpickings, stampfenden Disco-Rhythmen, souligen Akkordfolgen – und einem nachgerade hymnisch-harmonischen Chorgesang. Ja, man denkt fast (wie in "Inception"), dass jetzt endlich und gerade noch zur rechten Zeit die knallbunten Traumwelten ihr Ende finden und man nun aber auch mal dringend aufwachen könnte. Das wiederum erlauben Deerhoof leider nicht: Genau zur Hälfte der Spielzeit ertönt ein nachgerade abartiges Klanggewitter, das sämtliche zuvor mühsam aufgeschichteten Harmonien mit Lust und Laune dekonstruiert.
Zugegeben, das liest sich jetzt alles reichlich anstrengend. Und das kann es auch sein, denn hier standen diverse Nonkonformisten Pate: von Frank Zappa über Pere Ubu (Gott hab ihn selig) bis hin zu John Zorn. Aber am Ende wird dann doch ein echtes Kunstwerk draus, denn immer wieder findet man im Chaos, in der Ursuppe, eine überraschend feinsinnige, humorvolle Verschnaufpause. So, wie man manchmal beim Wühlen in einer Kinderschreibtisch-Schublade zwischen all den Fäden, Stiften, verrotzten Taschentüchern und Papierkugeln eine Kastanie oder auch einen Avocado-Kern findet, blitzsauber, perfekt und makellos. Man muss sich darauf einlassen wollen, denn das hier ist quasi der Gegenentwurf zu Coldplay: chaotisch, mysteriös, wütend und albern, virtuos und stumpf zugleich. Ja, mal eben reinhören ist nicht. Aber muss das schlecht sein?
Highlights & Tracklist
Highlights
- Kingtoe
- Ha, ha ha ha, haa
- Who do you root for?
Tracklist
- Overrated species anyhow
- Sparrow sparrow
- Kingtoe
- Return of the return of the fire trick star
- A body of mirrors
- Ha, ha ha ha, haa
- Disobedience
- Who do you root for?
- Under rats (feat. Saul Williams)
- Immigrant songs
Im Forum kommentieren
MickHead
2025-12-19 18:04:14
Tour 2026
16.05.2026 Hamburg – Nochtspeicher
18.05.2026 Berlin – SO36
Kamm
2025-05-01 10:48:27
Bisher nur ein Durchlauf, und weit davon weg, dass sich mir die Songs erschlossen hätten.
Bin aber jetzt schon bei einer 8/10, allein, weil es so viel Spaß macht, diesem kreativen Chaos zuzuhören. Dauergrinsen, spontane Groove-Ausbrüche, und wie hart geht denn "What Do You Root For?" ab? Außerdem wieder viel Schönes, aber auch Schmerzhaftes wie im Immigrant Song.
Ich bin gespannt, ob sich irgendwann der typische Deerhoof-Effekt einstellt, nämlich, wenn man sich mit dem Wahnsinn akklimatisiert hat und feststellt, dass das einfach unglaublich gute Songs sind.
Schade, dass die hier nicht mehr Fuzz erzeugen. Die sind in meiner alten Bubble durchaus ne Größe gewesen.
Armin
2025-04-30 20:51:46- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
Meinungen?
Jochen Reinecke
2025-04-27 16:31:00
Kleiner Spoiler: Das Album ist super und meine Rezi dazu wird alsbald erscheinen.
Sroffus
2025-04-25 17:46:39
Jo, nettes Ding geworden.
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Referenzen
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