Magdalena Bay - Imaginal disk
Mom + Pop / BertusVÖ: 23.08.2024
Pop als Utopie
Wer einen genaueren Blick auf das Cover von "Imaginal disk" wirft, erkennt darin bereits viele Elemente, die der Ästhetik von Magdalena Bay Konturen verleihen. Sängerin Mica Tenenbaum ist dort zu sehen, vieldeutigen Blickes, in beinahe religiöser Ikonographie, während die monströse Hand eines Aliens ihren Kopf zum CD-Player umfunktioniert. Das Geräusch eines eingelegten Tonträgers eröffnet das Album dann auch in gleicher Weise, in der es den famosen Vorgänger "Mercurial world" beschlossen hat – als Ausbruch aus dem Loop, als inszenierte (Selbst-)Referenzialität, aber auch als Spiel mit kuriosen DIY-Motiven, die sich nicht zuletzt in den Videos der Band immer wieder ausprägen. Glitchende Soundeffekte überfordern im Opener "She looks like me!", überall pluckert und wummert es, die Rhythmusfraktion fährt mehrgleisig, während Tenenbaum zentrale Fragen des inhaltlichen Konzepts aufs Tableau bringt. Es geht um idealisierte Selbstbilder, mediale Deformationen, aber auch die argentinischen Wurzeln des Duos, das der Soundtüftler und Multiinstrumentalist Matt Lewin komplettiert. "Killing time" ergänzt den sperrigen Einstieg um federleichte Soul-Pop-Finesse mit angejazzten Harmoniefolgen und schwebenden Gitarren. "Count up all the years that we spend asleep / If time is meant for living, why's it killing me?", wundert sich Tenenbaum. Dann geht es richtig los.
"Imaginal disk" kann als loses Konzeptalbum verstanden werden, dessen thematische Vielschichtigkeit sich hier kaum einholen lässt. Fakt ist, dass die sphärischen ASMR-Vocals des ersten Interludes eine wahnwitzige Reise in Gang setzen, spektakulär produziert und von einem stimmlichen Charisma zusammengehalten, das stets souverän durch die Stationen leitet. "You know nothing is fair in death and romance", postuliert Tenenbaum in der zweiten Single "Death & romance", von einem klaren Pianoriff und hüpfenden Basslinien angetrieben, bevor im Refrain auflodernde Synthies eine unheilvolle Cyberpunk-Affäre versengen. Die roboterhaft verfremdete Intimität von "Fear, sex" verwischt die Grenzen zwischen Cloud und Körper, letzterer durfte sich da schon vom eleganten Dance-Pop der ersten Single "Image" mitreißen lassen. Spätestens beim zweiten Hördurchgang erliegt man dem Feuerwerk, das Magdalena Bay abbrennen, und muss die eigene Sucht nach dem nächsten Kick bekennen. Als da wären: Pop-Klimaxe, die man so imposant lange nicht mehr gehört hat, wie in "Watching T.V." oder "Vampire in the corner", in das sich Tenenbaum anfangs reinkichert und -wispert, um später gesanglich zu eskalieren. Eine Terz nach oben in der letzten emotionalen Hook? Viel zu abgeschmackt für das Tandem aus Los Angeles, also treibt sie ihr Falsett in extraterrestrische Höhen, bis die Ohren selig dahinschmelzen.
Bei aller Lust an großen Momenten und eingängigen Melodien überhört man leicht, wie komplex Magdalena Bay ihre Songs aufschichten und komponieren. "Tunnel vision" schießt mit einem gewaltigen Synth-Noise-Outro die Lichter aus – wer aufmerksam lauscht, findet dessen Ankündigung bereits einige Songs zuvor – und legt die experimentellen Wurzeln der Band frei. Dass sich zeitweilig ein dezenter 2-Step-Beat unter Tenenbaums Wechselgesang mit sich selbst versteckt, bemerkt auch nur, wer sich zwingt, der Trance zu widerstehen. Und natürlich kontert "Love is everywhere" den eben durchmessenen akustischen Albtraum sogleich mit Sonnenschein, ohne dass auch nur eine Sekunde lang der Eindruck entstünde, die Schnitte folgten zu hart aufeinander.
Das klangliche Repertoire erweitern die Songs des Schlussdrittels noch einmal auf beachtliche Weise, eingeleitet von den Harfenklängen des zweiten Interludes "Feeling diskinserted" – ein Wortspiel, das im Übrigen die Ambivalenz der Band zwischen Unheil und Introjektion geschickt verdichtet. Den Gegenpol zur zarten, akustisch geprägten Ballade "Angel on a satellite" bildet der verzerrt donnernde Refrain von "That's my floor", einer Art Club-Hit für kaputte Existenzen. Dazwischen befindet sich mit "Cry for me" ein Song, der das Potential für den ewigen Pop-Zenit hat: Wie im zweiten Teil Lewins Streicherwirbel eine harmonische Verschiebung herbeiwehen, wie Tenenbaum ihre elegische Gesangsmelodie mit wachsender Leidenschaft intoniert, zeugt von einer Erhabenheit, der man nur selten ausgesetzt wird. Im heiteren, augenzwinkernden Abschluss "The ballad of Matt & Mica" stellt Tenenbaum eine Frage, die dieser Rezensent längst eindeutig beantwortet hat: "Open heart, old cliché / Two kids in a new town, baby / Is it my turn?" "Imaginal disk" definiert alternativen Pop als meisterlichen Dreiklang zwischen Utopie, Wagnis und Konfrontation. Und macht dabei vor allem eines: unendlichen Spaß.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Image
- Death & romance
- Tunnel vision
- Cry for me
- The ballad of Matt & Mica
Tracklist
- She looked like me!
- Killing time
- True blue interlude
- Image
- Death & romance
- Fear, sex
- Vampire in the corner
- Watching T.V.
- Tunnel vision
- Love is everywhere
- Feeling diskinserted
- That's my floor
- Cry for me
- Angel on a satellite
- The ballad of Matt & Mica
Im Forum kommentieren
Kojiro
2025-07-15 06:24:58
Werde Berlin machen.
MickHead
2025-07-14 11:18:36
Tour 2026
Fri February 20 2026 - COLOGNE Carlswerk Victoria (Germany)
Sun February 22 2026 - BERLIN Columbiahalle (Germany)
Felix H
2025-01-24 22:19:27
Besser spät als nie, mich hat's auch voll bekommen. Tolles Album, vor allem im Gesamten. Für mich ist auch "Death & Romance" herausstechen, aber die Platte wirkt von vorn bis hinten super und rund.
nörtz
2025-01-08 23:32:36
Tolles Album, das Duo aus “Death&Romance“ und “Fear, Sex“ ist unbeschreiblich!
Ich hole das Album gerade nach und bin gerade bei diesem Duo und stimme zu! Die beiden auf Ewig-Repeat.
7th Seeker
2024-10-16 23:29:47
Tolles Album, das Duo aus “Death&Romance“ und “Fear, Sex“ ist unbeschreiblich!
Stimme zu, wobei da für mich die stärkste Sequenz erst losgeht, von da bis einschließlich Tunnel Vision ist wirklich ganz groß! Dürfte echt unter meine Top-5 des Jahres gehen, dieses Album
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Referenzen
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