Gewalt - Doppeldenk
Clouds Hill / ADAVÖ: 04.10.2024
Wahrheit und Widerspruch
Subtilität war nie Patrick Wagners Stärke oder Intention. Der Gewalt-Frontmann will konfrontieren und provozieren, sodass auch die zufriedensten Gemüter registrieren, wie abgefuckt unsere Welt eigentlich ist. Jedes Mittel ist ihm dazu recht – die George-Orwell-Referenz "Doppeldenk" als Überschrift für die zehn neuen Songs ist beinahe schon ein wenig zu platt gewählt. Wissen die Menschen tatsächlich nicht, was sich direkt vor ihren Augen abspielt, oder schauen sie bewusst weg? Die ernüchternde Antwort vorneweg: ja. Um dieses gesellschaftliche Paradoxon zu vertonen, geht das mitreißende zweite Gewalt-Album gewohnt brachial, gleichzeitig aber auch musikalisch nuancierter zu Werke als "Paradies". Es zehrt jedoch von derselben Aussichtslosigkeit, wie Wagner gleich in "Schwarz schwarz" zermürbt feststellt: "Ich bin höchstens tot, doch mindestens krank." Diagnose: Gesamtscheiße scheiße. Für diese Feststellung muss man nicht einmal Misanthrop*in, Pessimist*in oder hypochondrisch veranlagt sein.
"German Wut Wave" bleibt natürlich trotz aller inhaltlichen Finesse eine ausgemachte Abstrusität. Zwischen die programmierten EDM-Beats tropfen die dissonanten Gitarren und Bassläufe weiterhin wie giftiger Speichel, darüber wütet Wagner wie jeher zwischen Kinski, Falco, Alman-Nachbar und Fernsehprediger. Dennoch sind das Trio und ihr Drumcomputer ein bisschen leichtfüßiger – will heißen: konsumierbarer – geworden. "Felicita" hat einen schrammeligen Indie-Vibe, wie ihn auch NDW-affine (Post-)Punks wie Turbostaat mögen, und fordert die Hörer*innen zusätzlich mit einer Saxofon-Einlage heraus. Das erhabene "Ein Sonnensturm tobt über uns" versucht sich derweil an der Gewalt-Variante von technoidem, tanzbarem Dreampop, die dann sogar latent hoffnungsvoll stimmt: "Lasst uns unsere Herzen schlachten / Lasst uns endlos Liebe machen." Fühlen, um nichts mehr zu fühlen? Nein, der doppelte Boden fehlt hier schlichtweg komplett. Die Band hat ein Liebeslied kreiert.
Aber es geht schon bald wieder zurück in Richtung Abgrund: "Jemand" nimmt sich den Despot*innen (und Vermieter*innen) unserer Tage an, erörtert schiefe Machtverhältnisse und Unterdrückung. Gewalt fassen eben auch die unbequemsten Themen nicht mit der Pinzette an. Ein anderes Beispiel: deutsches Kulturgut. Rio Reiser aber wird es nicht mehr stören, wenn Wagner in freier Anlehnung inbrünstig "Halt Dich an Deiner Lüge fest" befiehlt. Wie der Vorfahre im Geiste sind Gewalt genauso Punk wie Poesie. Woher das ganze Elend nämlich rührt? Immer noch vom Teufel Kapitalismus. Als Wagner erkennt, dass dieser keinen Ausweg vorsieht, gibt er einfach resigniert auf: "Das kann ich nicht" ist in seiner Aufzählung zahlreicher Stützpfeiler unserer alltäglichen Hölle derart trocken geraten, dass die Intensität nicht mehr zu toppen ist – eines der definitiven Glanzstücke der Band. Die nächste Ausgeburt der modernen Zeiten, die KI, macht sich in "Monolog einer Drohne" selbstständig und fühlt natürlich ebenso wenig wie die Menschenschablonen, die das Album bevölkern. Sie betrachtet alles bloß mit noch mehr Fatalismus: "Jeder Tod ist mir der richt'ge / Töten nach Protokoll." Ganz schön hart.
Nichts an dieser Welt ist einer Liebe wert, Konsum und Propaganda eh nicht, und "Doppeldenk" illustriert die Dystopie, in der wir leben, perfekt. Lediglich noch ein zweites Mal werden Gewalt positiv und respektvoll: Die Vertonung des Fremdtextes "Trans", aufgenommen für den Indie-Film "Der Soldat Monika", inszeniert die Überwindung von Gender-Grenzen als Befreiungsschlag und Empowerment. Die Crux: Das wutschnaubende Phobiker*innen-Publikum denkt man sich leider automatisch dazu. Und um diesem "Doppeldenk" ein abschließendes Denkmal zu setzen, dürfen die "Ich bin kein Nazi, aber"-Idiot*innen sowieso nicht fehlen – ablenken, ignorieren, "Ne ne, alles gut". Hinterher sagen wieder alle, sie hätten nichts geahnt, obwohl die AfD schon jetzt in Thüringen und Sachsen historische Erfolge einfährt. Erst der Chor am Ende bricht endlich aus der selbstverschuldeten Apathie aus: "Ja, nichts ist okay!" Doch ist es nicht dummerweise schon zu spät? Es bleibt unendlich deutsch in Kaltland. Ironischerweise überleben aber auch deshalb manchmal winzige Fünkchen der Hoffnung, weil es herausragende Alben wie "Doppeldenk" gibt.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Schwarz schwarz
- Felicita
- Das kann ich nicht
- Ein Sonnensturm tobt über uns
Tracklist
- Schwarz schwarz
- Egal, wohin der Wind Dich weht
- Felicita
- Das kann ich nicht
- Ein Sonnensturm tobt über uns
- Hier, wo Du strahlst
- Jemand
- Monolog einer Drohne
- Trans
- Ne ne, alles gut
Im Forum kommentieren
zurueck_zum_beton
2024-10-08 08:47:09
Das ist eine Band. Mit einem Doppelpunkt zwischen den beiden „scheisse“
Ralph mit F
2024-10-08 08:43:43
Durchaus!
Vive
2024-10-08 08:28:48
Ja, passen tut es, aber war es so gewollt?
Hier stand Ihre Werbung
2024-10-08 07:53:43
Ich finde das für ein Album mit dem titel "Doppeldenk" durchaus passend
Vive
2024-10-08 07:37:46
"Gesamtscheiße scheiße" ? hat da jemand doppelt an scheiße gedenkt? müsste das nicht "Gesamtsituation scheiße" heißen?
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