David Gilmour - Luck and strange

Sony
VÖ: 06.09.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

While my guitar gently weeps

Irgendwie scheinen es immer noch nicht alle wahrhaben zu wollen: Pink Floyd sind und bleiben Geschichte. Erst kürzlich allerdings fragten die geschätzten Kollegen des Rolling Stone mal wieder bei David Gilmour nach, wie es denn so mit einer Reunion aussehen würde – und kassierten prompt eine Abfuhr. Es sei langweilig, so der Altmeister. Gut so, denn während sich Gilmour schon seit längerer Zeit in der Rolle des Elder Statesman gefällt und Drummer Nick Mason mit seiner Band Nick Mason's Saucerful Of Secrets die frühen Jahre der Band würdigt, erweist sich Waters mehr und mehr als zorniger alter Mann, der zuletzt mit höchst zweifelhaften Äußerungen über den Krieg in der Ukraine und die diversen Brandherde in Nahost für Unverständnis sorgte. Um es einmal milde auszudrücken. Doch auch wenn Gilmour selbst mit seinen 78 Jahren äußerlich als gütiger Opi daherkommt, kann auch er sich die eine oder andere Spitze nicht verkneifen. Oder glaubt wirklich jemand ernsthaft an einen Zufall, wenn das neue Album "Luck and strange" ausgerechnet an Waters' Geburtstag erscheint?

Da sich aber mit ausgestrecktem Mittelfinger schlecht Gitarre spielen lässt, tut Gilmour gut daran, nach dem üblichen Getöse die Musik sprechen zu lassen. Und die beginnt höchst spektakulär. Denn nach dem kurzen Intro "Black cat" lässt der Titeltrack alles, was der Brite noch an Magie in sich trägt, in voller Pracht glänzen. Ein ruhiger Basslauf legt das Fundament, ganz leise fühlt man sich an "What do you want from me?" vom Album "The division bell" erinnert, zudem lässt Gilmour seine Gitarre singen wie eben nur Gilmour eine Gitarre singen lassen kann – und dann sind doch tatsächlich noch ein paar Keyboard-Sequenzen von Richard Wright zu hören. Des Rätsels Lösung: 2007, also ein Jahr vor Wrights Tod, hatten sich die beiden Musiker zu einer Jam-Session getroffen und das Aufnahmegerät mitlaufen lassen. Warum die Ideen allerdings nicht einmal auf "The endless river" verewigt wurden, das eigentlich als Hommage an Wright konzipiert war, bleibt Gilmours Geheimnis, ist aber am Ende auch egal.

Nach diesem nahezu perfekten Start wäre es vermessen zu erwarten, dass es so weitergeht, auch wenn immer wieder dieses Gefühl für Stimmungen hervorblitzt. Doch obwohl die Widerhaken schwer zu finden sind, bleiben immer noch mehr als genug Reizpunkte, die dafür sorgen, dass die Songs nicht grußlos vorbeiwabern. Der Instrumentalpart am Ende von "The piper's call" ist schlicht überragend – wie auch sonst die Arbeit an den sechs Saiten über jeden Zweifel erhaben bleibt. Das etwas arg überfrachtete "A single spark" wirft zugegebenermaßen mehr Fragen auf, als es Antworten gibt, doch schon "Between two points", gemeinsam mit seiner Tochter Romany gesungen, ist der Beweis, dass sich auch ein David Gilmour nicht zu schade für eine Coverversion ist – ein Jammer, dass der 2020 verstorbene Roger Quigley, eine Hälfte des Dream-Folk-Duos The Montgolfier Brothers, diesen Ritterschlag nicht mehr erleben darf.

Die Falle, die David Gilmour stellt, ist im Grunde genommen vorhersehbar. Doch in sie hineinzugeraten, ist genauso einfach – angeblich klimpert hier schließlich nur ein alter Mann ein bisschen nebenher. Große Fehleinschätzung, denn "Luck and strange" ist im besten Sinne altmodisch, bestraft Nebenbeihören mit vermeintlich banalen Songs. Und belohnt Aufmerksamkeit mit dem fetten Groove von "Dark and velvet nights", dem tollen Solo von "Scattered" oder dem staubtrockenen "Yes, I have ghosts", bei dem erneut Keyboard-Spuren von Richard Wright zum Einsatz kommen. Mag sein, dass das alles hoffnungslos unmodern ist, ein Fest für in der Zeit stehengebliebene Nostalgiker. Wenn allerdings ein derart in sich ruhendes, mit sich selbst und der Welt in Einklang befindliches Alterswerk dabei herauskommt, dann ist der Begriff "ewig gestrig" keine Beschimpfung mehr, sondern eine Auszeichnung.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Luck and strange
  • Between two points
  • Yes, I have ghosts

Tracklist

  1. Black cat
  2. Luck and strange
  3. The piper's call
  4. A single spark
  5. Vita brevis
  6. Between two points (feat. Romany Gilmour)
  7. Dark and velvet nights
  8. Sings
  9. Scattered
  10. Yes, I have ghosts (feat. Romany Gilmour)
  11. Luck and strange (Original barn jam)
Gesamtspielzeit: 61:39 min

Im Forum kommentieren

nörtz

2024-11-25 20:32:30

mot

2024-11-06 21:29:50

Hier ein lesenswertes Interview mit David Gilmour in der Los Angeles Times im Zuge seiner aktuellen US-Tour:

https://www.yahoo.com/entertainment/david-gilmour-nepo-babies-deluded-153048793.html

BVBe

2024-10-08 14:28:26

Warum singt David auf "A Single Spark" so nuschelig, als hätte er Tampons im Mund? Finde ich seltsam und störend ... Ist eigentlich ein sehr hübscher Song.

Der Titelsong, das Montgolfier-Cover und Scattered sind die Highlights. Bei Dark And Velvet Night nervt mich leider das ewige Viervierteltakt-Geklopfe. Manche Akzente machen einen Song ja interessanter - hier finde ich es das Gegenteil.

Das Album gefällt mir jedenfalls besser als Rattle That Lock, ist aber schwächer als On An Island. Aus allen Dreien lässt sich jedenfalls eine wunderschöne Playlist erstellen. David's Gitarrenspiel kriegt mich ja doch immer wieder.

Vennart

2024-09-24 21:42:16

Schöne Platte, könnte für mich sein zweitbestes Soloalbum nach “On An Island“ sein.

Markus

2024-09-24 21:15:22

@afromme
Danke für den Hinweis! Das war mal ein klassischer Freud, dabei war ich eigentlich stocknüchtern, als ich die Rezi geschrieben habe. Oder war das gar das Problem?

Lasse ich direkt von den Kollegen ändern, ich selbst kann keine Rezis mehr ändern, wenn sie online sind.

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