Jamie xx - In waves
Young / XL / Beggars / IndigoVÖ: 20.09.2024
Die Hitze dauert an
Es muss sich auch mal auszahlen, das harte Leben in der Redaktion von Plattentests.de: die Brutkasten-Temperaturen bei Sonnenschein aufs vollverglaste Bürogebäude, das Aufräumen im Facebook-Kommentarbereich als Strafe, wenn man mal wieder Mist gebaut hat, die knappen Deadlines, die der Linder einem in den Nacken atmet, das pflichtbewusste Lachen über Running Gags Marke "irgendwas mit Pilzrahmsuppe". It's a hard knock life. Dann und wann meint es das Schicksal jedoch besser mit einem als mit dem Durchschnittshörer der Restrepublik. Nämlich genau dann, wenn eine Platte wie "In waves", das zweite Solowerk von Jamie xx, pünktlich Anfang August zur Hitzewelle auf dem digitalen Plattenteller liegt – und eben nicht erst zur ungünstig gelegten offiziellen VÖ Ende September, sobald die Temperaturen bergab gehen und die Tage spürbar kürzer werden. "Still summer" heißt ein Instrumental hier und nicht nur das fühlt sich an wie kitzelige Sonnenstrahlen auf mit salzigem Meerwasser betröpfelter Haut. Vielleicht geht es Jamie Smith jedoch genau darum: ein Mindset zu konservieren, völlig unabhängig, welches Wetter draußen herrscht.
"In waves" beginnt in der Tat "in waves". "Wanna" fungiert als Intro, das einen chilligen Clubtrack immer wieder aufblitzen lässt, um ihn wieder zurückschwappen zu lassen. Zumindest so lange, bis die beatgetriebene Sirene von "Treat each other right" querschießt und den Dancefloor eröffnet. Ein Sample proklamiert: "All we gotta do is treat each other right!", es pitchen sich diverse Vocalfetzen durch das Gewusel und fertig ist ein Knaller, wie ihn nur Jamie xx so mühelos aus dem Ärmel schüttelt. In die gleiche Kerbe schlägt das von Honey Dijon unterstützte "Baddy on the floor", das spätestens beim Bläsereinsatz alle im Sack hat. Was also die seit 2022 erschienenen Singles "Let's do it again", "Kill dem" und "It's so good" – die alle auf "In waves" nur bei der Deluxe-Vinyl als Bonus enthalten sind – in ihrem Sound andeuteten, setzt sich auf dem regulären Album fort: Jamie xx samplet nach dem bunt geratenen "In colour" erneut, was das Zeug hält, und findet dazu noch mehr zwingende Rhythmen mit hitzigem Flair.
Kein Wunder, dass die Reunion mit Romy Madley-Croft und Oliver Sim bei "Waited all night" eben nicht wie The xx klingt, sondern sich nahtlos in die Umgebung einfügt. "Nahtlos" ist hier wörtlich zu nehmen, alle Tracks sind wunderbar miteinander verwebt, das Herz geht zum Beispiel auf, wenn "Life" den Staffelstab von "Still summer" erst aufnimmt und dann in seinen ganz eigenen Groove verfällt. Vielleicht hätte man aus dem Robyn-Feature noch einen Tick mehr rausholen können, aber auch so heizt der Track gut ein. Einen anderen Ansatz fährt "Dafodil", das sich mit Kelsey Lu, John Glacier und Panda Bear in die Wärme fläzt und träge Halb-Raps über das Backing streut – eine willkommene Ruhephase inmitten der Tanz-Animationen. Eine andere Färbung bekommt "In waves" im letzten Drittel. "Breather" ist nicht nur der längste Track, sondern auch der cluborientierteste. Es dauert eine ganze Weile, bis der düstere, leicht knurrige Beat Melodie und Farben zulässt, umso schöner gerät die Entfaltung am Schluss.
Mit The Avalanches an Bord schnattert "All you children" wie eine hochgepitchte Kindermelodie herum, ohne das Four-to-the-Floor-Prinzip zu verachten. Der Track wird lauter und dichter, bis er sich plötzlich ins Interlude "Every single weekend" kunstvoll ergießt. Die Kinder dürfen im Hintergrund noch etwas tollen, während Jamie xx das Finale vorbereitet. Dort steuert die Irin Oona Doherty einen Spoken-Word-Part bei, der sich stark an Carl Sagans berühmtes "Look again at that dot"-Zitat über den Platz der Erde im weiten Weltraum anlehnt. Ein schöneres "What the fuck?" hat man tatsächlich lange nicht mehr gehört. Genau in diesen Weltraum hebt "Falling together" mit herrlichen Trance-Anleihen ab, zieht noch einmal alle Register und schubst "In waves" in eine neue Intensitätsstufe, tauscht die Strandparty ganz unangestrengt gegen einen Cosmos-Rave. Absolut großartig! Wen interessiert da am Ende noch, ob nun gerade Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter oder Fassnacht ist?
Highlights & Tracklist
Highlights
- Treat each other right
- Baddy on the floor (feat. Honey Dijon)
- All you children (feat. The Avalanches)
- Falling together (feat. Oona Doherty)
Tracklist
- Wanna
- Treat each other right
- Waited all night (feat. Romy & Oliver Sim)
- Baddy on the floor (feat. Honey Dijon)
- Dafodil (feat. Kelsey Lu, John Glacier & Panda Bear)
- Still summer
- Life (feat. Robyn)
- The feeling I get from you
- Breather
- All you children (feat. The Avalanches)
- Every single weekend (Interlude)
- Falling together (feat. Oona Doherty)
Im Forum kommentieren
musie
2025-08-12 14:58:17
...und schöne Rezi hier. WHAAAT THE FUUCK!
Ein paar herrliche Songs auf dem Album und das Mixing natürlich 1a. Hinten raus finde ich das Album grossartig, aber eigentlich auch vorne raus...
Dazu nun noch das wunderbare Dream Night, welches der perfekte Nachfolger von Into Dust (Still Falling) von Four Tet ist...
musie
2025-08-01 10:37:19
Ein Song des Jahres…
foe
2025-07-31 15:39:16
Fantastischer Track, btw.
MickHead
2025-07-21 19:53:38
Neuer Song "Dream Night"
https://jamiexx.bandcamp.com/track/dream-night
ichreitepferd
2025-05-16 10:18:19
Jamie xx live at Adidas Arena Paris - ARTE concert
https://www.youtube.com/watch?v=P0GpUQpMBZY
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