Yassin & Mädness - Isso

Normale Musik
VÖ: 28.06.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Groove is in the heart

Die Landkarte des Deutschrap gliedert sich – ganz grob, versteht sich – in drei imaginäre Regionen. Da wären zunächst die braven, abifeierkompatiblen Künstler wie Fettes Brot, Die Fantastischen Vier oder Freundeskreis. Dann sind da die möchtegern- oder realkriminellen Vertreter wie Fler (der als Patrick Losensky unter anderem als rekordverdächtiger Beamtenbeleidiger unterwegs war und dafür verurteilt wurde) oder Capital Bra, die in dicken Karren sitzen und homophobes, frauenfeindliches und auch sonst garstiges Zeug rausballern (wenn auch zugegeben zu dem einen oder anderen geilen Beat). Und dann wären da noch diejenigen, die ein Stück weit über den Dingen stehen, Texte mit Biss und Hirn machen, durch Originalität, Kreativität und sogar Selbstironie positiv auffallen. In diese Kategorie darf man Yassin einordnen, der durch seine Kollaboration mit Audio88 zu Recht ausnehmend gefeiert wurde. Jetzt hat er sich für "Isso" mit Marco Döll alias Mädness zusammengetan, der aus seiner hessischen Herkunft kein Hehl macht, sondern ganz im Gegenteil mit authentischer Mundart und souveränem Sprechgesang verdiente Erfolge feiert.

Diese Paarung darf als rundheraus geglückt bezeichnet werden. Weil sie beispielhaft zeigt, dass deutscher Rap richtig geil grooven kann und komplett ohne Stereotypen auskommt oder diese zumindest mit großer Eleganz dekonstruiert. Dabei nehmen sich die beiden auch gerne einmal selbst aufs Korn: "Das hier ist kein Geschwätz, das ist echtes Gelaber, mein Freund", heißt es gleich im Opener – und wer da nicht zumindest schmunzelt, der hat kein Herz. Die Themen, die "Isso" behandelt, sind genretypisch: Da geht's vor allem um verkorkste Kindheit und Drogenprobleme ("Gegen die Wand", "Warso" oder "WGNO"), aber auch das Aufbegehren gegen falsche Propheten: Mit eindringlichen und klaren Zeilen kriegen Influencer und YouTuber aus der Selbstoptimiererszene in "Du kannst alles schaffen" ebenso einen vor den Latz wie selbsternannte Pickup-Artists, die sich damit rühmen, mit einfachen Sprüchen möglichst viele potenzielle Geschlechtsverkehrpartner*innen flachzulegen. Richtig herrlich wird's dann in "Moses Freestyle", wo Moses Pelham – der dritte Hesse im Bunde – als Gast noch einen drauflegt und man zu dritt gegen die Arschlochkollegen der Rapszene ballert. Zeilen wie "Wenn ich mit Barfußschuhen in eure homophobe Szene stepp'" oder "Wir bringen nette alte Männer back" machen einfach Spaß und zeigen, dass Herzensbildung immer noch die beste aller Voraussetzungen ist, um ein gutes Leben zu führen – anders als Geld oder Bosheit. Sehr stark auch "Fake", der das Selbstbild der Aggro-Rapper und Angeber gründlich durchschüttelt: "Mach' 'nen Song drüber, dass ich clean bin / Doch vergess' den Text besoffen, wenn's was für free gibt."

Die ganz große Stärke dieses Albums ist jedoch noch eine andere: Hier sind zwei Rapper der alten Schule unterwegs, die ihre Texte und Lines dermaßen blitzsauber und geschickt setzen, so präzise phrasieren und so musikalisch Buchstaben über Musikuntermalung gleiten lassen, dass es eine schiere Freude ist. Keine Frage: Die beiden Jungs könnte man auch mit einem gebrauchten Drumcomputer von Kleinanzeigen auf eine Bühne stellen – und sie würden alles an die Wand schallern, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Wahrscheinlich ginge es sogar auch ganz ohne Drumcomputer. Während andere Zunftkollegen mit superfetter Produktion, zig Soundeffekten und flirrenden Trap-Hi-Hats – also durch technische Hilfsmittel – ihren Flow künstlich erzeugen, schaffen das Yassin und Mädness schlicht und einfach durch die Musikalität und Textstärke. "Isso" groovt wie Sau, hat einen durchgehenden musikalischen Fluss – und funktioniert im Zweifelsfall nach der Devise "weniger ist mehr" – wenn beispielsweise eine geschickt gesetzte Pause im Drumtrack viel mehr Wucht in den Song bringt als irgendein Effektgerassel. Wer dieses Album im Soundsystem seines Auto hat, der kann mit einem rostigen Opel Ascona beim Angebertreffen an der Dorftankstelle wesentlich nachhaltiger beeindrucken als all die schmächtigen Kerlchen in ihren gemieteten und tiefergelegten Protzkarossen. Hup-Hup!

(Jochen Reinecke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Du kannst alles schaffen
  • War so
  • WGNO

Tracklist

  1. Oke oke
  2. Gegen die Wand
  3. Du kannst alles schaffen
  4. Warso
  5. Drama
  6. WGNO
  7. Moses Freestyle
  8. Fake
  9. Genau wie du
  10. Mamas Bauch
  11. Scheißegal weil
Gesamtspielzeit: 33:05 min

Im Forum kommentieren

nagolny

2024-07-11 06:31:24

Es gibt nicht viel Rap aus Kartoffelstan, den ich respektieren kann, außer Dendemann. Das Ding hier gehört dazu.

Jochen Reinecke

2024-07-09 11:02:50

Die Calimeros kannte ich bisher gar nicht. Jetzt hab ich die gegoogelt und bin erstaunt: Man kann tatsächlich Sakkos in der Farbvariante "Zahnstein" kaufen.

Eiersalat

2024-07-09 08:59:17

Wieder ne Rap-Review bei Plattentests aus der Kategorie "Kann man auch sein lassen". Und dann lässt man dafür die Calimeros unter ferner liefen. Ein Wahnsinn ist das!

Jochen Reinecke

2024-07-09 08:34:15

@Max

Ich glaube das kommt daher, dass die Tracks "damals" mit Audio88 wesentlich fetter, rhythmischer, ausproduzierter waren und natürlich viel mehr geknallt haben. Das hier ist so gesehen ein ziemlich "leises" Album, aber gerade das gefällt mir. Naja, Geschmäcker sind verschieden :)

maxlivno

2024-07-08 12:47:28

@Jochen

Habe dem ganzen zumindest vier Durchgänge gegeben, aber mich hält nichts länger an dem ganzen. Ich finde nichtmal, dass es einen schlechten Song gibt, nur halt sehr viel 6-7/10er. Ist ja kein Beinbruch. Aber zumindest die Kritik vom Maddin hinsichtlich der "16na" teile ich teilweise

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