Emiliana Torrini - Miss Flower

Grönland / Rough Trade
VÖ: 21.06.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Die Braut, die sich nie traute

Die Geschichte hinter dem neuen Album von Emiliana Torrini zu erzählen, macht fantastisch viel Spaß. Leider ist sie mit dem Tod der Mutter einer engen Freundin verbunden, doch von da an entstand eine Märchengeschichte. Auf dem Dachboden fanden Torrini und ihre Freundin Zoe Flower jede Menge Briefe, die Liebhaber und Verehrer aus verschiedensten Phasen des Lebens und von unterschiedlichsten Orten an die titelgebende Miss Flower geschrieben hatten. Wer aufgepasst hat, wird anhand der Bezeichnung "Miss" ablesen können, dass es trotz neunfacher Angebote nicht zu einer Hochzeit kam. Emiliana Torrini wiederum fantasierte mit Erlaubnis ihrer Freundin, die zufälliger- und glücklicherweise auch noch mit Torrinis Keyboarder liiert ist, wie und wo sich die Geschichten aus den Briefen abgespielt haben, wie die Lücken gefüllt werden und vor allem wie sie klingen könnten.

So unterschiedlich wie Miss Flowers Verehrer fühlen sich auch die zehn Stücke auf dem Album an. "Black water" schiebt einen Synthbass in unregelmäßigen Wellen an, während Torrini wie ein Voiceover aus dem Off vorliest, spricht, erzählt. Der Mann, der offensichtlich für den Geheimdienst gearbeitet hatte, bleibt kryptisch. Eine beunruhigende Atmosphäre, eine flüchtige Beziehung und tragische Zeilen: "I lived most of my life behind a curtain." Ähnlich rastlos zeigt sich "Lady K", ein Song aus der Sicht des längsten, über Jahrzehnte anwesenden Liebhabers Reggie, der in seinem Brief versucht, Miss Flower eifersüchtig zu machen, nur um dann zu enthüllen, dass er eigentlich von einem Boot spricht. Die hektische Präsentation geht fast in Stakkato über. Bis es warm wird, dauert es noch etwas, weil auch das folgende "Waterhole" mysteriös bleibt und mit hochgestelltem Kragen durch die Nacht schleicht. Ein wenig Absolution gibt es in der biografischen Fiktion in "Dreamers", das als ausgedachte Konversation zwischen Reggie und Miss Flowers mit Klavier, Gitarre und sanfter Percussion eine Ode an unkonventionelle Liebe ist.

Was einen Teil der Lieder auch ausmacht, ist ein Schmachten, eine Sehnsucht nach körperlicher Nähe. Ganz explizit zu mediterraner Gitarre im titelgebenden Song: "I want to taste you / Taste your lips / Feel your hair." Ähnlich erotisch gibt sich "Let's keep dancing", das das einzige Feature der Platte beinhaltet. Harold Prieto, ein Fotograf und Musiker aus Trinidad, hing einem seiner Briefe seinerzeit eine Kassette mit einem Song von ihm an. Eines Stückes davon bediente sich Torrini für ihren Song und war zwei Jahre lang unsicher, ob er erscheinen könnte, weil sie Prieto einfach nicht erreichen konnte – bis endlich doch noch die ersehnte Nachricht eintraf. Mit seinem Karibikrhytmus und dem zusätzlichen Gesang ein klares Highlight des Albums und eine der männlichen Figuren, für die man in einer Verfilmung vermutlich rooten würde. Anders als für den Protagonisten aus "The golden thread", der Jahre später zwar vorgibt, über Miss Flower hinweg zu sein, aber gleichzeitig zugibt, dass er an sie denkt, wenn er neben seiner Frau liegt. Vertont in einer sanften Klavierballade, die ohne Drums auskommt, aber der ein Bass Schwere verleiht.

Einmal wechselt die Perspektive in "Love poem", wenn aus der Sicht der sagenumwobenen Miss Flower gesungen wird. Ein Synthesizer zaubert eine Melodie, und der ausgedehnte Gesang von Torrini sorgt dafür, dass man auch 25 Jahre nach ihrem ersten Durchbruc, noch Björk in einem Atemzug erwähnt – aber so klingt sie eben manchmal. Die Geschichte von Geraldine Flower endet mit dem instrumentalen "A dream through the floorboards", geschrieben vom Partner Zoe Flowers, den die Mutter so gerne aus einem anderen Raum spielen hörte, als sie in einem Haus wohnten. Aber natürlich endet die Geschichte hier eigentlich nicht. Sie beginnt in den Köpfen der Hörer*innen ein Eigenleben, und Wahrheit und Fiktion vermischen sich immer mehr. Und das macht fantastisch viel Spaß.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Black water
  • Let's keep dancing
  • Love poem

Tracklist

  1. Black water
  2. Lady K
  3. Waterhole
  4. Dreamers
  5. Miss Flower
  6. Black Lion Lane
  7. Let’s keep dancing
  8. Love poem
  9. The golden thread
  10. A dream through the floorboards
Gesamtspielzeit: 39:43 min

Im Forum kommentieren

VELVET UNDERGROUND

2024-06-28 00:22:40

"Me and Armini"

Friseuropfer zu sein, verbindet.

myx

2024-06-27 22:38:55

Kann mich nur anschliessen, finds auch durchgehend richtig bezaubernd. Höre ich mir sehr bald wieder an.

Unangemeldeter

2024-06-27 10:59:28

Schönes neues Album! Gehe mit der positiven Stimmung hier mit.

myx

2024-06-27 10:19:17

Viele tolle Reaktionen hier. Wenn ich jetzt nicht in dieses Album reinhöre, bin ich wirklich selber schuld. "Love in the Time of Science" zähle ich zu den ganz wundervollen Platten, hat mir schon etliche Glücksmomente beschert.

8hor0

2024-06-27 08:55:43

Mit "Love in the Time of Science" kennengelernt und immer fasziniert gewesen von ihrer Stimme. Auf jedem Album einiges Schönes dabei! Jungle Drum brauche ich hingegen nicht unbedingt.

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