Dead Star Talk - Solid state chemicals

Massive 92
VÖ: 31.05.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Und die Chöre singen für Dich

Auf den Juni 1996 schaut kein Mensch in Deutschland im Ärger zurück. Klar, es gab Konflikt-Potenzial: In den Schulbussen dauerpiepsten Tamagotchis nach Aufmerksamkeit. Ein spanisches Ein-Katastrophen-Wunder gab die musikalische Rinderseuche: "Heeeeeey, Macarena, ay!" Aber ansonsten? Bestes Freibad-mit-Pommes-Wetter. Das golden-goalige Bierhoff-Einwechselhändchen von Berti Vogts. Und selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen bewies seltenes Wohlfühl-Gespür. Nämlich, als es Oasis mit "Don't look back in anger" statt Mark Forster mit Dudelfunkmusik zum Fußball-EM-Song kürte. Eine Brithymne, die noch heute in jedem Rückblick auf damals erklingt. Was das alles mit dieser Platte zu tun hat? Sie ist wie dieser Moment, den wohlstandsgepamperte Kicker vor des Gegners Kasten so gut kennen wie ihren Kontostand. Denn sie ist eine verpasste Chance. Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, womöglich. Für unser aller Nervenkostüm, ganz sicherlich. Vor allem aber für ihre Band. Weil der EM-Song 2024 von ihr stammen könnte und sollte.

Drei Minuten, zehn Sekunden. Das ist die Zeit, die anderen noch nicht mal reicht, um ihre Frühstückseier bissfest zu kriegen. Die Hamburg-Kopenhagen-Connection Dead Star Talk läuft in der gleichen Spanne auf "Solid state chemicals" in die Arme der ganz großen Rocker-Gesten: Bis dahin hatten sie sich amtlich warmgespielt. Den Stadion- und Büchsen-Öffner "Twenty" mit Gitarrenwänden und Glocken eingeläutet, ihm vier Vierteltakte für so manches Halleluja verpasst. Und Melodien mit zweistimmigem Gesang unterfüttert, als wollten sie die Gallagher-Brüder nicht nur mimen. Sondern in der eigenen Paradedisziplin übertreffen. Dann, nach jenen drei Minuten, zehn Sekunden kommt sie: die Solo-Gitarre, die endgültig in die Gniedel- und Solo-Abfahrt schaltet. Die Band, die breitbeinig den Einheizer gibt. Und die letzte Song-Minute voller großer Rockstar-Gesten im kleinen Moment.

Diese Nummer, dieses "Twenty", gibt die Schlagzahl vor. "Solid state chemicals" ist eine Platte, die knapp vierzig Minuten lang ein Klangfenster in die 1990er Jahre öffnet. Sie braucht dafür keinen Fluxkompensator. Und muss noch nicht mal mit über 88 Umdrehungen die Minute abgespielt werden. Immer im Fokus: der Sound der Insel im Allgemeinen. Und natürlich der Sound von Oasis im Besonderen. Die leisen Töne bedienen Dead Star Talk dabei nur sporadisch. Nach zwei Dritteln dieser Platte packt die Band den Verzerrer für die Halbwertszeit einer Kippe weg – und macht mit "Jealous dream" in Britpop-Ballade. Eine, die auch als Rausschmeißer von Suede oder Stereophonics hätte angestellt werden können. Immer wieder kommt zwischen Halleffekten und Feedback-Gitarren ein Hauch von tiefenentspanntem Shoegaze durch. Ansonsten bestimmt "Solid state chemicals" Stadionmusik wie "Generations". Und Pop-Schmankerl wie der Titeltrack, in dem die Klampfen mindestens so schmissig mitsingen wollen wie die zwei Gallagher-Imitatoren am Mikrofon. Das meiste davon hätte prima in die Sportschau gepasst, ohne zu bestätigen, wie gruselig Fußball-Musik fast immer ist. Wir sagten es bereits: verpasste Chance. Aber da müssen wir jetzt alle gemeinsam durch. Sorry, Mark Forster.

(Sven Cadario)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Twenty
  • Solid state chemicals
  • Generations

Tracklist

  1. Twenty
  2. The hurricane
  3. Good people?
  4. Solid state chemicals
  5. Forever was before pt. 1
  6. Generations
  7. Our beat is repeat
  8. Jealous dream
  9. Forever was before pt. 2
  10. White lies, black skies
Gesamtspielzeit: 36:33 min

Im Forum kommentieren

Socko

2024-06-21 23:08:10

Das ist schon stark an den Sound der Gallaghers angelehnt. Ich weiss nicht, ob ich es geil oder abstoßend finde, dass die vor allem instrumentellen Anleihen stark an Oasis erinnern. Da ist mir das Original wesentlich lieber. Den Gesang finde ich eher langweilig.

Armin

2024-06-19 21:51:32- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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