Wanda - Ende nie

Vertigo / Universal
VÖ: 07.06.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Abschied. Ein Debütalbum.

Die Serie ist gerissen. Auf all ihren bisherigen fünf Alben reichte Wanda ein einziges Wort, um die Stoßrichtung der Platte zu verdichten – erinnert sei an den lebenshungrigen Überschwang von "Amore" oder die erschöpfte Nostalgie von "Niente" – nun prangen erstmals zwei auf dem Cover. "Ende nie" lässt sich dabei gleichzeitig als Imperativ oder als Negation eines ultimativen Abschlusses lesen. Ende? Nie! Im Titelsong klingt das so: "Du bist da, wo kein Mensch mehr spielt / Du bist dort am Ende nie." Es geht also in vielen dieser zwölf Lieder um den Tod, aus akutem und traurigem Anlass. Kurz vor Veröffentlichung des Vorgängers starb Keyboarder Christian Hummer nach schwerer Krankheit, was die nun zum Trio geschrumpfte, trauernde Band unter anderen Vorzeichen im Studio zusammenkommen ließ. Mit Hinblick auf "Ende nie" sprach Gitarrist Manuel Poppe darum immer wieder von einer Art Debütalbum, denn Wanda gebe es nun in einer neuen Inkarnation. Während der Aufnahmesessions musste Sänger und Songschreiber Marco Michael Wanda zudem Abschied von seinem Vater nehmen, was "Ende nie" zum Dokument gleich mehrfachen Verlustes macht. Rock'n'Roll-Ekstase und Hits, zu denen man sich schweiß- und biergebadet in den Armen liegen könnte, sucht man großteils vergeblich auf Wandas – je nach Zählung – erstem oder sechstem Album.

Nun hatten freilich die Stimmen, die Wanda gerne als bloße Indie-Schlager-Kapelle mit Hang zum unbedachten Hedonismus abtun wollten, eh nie recht. Ihre besten Songs waren immer durchsetzt von der Morbidität des Urwienerischen, die einer dem Tode geweihten Existenz spöttelnd manche lustvolle Stunde abzuringen hatte. "Ende nie" kommt nun aber in spürbar anderem Gewand daher: Elektronische Drums und melancholische Klavierläufe prägen die tolle erste Single "Für niemand anders", fungieren als Vorboten für den neu ausgerichteten Sound. Frontmann Wanda spiegelt das Persönliche ins Existenzielle – "und Deine Angst vor dem Ende ist so alt wie die Menschheit selbst" –, Poppes Solo lässt die Gesangsmelodie ein Stück weit hinter sich, statt sie bloß zu variieren. Traurig, tröstend und eingängig in gleichen Teilen erweist sich "Für niemand anders" als würdevolles Tribut, das nicht davor scheut, sich emotional zu entblößen. "Ich hör Dir zu" wird später auf dem Album eines der Fundamente der Rockmusik umkehren, will empfangen, statt zu senden. "Ich geb' zu, dass Du's besser weißt", schmachtet Wanda im Refrain und kratzt ungeniert am Kitsch, die Stimme durchtränkt vom Wunsch nach Aufrichtigkeit. Den mag man abgeschmackt und langweilig finden, aber wer dekonstruierenden Diskursrock vorzieht, ist fehl am Platze bei Wandas nackter Botschaft. Füreinander da sein wollten's immer schon, in der Krise gilt das umso nachdrücklicher.

Musikalisch gibt "Ende nie" manchen Neuerungen Raum. "Therapie" groovt müde vom Sex, aber gierig nach Nähe und Einvernehmen vor sich hin, der direkt angesprochene Tod von Wandas Vater wirkt als Kontrastfolie, verlangt Neuorientierung. Nicht nur hier nimmt Ray Webers Bass eine größere Rolle ein, auch hoppelt er nachdenklich zwischen den raumgreifenden Hooks von "Keine Angst" umher oder spielt im von perlenden Synthies psychedelisch angehauchten "Immer OK" wie Peter Hook in den hohen Registern. Wandas Klavier grundiert viele der Songs, so in der eindringlichen, an Oasis erinnernden Power-Ballade "Niemand was schuldig", die zum Abschluss in bester Band-Tradition eine wiederkehrende Textzeile umkreist und Bedeutung hinter der Plattitüde sucht: "Ich zeige Dir, dass es morgen zwar regnet, aber sonnig sein kann." Wandas Spiel mit dem Klischee gerät meist zur gelungenen Gratwanderung – "geh'n" und "wiederseh'n" dürften die häufigsten Wörter dieser zwölf Songs sein – und rutscht nur gelegentlich mal unangenehm ab. Das schlagerhafte "Wachgeküsst" federt die schwereren Themen des Albums locker und leicht ab, plätschert für sich aber etwas arg seicht dahin. "Woher soll ich wissen" deutet im Intro eine feine Jangle-Pop-Nummer an, biegt dann aber doch recht schnell in bläsergefütterte "Huhuhu"-Chöre ab, während es eine Liebe ohne toxische Bedürftigkeit skizziert. Als existenzialistischer Hit integriert "Jeder kann es sein" wiederum sogar erfolgreich kurze Dudelsackmomente in seine Catchiness.

Auf andere Weise repräsentiert "F*** YouTube" den allgemeinen Tenor des Albums. Wandas Freude am Sprachspiel flackert humorvoll auf – "der rückläufige Merkur hat mir gar nichts gebracht, mir war immer nur schwindlig" – um im Angesicht der vergangenen Verheerungen allen depperten Algorithmen den Kampf zu erklären: "Spiel' mir eine CD und fuck YouTube." Zwischenzeitlich reißt die Band gar einen kurzen Funk-Rock-Jam ab, der fast an die alten Red Hot Chili Peppers erinnert. Wanda kämpft also weiter auf der Seite der Lebenslust – schließlich fällt das "Auseinandergehn" schon schwer genug, wenn man nicht daran erinnert wird, wie fragil jedes Beisammensein ist.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Bei niemand anders
  • F*** YouTube
  • Immer OK
  • Niemand was schuldig

Tracklist

  1. Bei niemand anders
  2. F*** YouTube
  3. Therapie
  4. Sie steht nicht auf Dich
  5. Keine Angst
  6. Ich hör Dir zu
  7. Wachgeküsst
  8. Woher soll ich wissen
  9. Jeder kann es sein
  10. Kein Ende nie
  11. Immer OK
  12. Niemand was schuldig
Gesamtspielzeit: 39:16 min

Im Forum kommentieren

Sloppy-Ray Hasselhoff

2024-07-21 21:32:39

Bei niemand anders heißt der. Freut mich sehr, wenn Piefke Ösi-Mukke losen. Nur gemeinsam geht´s

Kojiro

2024-07-21 21:10:43

Albumtitel „Ende - ab sofort“ hätte ich begrüßt.

Obrac

2024-07-21 20:42:02

"Bei niemand sonst" ist echt überragend. Wenn sie doch nur immer so melancholisch drauf wären.

Francois

2024-06-21 10:00:20

Apropos Melancholie, das ist „Lieb sein“ mMn ganz stark,…

The MACHINA of God

2024-06-21 00:07:18

Die Zeile "Der rückläufige Merkur hat mir gar nichts gebracht, mir war immer nur schwindlig" ist aber auch klasse. :D

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