Bonny Light Horseman - Keep me on your mind / See me free

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 07.06.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

I am easy to find

Schockverliebt. Das war nicht nur Kollegin Depner, als sie anno 2020 das Debüt von Bonny Light Horseman entdeckte – das Wort beschreibt wohl auch akkurat die Reaktion von Anaïs Mitchell, Eric D. Johnson und Josh Kaufman, als sie zum ersten Mal den irischen Pub Levis Corner House betraten. Dort nahmen sie rund die Hälfte der 18 Songs auf, die von zwei Interludes ergänzt das dritte Album ihres gemeinsamen Projekts ausmachen. Die familiäre Aura der 100 Jahre alten Lokalität schwappt durch "Keep me on your mind / Set me free", manchmal sind sogar wirklich Laute eines anwesenden Publikums zu vernehmen. Es war schon immer die größte Stärke von Bonny Light Horseman, mit ihrem komplett unkitschigen wie unzynischen Folk-Rock nicht nur Brücken zwischen amerikanischen Prärie-Idyllen und britischer Rustikalität zu schlagen, sondern dabei auch jedes offene Ohr mit einer großzügigen Wärme zu umhüllen. Nun hat das Zusammenspiel von Kaufmans Arrangements mit den Wunderstimmen Mitchells und Johnsons einen neuen Peak erreicht. In der Verknüpfung akustischer Sensibilität mit einer virtuosen musikalischen Hochklasse untermauert das Trio seinen Anspruch, zu den besten des Genres zu gehören.

Kaum vernehmbare Percussion, Ambient-Flächen und ein ganz sacht gezupfter Kontrabass eröffnen den Opener "Keep me on your mind", der gleich zu Beginn auf zwei die erste Albumhälfte prägende Aspekte verweist. Zum einen gehen Bonny Light Horseman hier etwas introvertierter und jazziger als auf dem poppigeren "Rolling golden holy" zu Werke, zum anderen wechseln sich Mitchell und Johnson weniger brav ab, sondern singen viele Stücke gemeinsam. "Old Dutch" ringt dieser Ästhetik das größtmögliche Highlight ab. Das Pub-Piano zirkuliert im Raum, ehe es sich zum Fundament einer Americana-Nummer verdichtet, die von Strophe zu Strophe an Intensität gewinnt, Mundharmonika-gestützt versackt und per Gospelchor auf eine fein ornamentierte Soundwand zusteuert. Becken, Bass und Tasten tragen im ebenso famosen "When I was younger" die Reste davon ab, um dem vor Starkstrom zitternden Gitarrensolo den nötigen Platz zu verschaffen. An anderer Stelle schwingt sich "Lover take it easy" zum Soft-Rock-Schmachter mit Saxofon-Seufzern auf und öffnet "Waiting and waiting" den Country-Himmel, während Kaufman für "Rock the cradle" vors Mikro tritt und sich eine verdiente Runde Applaus abholt. Sowieso die einzige angemessene Reaktion, die man der Platte zu diesem Zeitpunkt entgegenbringen kann.

Schlechter wird's in der zweiten Hälfte nicht. "The clover" entpuppt sich als golden schimmernder Hit mit Fleetwood-Mac-Grandeur und entwickelt einen genauso mitreißenden Vorwärtsdrang wie das von elektrischen und akustischen Saiten umwucherte "Tumblin down". Auch ruhigere Songs wie die von Mitchell dominierten "Speak to me muse" und "I wanna be where you are" behängen sich mit Akzenten wie Männerchören oder Akkordeon-Drones, um nie der Ödnis zu verfallen. Ob "Singing to the mandolin" Achtziger-Gitarren mit einem wieder einmal wundervollen Piano verbandelt, "Over the pass" wie ein Wasserfall perlt oder "See you free" mit epischem Soul-Rock-Schwung den Vorhang zuzieht: Bonny Light Horseman haben mehr als genug Pfeile im Köcher, um in jeder noch so weit entfernten Ecke die Kunde zu verbreiten, dass das Folk-Album des Jahres nur über sie geht. "Love is rare, love is wild and hard to find", heißt es schon früh in der zweiten Single "I know you know". Manchmal ist sie näher, als man denkt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Old Dutch
  • When I was younger
  • The clover
  • Tumblin down
  • See you free

Tracklist

  1. Keep me on your mind
  2. Lover take it easy
  3. I know you know
  4. Grinch / Funeral
  5. Old Dutch
  6. When I was younger
  7. Waiting and waiting
  8. Hare and hound
  9. Rock the cradle
  10. Singing to the mandolin
  11. The clover
  12. Into the O
  13. Don't know why you move me
  14. Speak to me muse
  15. Think of the royalties, lads
  16. Tumblin down
  17. I wanna be where you are
  18. Over the pass
  19. Your arms (All the time)
  20. See you free
Gesamtspielzeit: 63:26 min

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MopedTobias (Marvin)

2024-06-14 19:07:53

Danke für das Lob, das freut mich. :)

dreckskerl

2024-06-14 16:03:22

Grandioses Album und großartig geschriebene Rezension, wie gewohnt, ich bin Fan.
Dieses Mal konnte ich das Album bereits mehrfach hören, bevor ich die Rezension gelesen habe und die Worte, die du findest die Musik konkret zu beschreiben sind beeindruckend genau und zugleich "emotional". Applaus.

Das Album ist wirklich verdammt gut, ein Genre Meisterstück, dass kann man jetzt schon sagen.

Armin

2024-06-13 19:59:16

Und das Cover auch falsch. Wurm drin. Aber Ihr findet die Rezension schon. :-)

MickHead

2024-06-12 19:30:29

Der Rezensionslink mit Bad Nerves vertauscht!

Armin

2024-06-12 16:13:48- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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