Amen Dunes - Death jokes

Sub Pop / Cargo
VÖ: 10.05.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Wer zuletzt lacht

21 Kollaborationen sind im Entstehungsprozess von "Death jokes" gescheitert. Das ist nicht nur eine der vielen Informationen, welche die umfangreiche Bio zu Amen Dunes' sechstem Album enthält, sondern auch ein guter Richtungsweiser für die mit der Platte verbundenen Erwartungen. Nachdem Damon McMahon seinen Art-Folk und -Rock auf "Freedom" zu einem vollen, Americana-nahen Sound verdichtete, zerschießt er ihn nun auf eine Weise, dass wirklich nur er selbst den verworrenen Fäden folgen kann. "Death jokes" lacht der Apokalypse ins Gesicht, während McMahon seine Liebe für Abstract HipHop und elektronische Musik ins eigene Werk überführt. In der Zeit seit besagtem Vorgänger litt der in Philadelphia geborene Mann unter einer schweren Form von Long Covid, wurde Vater, lernte Piano – und bildet das Chaos der Welt und seines persönlichen Gefühlslebens in der wahrscheinlich einzig sinnhaften Form ab, nämlich der einer Collage. Abseits einer knappen Handvoll unter zwei Minuten langer Intros und Interludes schafft er es allerdings auf beeindruckende Art, all die Ideen in unkonventionell strukturierte, aber nachvollziehbare und einnehmende Songs zu verpacken.

Der erste davon heißt "Ian": McMahons eigensinnige Stimme schlängelt sich zwischen nach vorne drängenden Garagen-Rock-Akkorden hindurch, die ein Laugh Track und andere Vocal-Samples aus der Balance zu bringen versuchen. Auf Laptop-Flöten und -Orgeln schwebend findet "What I want" augenscheinlich zur Ruhe, doch singt McMahon hier schon zu Beginn von schmelzenden Menschen und explodierenden Sternen, nur um noch sinistrer zu werden: "I will place my knife, dear, here on the ground / You can stick it to me to keep me around / Sleep, little baby, sleep / And I'll find you in your dreams." Ein Glück, dass das am Ende einsetzende Industrial-Geklapper bereits dafür genügen sollte, den Song nicht als Schlaflied für das Neugeborene in Betracht zu ziehen. Dann lieber einmal ordentlich abraven, wie es der zwischen Kurzschluss-Beat und Gothic-Gitarre aufgespannte Emo-Pop von "Rugby child" in seinem zentral platzierten Ausbruch tut. Nicht das einzige Mal, dass die Tracks von "Death jokes" in der zweiten Hälfte einige Überraschungen auffahren: Die auf handfestem Bass-Fundament bauende Single "Boys" verliert sich am Schluss in seltsamen Lo-Fi-Techno, ehe im synth-poppigen "Purple land" laute Drums den Reverb-getränkten Reggae-Rhythmus übertönen, um das finale Statement zu transportieren: "I can't make it go away for you, dear."

Was McMahon dahingegen bewerkstelligt: jedem Stück eine für sich stehende Textur zu geben. Der Psychedelic Folk von "Exodus" greift wieder mehr auf "Freedom" zurück, das Beat-, Stimmen-und Gitarren-Pingpong von "I don't mind" könnte auch auf der Tischtennisplatte von Animal Collective stattfinden. "Mary Anne" entledigt sich indes aller Störgeräusche, um eine in ihrer Beschwingtheit grauslige Country-Nummer für eine Frau zu singen, die McMahon als Kind sexuell missbraucht hat: "When we're both in the clouds, we will catch up love / In purgatory we both got lost." Das Herzstück des Albums ist jedoch zweifelsfrei das neunminütige "Round the world": eine Bilanz des Menschseins am Grand Piano, wie es sich gehört wieder von allerlei Samples und instrumentalen Andeutungen durchzogen und kulminierend in französischen Einlassungen der Komponistin und Dirigentin Nadia Boulanger. Im Closer "Poor cops" hören wir die Stimmen der Comedians Richard Pryor und Lenny Bruce, bevor das letzte Wort J Dilla gehört, dessen Kunstverständnis "Death jokes" einiges zu verdanken hat. Es ist das letzte von vielen Fragmenten, um deren endgültige Bedeutung niemand anderes außer Damon McMahon weiß, deren Zusammenspiel aber dennoch eine unheimliche Faszination ausstrahlt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ian
  • Rugby child
  • I don't mind
  • Round the world

Tracklist

  1. Death jokes
  2. Ian
  3. Joyrider
  4. What I want
  5. Rugby child
  6. Boys
  7. Exodus
  8. Predator
  9. Solo tape
  10. Purple land
  11. I don't mind
  12. Mary Anne
  13. Round the world
  14. Poor cops
Gesamtspielzeit: 46:45 min

Im Forum kommentieren

Armin

2024-05-21 18:46:39- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

humbert humbert

2024-05-15 22:37:14

Bin begeistert! Nach dem ich den Vorgänger mittelmäßig wenn nicht sogar enttäuschend fand, holt mich das Album wieder total ab. Hätte ich jetzt nicht so erwartet. Kann ehrlicherweise die etwas zurückhaltende Kommentare hier gar nicht nachvollziehen. 8-9/10

saihttam

2024-05-12 23:48:39

Boah, das klingt beim ersten Hören schon nach einem sehr komplizierten Album, bei dem es mir schwer fallen könnte den emotionalen Zugang zu finden. Aber ja, schon richtig, sicherlich nichts für schnelle Urteile.

maxlivno

2024-05-10 12:28:31

Album ist da und ich find es sehr spannend aber auch ein bisschen fordernd. Kein Album für schnelle Urteile. Der Text zum Album auf der Amen Dunes Bandcamp Seite ist ein anregender Zusatz zum Album

MickHead

2024-05-07 18:54:20

4. Single "Rugby Child"

https://youtu.be/yh763uxvddo?si=m6cFUC6kbIyATo_b

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