Arab Strap - I'm totally fine with it don't give a fuck anymore

Rock Action / PIAS / Rough Trade
VÖ: 10.05.2024
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Back for good

Dieser Akzent! Wer Schottland und die Schotten liebt – und wer, dessen Herz nicht in einem Fass mit Whisky ersäuft wurde, tut das nicht, bitte schön?! –, vergibt allein für diesen Akzent zwei Bonuspunkte. Doch die hat die Musik von Arab Strap gar nicht nötig, erst recht seit ihrem Comeback. Sonst kämen wir hier am Ende auf eine 11/10, und die ist bereits für das kommende Album von Spinal Tap reserviert.

"As days get dark" war ja vor drei Jahren nicht nur eine unerwartete Rückkehr nach 16 Jahren, es war auch ein noch unwahrscheinlicherer Karrierehöhepunkt. Und Arab Straps erste Nummer 1. Also im heimischen Schottland, der Rest der Welt war noch nicht bereit dafür. "I'm totally fine with it don't give a fuck anymore" – oder "ITFWIDGAFA", wie man den wunderbaren Titel, zu dem offiziell auch noch zwei Daumen-hoch-Emojis gehören, wohl zukünftig zumeist abkürzen wird – fühlte sich schon beim Schreiben wie Album Nummer zwei an, gab Aidan Moffat zu Protokoll. Was nicht heißen soll, dass er und Malcolm Middleton die anderen sechs Platten der eigenen Diskografie ab jetzt ignorieren würden. Sondern eben, dass sie mit dem Vorgänger ein völlig neues Kapitel aufgeschlagen haben, das nun konsequent fortgesetzt wird.

Die Trennung von der ersten Karrierephase geschieht nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich. Man kann nicht ewig aus der Sicht des versoffenen, am Leben und der Liebe verzweifelnden Jungerwachsenen singen. Stattdessen fassen die Texte in Bandphase zwo nun das größere Bild ins Auge. Was Alkohol, Liebe und Verzweiflung keineswegs ausschließt, aber die Gesellschaft und die Welt drumherum nicht mehr ausklammert. Und weil man daran gleich noch mehr verzweifeln kann, sind die Lyrics weiterhin – und auf "ITFWIDGAFA" noch mehr als auf dem Vorgänger – dunkel bis sehr dunkel. Bis hin zu "Safe & well", einer tieftraurigen Ballade aus der Sicht einer in ihrer Wohnung verwesenden Toten, für die sich trotz Maden im Mietshaus keiner außer ein paar Nachbarn (auf die niemand hört) interessiert.

Dabei ist die Musik für Arab-Strap-Verhältnisse hell, fast schon poppig, geraten. Denn ursprünglich wollten die beiden Schotten eigentlich nur ein paar Singles veröffentlichen und begannen daher mit eher eingängigen Stücken. Doch dann war der kreative Fluss unterwegs, und das Duo nahm sich schließlich fast zwei Jahre Zeit für ein richtig rundes Album, bei dem soundtechnisch und inhaltlich alles passt. Und abwechslungsreich geht es auch noch zu, obwohl stimmlich erneut Moffats markanter Sprech-Singsang klar im Vordergrund steht, während Middleton sich damit begnügt, die vielschichtige Instrumentierung auszupolstern.

Zum Auftakt lärmen sie in "Allatonceness" drauflos, als hätten sich Idles und Fontaines D.C. auf einer Kreuzung in Falkirk getroffen. Dazu ein Text, der die bedrohliche gesellschaftliche Verrohung und Spaltung gekonnt aufs Korn nimmt. Später scheint der "Strawberry moon" noch zu einem Song, der wie eine knarzende Straßenversion von The National auf 808 klingt. Doch zwischendurch tanzt das strahlende "Bliss" zu eingängigstem Elektropop durch ein düsteres (Inter-)Netz voller Mysoginie. Ah, die sozialen Medien. Sie sind Moffat oft ein Graus, zu rollenden Drums und schillernden Synthesizer-Einsprengseln klagt er den "Sociometer blues". Die Menschen sind miteinander verbunden wie nie zuvor und doch oft weiter voneinander entfernt denn je. Vom äußeren in den inneren Lockdown, mitreißend vertont in "Summer season" oder dem klaviergetriebenen "Haven’t you heard". Und wenn man gerade denkt, zum Ende hin wird es bestimmt etwas ruhiger, fegt vor dem sphärischen Lichtausknipser eine von kurz vor Mitternacht bis spät am Morgen durchzechende "Dreg queen" all die Tränen vom Tresen. Slàinte Mhath!

(Thomas Bästlein)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Bliss
  • Sociometer blues
  • Strawberry moon
  • Haven't you heard
  • Safe & well

Tracklist

  1. Allatonceness
  2. Bliss
  3. Sociometer blues
  4. Hide your fires
  5. Summer season
  6. Molehills
  7. Strawberry moon
  8. You're not there
  9. Haven't you heard
  10. Safe & well
  11. Dreg queen
  12. Turn off the light
Gesamtspielzeit: 46:25 min

Im Forum kommentieren

fakeboy

2024-05-27 20:16:22

Meine LP ist eingetroffen und weiss sehr zu gefallen. Die gelbe Indie-Variante, hochwertiges Glanz-Cover, dicke Karton-Innenhülle mit den Texten - leider liegt kein Download-Code bei, den scheinen die meisten Labels abgeschafft zu haben... Klingen tut sie absolut hervorragend, im Bassbereich drückt sie mehr als erwartet.

Musikalisch ist das natürlich alles etwas gleichförmig - so soll das doch auch sein bei Arab Strap. Dafür ist es umso eindringlicher und atmosphärischer. Die Produktion ist super - mir gefallen die heutigen "Hi-End"-Arab Strap fast noch besser als die früheren Lo-Fi-Produktionen.

Vivat Virtute

2024-05-22 23:01:09

Ich finds nicht schlecht, aber auf Dauer ist der Gesang schwierig bzw arg gleichförmig. Wirkt aufs erste Hören, als ob er immer die gleichen Harmonien nuschelt

dieDorit

2024-05-22 18:56:17

Nichts gegen Altherrenmusik. Das machen auch Element of Crime und ich liebe sie dafür :)

fakeboy

2024-05-22 15:58:58

Altherrenmusik haben Arab Strap im Prinzip schon vor 20 Jahren gemacht - das ist doch ein grosser Teil des Reizes dieser Band.

Platte wächst bei mir stetig. LP ist bestellt.

tjsifi

2024-05-22 13:39:58

@K4: Da muss ich leider zustimmen.

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