Jessica Pratt - Here in the pitch

City Slang / Rough Trade
VÖ: 03.05.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Goldene Schatten

Jessica Pratt ist eine Meisterin des scheinbaren Widerspruchs. Große Klangpanoramen, die an den Ozean und Kalifornien denken lassen, wollte sie auf ihrem vierten Album auffahren – nennt dieses aber "Here in the pitch" und hüllt sich auf dem Coverbild in tiefstes Pechschwarz. Die ganze Essenz von Pratts Musik steckt in diesem Spannungsfeld, die Aura einer goldenen Hollywood-Nostalgie, in deren Flüchtigkeit der Sunset Boulevard seine Asphaltrisse nicht mehr verbergen kann. Mit ihren vorigen Werken hat sich die US-Amerikanerin bereits als distinktive Songwriterin aus dem dichten Wald namens Folk hervorgetan, nebelte mit einer außerweltlichen Stimme und kaum berührten Saiten wundersame Eigensinnigkeiten aus dem Lautsprecher. "Here in the pitch" behält diesen Kern bei, umhüllt ihn allerdings mit Sechziger-Studio-Magie im Geiste Scott Walkers oder der Beach Boys: Zwielichtige Taschen-Orchester transportieren Pratts Melodien in Richtung greifbarerer Pop, ohne deren spezielle mysteriöse Intimität anzukratzen. So hört es sich an, wenn eine Künstlerin ihr immer schon vorhandenes Potenzial zur Meisterklasse ausformuliert und auf diese Weise ihr bestes Album erschafft.

Was zu der raumfüllenden Präsenz entscheidend beiträgt, ist der ungewohnte Einsatz von Drums und Percussion. Ein mächtiger Beat kündigt gleich den Opener "Life is" an, ehe er sich mit Orgelflächen und Stakkato-Streichern zu einer klassischen Phil-Spector-Soundwand formiert. "The chances of a lifetime might be hiding their tricks up my sleeve", singt Pratt und findet unbewusst ein passendes Sprachbild für die federleichte Wucht, die sie hier aus dem Ärmel schüttelt. "Better hate" ist kaum weniger großartig, führt seine Sixties-Girlgroup-Melodie mysteriöse Windungen entlang, ohne die Hooks unnötig groß aufzuziehen, und erdet sich selbst mit einem Bariton-Saxofon. Auch in "Get your head out" scheint die Bossa-Nova-Sonne auf vokale Geheimgänge unter dem Sand, während die Erzählerin die Unmöglichkeit des Loslassens in einfache Worte verpackt: "I keep comin' back to what I left behind." Dazwischen saugt die Akustische von "World on a string" alle anderen Instrumente aus der Umgebung, nur um sie triumphal wieder auszuspucken. "I want to be the sunlight of the century" – ein Wunsch, der trotz der musikalischen Vergangenheitsbezüge auf jedes mögliche Jahrhundert verweisen könnte, schließlich klingt "Here in the pitch" völlig von Raum und Zeit gelöst.

Die zweite Hälfte des Albums reduziert die Arrangements und macht die Traumtexturen damit noch freiförmiger. "A gesture left in summer's mind", pointiert es "By hook or by crook" kunstvoll und unterläuft seine Strandbar-Atmosphäre mit plötzlichen Drones. Mit erneut aufgespannten Orgeln und zum Beat verarbeiteten Tropfgeräuschen verzerrt "Nowhere it was" die Schatten noch stärker, doch "Empires never know" bündelt die surrealen Ausläufer zum emotionalen Höhepunkt. "Get yourself onto God, my love", fordert Pratt und meint sicher den spirituellen Sog, den das wie aus einer Zwischenwelt empfangene Piano hier gemeinsam mit Jazz-Bläser-Akzenten und gespenstischen Vocal-Modulationen erzeugt. Es passt zu dieser außergewöhnlichen Platte, dass ausgerechnet ihr naivster, hoffnungsvollster, in seiner Klarheit schönster Moment den Schlusspunkt setzt. In einer mantraartigen Tasten- und Saiten-Hypnose schwebt "The last year" Richtung Horizont, die absolute Offenheit trug dieser Closer von Beginn an als Motto: "I think it's gonna be fine / I think we're gonna be together / And the storyline goes forever." Worte, die sich alle zu Herzen nehmen sollten, denen Pratts Werk mal wieder zu kurz ausgefallen ist: Ein Album wie "Here in the pitch" kann man auch einfach endlos weiterlaufen lassen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Life is
  • Better hate
  • Empires never know
  • The last year

Tracklist

  1. Life is
  2. Better hate
  3. World on a string
  4. Get your head out
  5. By hook or by crook
  6. Nowhere it was
  7. Empires never know
  8. Glances
  9. The last year
Gesamtspielzeit: 27:17 min

Im Forum kommentieren

parnell17

2024-07-23 23:18:02

Nach wie vor mein Album des Jahres, bin diesen Songs völlig verfallen.

Lucas mit K

2024-07-19 13:00:30

Wieder ein tolles Album von ihr. Vielleicht ihr bestes bisher.

zolk

2024-05-14 09:18:57

Ich kannte sie vorher nicht, dank plattentests.de jetzt aber doch. Sehr angenehm zu hören bis jetzt...

Unangemeldeter

2024-05-13 22:56:17

Danke für die super Rezension, toll geschrieben! Bei der Wertung lande ich wohl einen guten Punkt weiter oben, mich hat das Album wieder voll erwischt und ich höre grade kaum was anderes.

Armin

2024-05-13 20:14:43- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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