Hot Water Music - Vows

End Hits / Cargo
VÖ: 10.05.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Olympisches Feuer

Der je nach Zählweise zweite oder dritte Frühling von Hot Water Music scheint uns eine ganze Weile länger zu begleiten als gedacht. "Feel the void" dreht noch Ehrenrunden auf dem Plattenteller, da machen die US-Amerikaner mit "Vows" endlich die Zehn voll – der kreative Funken loderte offensichtlich zu stark, um wieder jahrelang in der Versenkung zu verschwinden. Passt schließlich auch zum Band-Logo. Und natürlich zum 30-jährigen Jubiläum, das inklusive der zugehörigen Tour 2024 ansteht und dem Anschein nach allen Schwung mitnehmen soll, der geht. Wie die niemals erlöschende olympische Fackel reichen Chuck Ragan, Chris Wollard und Konsorten das Zepter von einem zum nächsten Album weiter, ohne jegliche Anstrengung oder nervöses Zaudern. Neuzugang Chris Creswell ist noch prominenter eingebunden als zuvor, schon der Hit-Refrain von "Menace" wird maßgeblich durch dessen helles Organ getragen und von Urgestein Wollard verstärkt. Man hört sie bereits von weitem, die skeptischen Unkenrufe der "No division"-Ultras: Wie glatt das alles produziert sei, wie blutleer und beliebig! Stimmt so nicht ganz. Hier gibt es nämlich zwölf tolle neue Songs.

Noch dazu soll niemand behaupten, Hot Water Music würden sich nur auf abgegriffene Muster verlassen und keine ungewöhnlichen Akzente setzen. "Burn forever" zum Beispiel gönnt sich waschechte Offbeat-Passagen, die den hochdramatischen Chorus bloß noch heller strahlen lassen. Außerdem rückt die Band mitunter näher an Alternative Rock heran als jemals zuvor: "After the impossible" mit stimmlicher Unterstützung von Dallas Green (City And Colour/Alexisonfire) lässt erst das zartere Solo-Material von Ragan durchklingen und endet dann als kraftvolle Semi-Ballade, die durchaus Stadion-Vibes versprüht; der Creswell-Track "Side of the road" reiht sich da mühelos ein. Die Bridge von "Remnants" kommt schon beinahe cheesy daher, fußt aber auf einer schön brodelnden Bassspur von Jason Black. Und die Fluffigkeit von "Chewing on broken glass" wiederum lässt an klassischen College-Pop-Punk denken, sogar ohne liebliche Creswell-Vocals. Man ist tatsächlich nur so alt, wie man sich fühlt.

Richtig flottes Gebolze hat "Vows" nicht im Angebot, "Wildfire" geht trotzdem gut nach vorn, wenn Ragan eindringlich "I want my money back!" fordert. Die Intensität des Albums erreicht ihren Höhepunkt allerdings in "Fences", bei dem die Mitglieder von Thrice aushelfen, nicht nur an den Instrumenten, sondern auch im Backing-Chor – Dustin Kensrues prägnante Stimme findet ebenfalls, wer aufmerksam ist. Die illustre Gästeliste von "Vows" zeigt, welche Prominenz Hot Water Music genießen und auf welchen Rückhalt sie in der Szene und darüber hinaus zählen können, auch wenn nicht jedes Feature gleich eindeutig als Vocal-Beitrag erkennbar ist. "A place to call home" sucht Ragan entsprechend im melancholischen "Bury us all", singt von ewig blühenden Blumen und wegweisenden Lichtern, denen es zu folgen gilt. Emo will never die, but you will.

Auf "Vows" sind wortwörtlich viele Stimmen zu hören, und sicherlich sind Hot Water Music nicht mehr dieselben, die sie 1998 oder auch 2012 waren. Eine Bandgeschichte derart anschaulich in Schaffensphasen aufteilen zu können, macht es allerdings auch einfacher, sich die persönliche Lieblingsabteilung auszusuchen. Wer mit dem Wandel nicht mitgehen mag, darf weiterhin mit "A flight and a crash" und noch Früherem die alten Tage auferstehen lassen. Und wer die rockigeren, zugänglicheren Hot Water Music der 2020er liebt, wird mit "Vows" fast genauso viel Spaß haben wie mit "Feel the void" zuvor. Erlaubt ist beides, in der großen Punk-Familie sowieso und dem olympischen Gedanken zufolge erst recht. Das eigentliche Wort zum Sonntag liefert die Band im kumpelig-bierseligen Closer dann auch gleich selbst mit: "So much in life won't stay the same / But this right here will never change / We'll raise a glass to you and sing / Much love / Much love!"

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Menace
  • Burn forever
  • Fences (feat. Thrice)
  • Bury us all

Tracklist

  1. Menace
  2. Searching for light
  3. Burn forever
  4. After the impossible (feat. City And Colour)
  5. Remnants (feat. Turnstile)
  6. Chewing on broken glass
  7. Fences (feat. Thrice)
  8. Side of the road
  9. Wildfire (feat. Calling Hours)
  10. Bury us all
  11. Touch the sun
  12. Much love (feat. The Interrupters)
Gesamtspielzeit: 40:37 min

Im Forum kommentieren

Talibunny

2024-05-24 15:19:19

Bin bei den neueren, "glatteren" Platten auch anfangs immer skeptisch, aber letztendlich kriegen sie mich doch immer wieder.

Würde aktuell mit 8/10 werten.

fakeboy

2024-05-11 11:34:58

Gebe Urbsi absolut recht. Rebelos Drumming ist ziemlich normal geworden - so wie der gesamte HWM-Sound immer glatter wurde. After The Impossible find ich fürchterlich. Finde ebenfalls Chewing on Broken Glass am besten. Wahrscheinlich ist Wollard für meinen Geschmack die wichtigste Figur bei HWM - darum entwickelt sich die Band weg von mir. Kein Problem, ich kann ja No Division, Flight And A Crash und Caution weiterhin rauf und runter hören. Vows im Gegenzug werde ich kaum je wieder hören.

Adler_Eddie

2024-05-10 13:28:21

Von den Vorab-Songs hatte mich nur die Hälfte überzeugt. Daher war ich noch etwas skeptisch.

Aber die neuen Tracks finde ich bis auf "After The Impossible" (mir zu kitschig) richtig geil, vor allem Bury Us All (Hymne), Touch The Sun und Wildfire.

Von daher insgesamt ein gutes HWM-Album (7-8/10).

Freue mich schon aufs Konzert im Schlachthof Wiesbaden mit der Post-Hardcore-Legende Quicksand als Support.

Urbsi

2024-05-10 10:36:59

Chewing on broken glass von Wollard ist aufs erste Hören mein absolutes Highlight. Dem Rest gebe ich aber natürlich die verdiente Zeit.

Was ich an den letzten Alben etwas schade finde, sind die reduzierten Drums von George Rebelo. Mit reduziert meine ich, dass er unterfordert wirkt. Wenn ich die alten Alben höre, dann waren die Drums treibende Kraft und ich liebe, wie er da Haken schlägt. Nun wirkt das alles ein wenig monotoner. Ich kann es nicht besser beschreiben, weil ich keine Ahnung habe, wie man das "theoretisch" beschreibt, aber ihr wisst vielleicht, was ich meine.

Lars Vegas

2024-05-08 21:16:29

Habe vorhin die Vinyl beim Plattendealer des Vertrauens geholt. Platte läuft grad das vierte mal am Stück durch. Ich mochte HWM schon immer. Aber ich liebe sie erst so richtig, seit sie sich der poppigen Produktion geöffnet haben. Mochte ich am Anfang die ersten Sachen noch nicht, in denen Chris Chrestwell am Mikro war, so sehr liebe ich sie jetzt. Gerade der Opener Menace geht so hart ins Ohr. Ich gebe dem Album ne 8/10.

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