St. Vincent - All born screaming

Total Pleasure / Virgin
VÖ: 26.04.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Selbst ist die Chirurgin

Auch wenn die Annahme naheliegt: "All born screaming" ist keine Kurskorrektur. Das wäre auch gar nicht nötig, denn das anfangs verhalten aufgenommene "Daddy's home" hat seine Fans gefunden, und auch Annie Clark selbst verteidigte erst kürzlich ihren Ausflug in Richtung Lounge-Pop und Vintage-Soul. Und doch scheint sie auf ihrem siebten Album als St. Vincent ganz betont eine 180-Grad-Wendung zu vollziehen. Das ungewohnt sanfte "Daddy's home" mag thematisch und lyrisch ihr bislang persönlichstes Werk gewesen sein, "All born screaming" fühlt sich in seiner Direktheit hingegen musikalisch danach an. Die Entwicklung ist bemerkenswert, denn ungeachtet aller Qualität durchzogen ihre früheren Alben eine gewisse Distanz, eine Künstlichkeit, die sie in den letzten Jahren scheinbar mehr und mehr ablegen möchte. "Best finest surgeon / Come cut me open", sang sie einst. Hier nimmt sie das Skalpell gleich selbst in die Hand und das nicht nur, weil "All born screaming" ihre erste komplett selbst produzierte Platte ist.

Was die ersten beiden Singles ankündigten, war eine zähnefletschende Annie Clark mit erneut aufgefrischtem Mut zur Hässlichkeit und zum Lärm. "Flea" gerät mit Trommel-Unterstützung von Dave Grohl zum verzerrten, schleppenden Hit und geht direkt ans und ins Fleisch: "Then you feel that little prick from me / I look at you and all I see is meat." "Broken man" wurde nicht zu Unrecht dank des tosenden Finales mit Nine-Inch-Nails-Vergleichen bedacht. Wenn Clark wie von Sinnen und außer Atem "What are you looking at?" durch die Gitarrenwände kreischt, braucht man nicht mal das famose Video zur Unterstützung, um sie entflammt vor sich zu sehen. Wer aufgrund dieser Vorboten ein Industrial-Rock-Album erwartet, liegt jedoch verkehrt. Die restlichen Songs von "All born screaming" sind im Verhältnis ruhiger, aber deshalb nicht weniger intensiv.

"Broken man" und "Flea" befinden sich beide in der düsteren ersten Hälfte, die von "Hell is near" verschwommen und mystisch eröffnet wird. Von Clark vernimmt man nur vernuschelte Vocals, der zahflüssige Background mündet direkt in das klare Klavier von "Reckless". Abermals stehen Nine Inch Nails Pate, allerdings mit dem düsteren Sound der "Ghosts"-Instrumentals oder der Reznor/Ross-Soundtracks. "I've been mourning you since the day I met you" – Clark fleht ihre Worte förmlich und kann dennoch die Wucht nicht abfedern, mit der das Stück in der letzten Minute eiskalt alles niederstampft. Passend zu den folgenden bereits erwähnten Songs und zu "Big time nothing", das einen Knurrbeat im Stil von Björks "Army of me" mit Dominatrix-Raps und einem Falsett-Disco-Part in unter drei Minuten verheiratet und es schafft, dass das alles Sinn ergibt. An dieser Stelle hellt sich die Stimmung nicht direkt auf, aber wird "All born screaming" zumindest etwas weniger unerbittlich und lässt eine Form von grimmigem Humor durchblicken.

"Violent times" ist mit seinen nervösen Bläsern und der fantastischen Melodieführung der schlichte Beweis, dass ein Bond-Theme von St. Vincent lange überfällig ist. Schönere Zeilen über Liebe und Tod hat man auch in der Form lange nicht gehört: "All of the wasted nights chasing mortality / When in the ashes of Pompeii / Lovers discovered in an embrace for all eternity." Dank Clarks atemberaubender Vocal-Performance gerät erneut eine finale Songminute zum Gänsehautfaktor. Der verschlierte Comedown "The power's out", der von einem weitläufigen Stromausfall fantasiert und am ehesten an vergangene St.-Vincent-Balladen erinnert, dreht kurioserweise das Licht noch einen Tick weiter auf. Denn die folgenden letzten drei Songs haben mit den Abgründen vom Beginn kaum noch etwas gemein – dass "All born screaming" trotzdem so rund wirkt, ist einem fabelhaft konstruiertem Sequencing zu verdanken.

"Sweetest fruit", das mit Josh Freese einen weiteren bekannten Drummer an Bord holt, ist als Ode an die verstorbene Sophie nicht weniger als ein unverschämt eingängiger Popsong, bei dem man sich glatt dran erinnert, dass Clark unlängst einen Cowriting-Credit auf einem Nummer-Eins-Hit von Taylor Swift hatte. Allen Ernstes probiert "So many planets" danach einen Reggae-Beat und kommt damit nicht nur durch, sondern begeistert durch seine kleinen Eskalationen zwischendrin. "I have to visit so many planets / Before I find my own" – vielleicht durchlebt "All born screaming" deshalb so viele Metamorphosen, bevor es am Ende beim Titeltrack ankommt, dessen lockerer Groove in der Mitte einmal ins schwarze Loch gesaugt wird und zögerlich als Choral zurückkommt. Vom schreienden Beginn bis ins weiße Licht also – ein Album wie ein ganzes Leben. Ein schmerzhaftes, widersinniges und faszinierendes Leben.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Reckless
  • Broken man
  • Violent times
  • Sweetest fruit

Tracklist

  1. Hell is near
  2. Reckless
  3. Broken man
  4. Flea
  5. Big time nothing
  6. Violent times
  7. The power's out
  8. Sweetest fruit
  9. So many planets
  10. All born screaming (feat. Cate Le Bon)
Gesamtspielzeit: 41:14 min

Im Forum kommentieren

AliBlaBla

2024-06-22 15:15:59

Ich mag das Album total, nach anfänglicher Skepsis, St.Vincent immer an der Schnittstelle von "alternativ", "anders" und "gut hörbar" (für mich!)

nörtz

2024-06-22 14:13:23

Big Time Nothing

qwertz

2024-06-22 14:04:54

Wunderlich. Welcher Song?

nörtz

2024-06-22 02:07:52

Läuft mittlerweile auf NDR2, die Dame.

The MACHINA of God

2024-06-06 13:29:55

Hatte ich eben auch das Gefühl.

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