Jess Ribeiro - Summer of love

Poison City / Labelman
VÖ: 12.04.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Es ist wieder kälter geworden

"Es ist wieder kälter geworden", ließ die Tagesschau kürzlich mit einer der wohl kuriosesten Eilmeldungen der jüngeren Vergangenheit verlauten. Und in der Tat sorgte diese Nachricht für ein großes Echo, denn unabhängig von Wetterumschwüngen traf dieser kurze, prägnante Satz doch so unmittelbar eine Gesamtstimmung, zum Klima, politischer Lage und dem emotionalen Zustand in so vielen Köpfen auf den Punkt genau. Das vierte Album der Australierin Jess Ribeiro passt gut zu dieser Meldung. Zwar ist "Summer of love" kein kaltherziges Werk, aber ein entrücktes, düsteres Statement, in dem es weniger um Struktur geht, sondern um vertonte Gefühle.

Schon im schwermütigen Opener tritt erst mal nur ein lethargisches Klavier mit der erschöpften Sängerin im Tandem auf der Stelle: "My lips are dry / I'd really dig some water / It's a long journey from the bedroom to the tap." Ein Saxofon bringt Wärme mit, und die zarte Stimme klingt entschuldigend, was besonders tragisch wirkt. Ein Stück Erlösung scheint die Sängerin aus Melbourne in der Natur zu finden. "The trees and me" ist ein schleppender, angejazzter Spaziergang bei nicht allzu gutem Wetter, aber lässt am Ende zumindest Bereitschaft zu, sein Herz wieder öffnen zu wollen. In logischer Konsequenz klingt "Paradise" offener und die Gitarre von einer warmen Brise berührt, die irgendwann zwischen den Bäumen ausfadet. Was diesen kurzen Anflug von Hoffnung zulässt, artikuliert Ribeiro im Gespräch mit sich selbst zuflüsternden Spuren auf zynisch anmutende Weise in "Everything is now": "People surrounding talk shit / They got nothing to say / Nothing that they say matters / 'Cause when we're gone / The wind is listening through the trees".

Wie wenig "Summer of love" an klassischen Strukturen interessiert ist, zeigt "Jump the gun". Es geht von Beginn an unruhig zu, und der Basslauf klingt unzufrieden. Kurz vor der Zwei-Minuten-Marke wird Ribeiro kurz aufmüpfig wie ein aufgeregter Vogel, lässt die Situation dann aber zugunsten mehrerer selbstversichernder Stimmen wieder fallen, bis am kurz vor Schluss ein Saxofon vollkommene Unruhe reinbringt und den Song abrupt enden lässt – ein spannungsgeladenes Erlebnis. Ähnlich dramatisch geht es "Airborne" mit reißenden Streichern an und baut sich bedrohlich auf, bis düstere Drums reingeholt werden und die Stimmung sich weiter verdichtet. Was braucht es also, dass es wieder wärmer werden kann? Die Antwort kennt der Titelsong, der erneut einzelne Klaviertöne bemüht, dieses Mal allerdings herzlicher. Jess Ribeiro drückt mit einfühlsamer Stimme ein tiefsitzendes Bedürfnis aus: "We need a summer of love / a love like no other." Ein Funken Optimismus auf die Quintessenz runtergebrochen und mit Geigen verfeinert.

Wie weit dieser Sommer noch entfernt zu sein scheint, realisiert das finale "Howl". Fast sechs Minuten kehrt das unheilvolle Klavier zurück, und der Gesang evoziert ein verwundetes, entkräftetes Tier. Kühle Luft zieht unter dem aufgegangenen Mond bis tief in die Lunge. Tragische Streicher laufen mit Gewissheit aufs Ende zu, die Percussion verabschiedet sich mental schon von den letzten Anwesenden, und ein bisschen Chor ist kaum hörbar in der Ferne. Es ist ein willentlicher Abgesang und ein Gang in die Dunkelheit. Und ein würdiger Abschluss für ein großartiges Album, das seine Emotionen unverfroren offenlegt. Es ist wieder kälter geworden.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Maybe if I wore sunglasses inside I won't feel tired
  • Everything is now
  • The trees and me
  • Howl

Tracklist

  1. Maybe if I wore sunglasses inside I won't feel tired
  2. Everything is now
  3. The trees and me
  4. Paradise
  5. Jump the gun
  6. Airborne
  7. Helicopter
  8. Summer of love
  9. Wake in fright
  10. Howl
Gesamtspielzeit: 37:36 min

Im Forum kommentieren

Grizzly Adams

2024-04-29 22:57:52

Ist was für mich. Dieser schluffig-schlurfende Folk-Sound, Lo-Fi würden manche wohl dazu sagen, und dazu diese Stimme, die klingt wie aus einer Bar, die nur zwischen 2-5 Uhr morgens Gäste erwartet, die zu müde sind, um nach Hause zu gehen oder die ihr Zuhause genau in solchen Bars haben, spricht mich sehr an. Auch die Songs, diedazu auffordern, im Dämmerzustand noch einen letzten oder vorletzten Drink zu bestellen, bewegen sich oft nur ruckartig von der Stelle und unterstreichen den Gesamteindruck. Ein rundum gelungenes und schönes Album. Für mich eine 8/10.

Vive

2024-04-28 21:36:03

Erinnert mich an Julie Doiron

Vive

2024-04-28 21:28:05

oh wow gefällt mir wie sie singt. weil es eigen ist. und intim klingt.

Grizzly Adams

2024-04-25 21:14:46

Klingt so als könnte das etwas für mich sein. Werde es mal in Ruhe hören.

Armin

2024-04-25 19:50:06- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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