Taylor Swift - The tortured poets department: The anthology

Republic / Universal
VÖ: 19.04.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Pantoffel-Pop

"Put narcotics into all of my songs / And that's why you're still singing along." Wir stellen vor, Taylor Swift: Präsidentenmacherin, Klimazerstörerin, popkulturell wahrscheinlich bedeutsamste Frau der Welt, und jetzt auch noch böse Hexe, die ihr Publikum betäubt. Ungewollt trifft dieses halbironische Sprachbild aus der Zirkusnummer "Who's afraid of little old me?" jedoch voll ins Schwarze. Anno 2024, auf dem Gipfel ihrer Popularität, hat Swift ihr musikalisch unauffälligstes Album gemacht. "The tortured poets department", das als kurz nach dem eigentlichen Release veröffentlichte "The anthology"-Version die Zwei-Stunden-Marke überschreitet, hüllt sich in eine wahrlich narkotische Aura. Dass wir seiner Erschafferin dennoch an den Lippen hängen, ist kein fauler Zauber, sondern auf das noch immer ausnehmend gute Pop-Songwriting zurückzuführen, das 31 Tracks ohne einen einzigen Ausfall übersteht und textlich wieder mehrere Bände Sekundärliteratur füttern könnte. Es ist Musik, die oberflächlich mit den Pantoffeln durch einen faulen Sonntag schlurft, nur um gelegentlich Ex-Lovern und anderen ungenehmen Gestalten die Stollen ins Gesicht zu rammen.

Wie sich die verschlafene Atmosphäre zu wirklich schönen Songs verdichten kann, zeigt vor allem der Opener "Fortnight", auch wenn es für diesen Effekt den kaum vernehmbaren Post Malone nicht gebraucht hätte. "My husband is cheating, I want to kill him", erklärt Swifts Erzählerin hier am Ende und greift diesen Faden im einzigen anderen Track mit Gastbeteiligung wieder auf. Gemeinsam mit Florence Welch und durchs Koma donnernden Drums flüchtet sie nach "Florida!!!", in dessen Sümpfen sich alle Probleme von selbst lösen: "Your cheating husband disappeared / Well, no one asks any questions here." Eskapismus spielt eine große Rolle auf einem Album, das voll von einengender Metaphorik ist, in "Fresh out the slammer" etwa eine langjährige Beziehung als Gefängnis zeichnet. "Down bad" träumt von Alien-Entführungen, "I hate it here" greift zu klassischen Aaron-Dessner-Akustik-Arpeggios nach "lunar valleys in my mind".

Egal, wie ablehnend die eigene Haltung gegenüber biografischen Bezügen zwischen Künstlerin und Werk ist, bei Swift sind solche nicht zu ignorieren – weil die Andeutungen teilweise zu klar sind, weil sie auch selbst im Vorfeld die besondere Notwendigkeit ihres Schreibens betont hat. Daher ein ganz knapper Gossip-Abriss: 2023 endete Swifts sechsjährige Beziehung zum britischen Schauspieler Joe Alwyn, gleichzeitig wurde ihr ein kurzes Verhältnis zu The-1975-Sänger Matty Healy nachgesagt. Jener könnte das Subjekt des Titelstücks sein: ein Schreibmaschinen-besessener Hipster, dem die Erzählerin erklären muss, nicht Dylan Thomas zu sein. Für Zeilen wie "You smoked, then ate seven bars of chocolate / We declared Charlie Puth should be a bigger artist / I scratch your head, you fall asleep like a tattooed Golden Retriever", wurde das Wort "Cringe" erfunden, doch materialisiert sich genau durch solche Worte der Vibe der beschriebenen Person.

Ist der Gestus hier noch liebevoll, bekommt Healy im dramatischen "The smallest man who ever lived" komplett sein Fett weg, indem es seine Motive überhaupt hinterfragt. Auch die zwei vermutlich an Alwyn gerichteten Songs decken ein komplexes Gefühlsspektrum ab. Während die Piano-Ballade "LOML" den "loss of my life" betrauert, wird das – natürlich an fünfter Stelle platzierte – emotionale Highlight "So long, London" offensiver. Ein Chor-Intro gibt einem tief reindrückenden Synth-Puls Raum, über den Swift mit zitternder Wut die Scherben zusammenkehrt: "I left all I knew, you left me at the house by the Heath / I stopped CPR, after all, it's no use / The spirit was gone, we would never come to / And I'm pissed off you let me give you all that youth for free." Die Zerrissenheit bleibt, wie "Imgonnagetyouback" später klarmacht: "Whether I'm gonna be your wife, or smash up your bike / I haven't decided yet."

Doch Swifts Ärger richtet sich nicht nur gegen vergangene Liebschaften. "But daddy I love him" – benannt nach einem "Arielle"-Zitat – kontextualisiert die Romanze mit Healy als Streicher-getauchtes Country-Märchen, in dem die missgünstige Öffentlichkeit dem Paar an den Kragen will. Swift war noch nie zimperlich in ihrem Umgang mit Hatern, doch wie sie hier gegen ihre eigenen Fans giftet, die ihr Idol nicht mit einer problematischen Person wie Healy zusammensehen wollen, ist in seiner Drastik bemerkenswert: "I'd rather burn my whole life down / Than listen to one more second of this bitchin' and moanin' / I don't cater to all these vipers dressed in empath's clothing." Unter der Glitzer-Disco von "I can do it with a broken heart" verbirgt sich der Frust über den erstickenden Fame, der keine Luft für mentale Wellness lässt: "Lights, camera, bitch, smile / Even though you wanna die." Wer Swift lieber mit Herzaugen statt Messer zwischen den Zähnen mag, bekommt zwei Songs für ihr aktuelles Darling Travis Kelce: das R'n'B-nahe "The alchemy" mit seinen kitschigen Football-Metaphern sowie "So high school", das seinem Titel entsprechend aufs Nuller-Pop-Rock-Revival aufspringt und "American pie" namedroppt.

Der Track ist einer der ganz wenigen, die mit größeren Hooks lauter nach "Hit!" schreien – im Grunde fällt nur noch das die letzten Überbleibsel des "Barbie"-Hypes aufsammelnde "My boy only breaks his favorite toys" in diese Kategorie. Ansonsten decken Dessner und Jack Antonoff als Swifts versierte Hausmeister alles mit den aufs allernötigste reduzierten Texturen von "Midnights" und den "Folk-more"-Platten ab, wodurch die Refrains erst nach ein paar Durchgängen hängenbleiben. Parameter-Verschiebungen sind rar und subtil, aber es gibt sie: "I can fix him (No really I can)" wirbelt düsteren Präriestaub auf, das tolle "Guilty as sin?" verweist mit seinem Achtziger-Soft-Rock nicht nur textlich auf Healys Lieblingsband The Blue Nile. "The black dog" deutet sogar kleine Industrial-Ausbrüche an, während die Erzählerin hier mal als Stalkerin auftritt – ein Rollenspiel, das auch der fragile Folk von "I look in people's windows" aufgreift.

Die zweite Hälfte der "The anthology"-Version setzt generell verstärkt auf Akustikgitarre und Piano statt Synths, und wirft damit ein paar der größten Highlights ab. "The albatross" strahlt vor purer melodischer Grazie, ehe "Chloe or Sam or Sophia or Marcus" sein ungewohnt direktes Storytelling über Liebe und Drogensucht mit wundervollen Saitenakzenten verzahnt. Auch das Fingerpicking von "The prophecy" erzeugt einen unheimlichen Vorwärtsdrang, der Swifts Sehnsuchtsartikulationen vor Aufregung knistern lässt: "And I sound like an infant / Feeling like the very last drops of an ink pen / A greater woman stays cool / But I howl like a wolf at the moon." "Cassandra" verliert dahingegen ein bisschen an Wirkkraft, wenn man weiß, dass es in seiner mythischen Allegorie bloß um die uralte Fehde mit Kim Kardashian geht – "thanK you aIMee", man achte auf die Stilisierung, wird in dieser Hinsicht noch deutlicher. Diese olle Kamelle hätte Swift gerne zu Grabe tragen dürfen, wie sie es in "How did it end?" mit einer, na klar, Beziehung tut.

Das aus der Sicht von Wendy gesungene Peter-Pan-Lament "Peter", das selbst für Swift-Verhältnisse besonders eloquente "The bolter", der buchstäbliche Kapitelabschluss von "The manuscript" – man könnte sich noch viel, viel tiefenanalytischer in "The tortured poets department" verlieren, als es hier geschehen ist. Und würde damit noch mehr dem Mythos einer Künstlerin auf den Leim gehen, deren Person die Musik dahinter endgültig überstiegen hat. Taylor Swift wird die Welt weder retten noch kaputtmachen. So sehr sie einen eigenen Stil entwickelt hat und so viel Spaß selbst ihre zurückhaltendsten Songs und das endlose Auseinandernehmen ihrer Worte bereiten, wird sie auch die Musikhistorie nicht entscheidender prägen als andere Pop-Ikonen vor und, vermutlich, nach ihr. "Clara Bow", das in der 16-Track-Fassung als Closer fungiert, thematisiert ausgehend von der titelgebenden Stummfilmschauspielerin den ewigen Zirkel speziell weiblichen Stardoms. "You look like Taylor Swift / In this light, we're loving it / You've got edge, she never did / The future's bright, dazzling", lautet das augenzwinkernde, aber auch aufrichtigen Schmerz spürende Schlusswort. "When Taylor is gone, some other will come"? Wahrscheinlich, aber zumindest wird nie wieder jemand so schön "Aristotle" auf "Grand theft auto" reimen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Fortnight (feat. Post Malone)
  • So long, London
  • Florida!!! (feat. Florence & The Machine)
  • Guilty as sin?
  • The black dog
  • The albatross
  • Chloe or Sam or Sophia or Marcus
  • The prophecy

Tracklist

  1. Fortnight (feat. Post Malone)
  2. The tortured poets department
  3. My boy only breaks his favorite toys
  4. Down bad
  5. So long, London
  6. But daddy I love him
  7. Fresh out the slammer
  8. Florida!!! (feat. Florence & The Machine)
  9. Guilty as sin?
  10. Who's afraid of little old me?
  11. I can fix him (No really I can)
  12. LOML
  13. I can do it with a broken heart
  14. The smallest man who ever lived
  15. The alchemy
  16. Clara Bow
  17. The black dog
  18. Imgonnagetyouback
  19. The albatross
  20. Chloe or Sam or Sophia or Marcus
  21. How did it end?
  22. So high school
  23. I hate it here
  24. thanK you aIMee
  25. I look in people's windows
  26. The prophecy
  27. Cassandra
  28. Peter
  29. The bolter
  30. Robin
  31. The manuscript
Gesamtspielzeit: 122:21 min

Im Forum kommentieren

zolk

2024-05-10 15:27:27

Die TTPD-Era kann man sich, wenn man mag (im Moment zumindest noch ) komplett auf youtube angucken. Dauert ca. eine halbe Stunde. Man merkt sehr schnell, sie "bereut nichts" und zieh das jetzt voll durch :-). Die Songauswahl halte ich für sehr gelungen, da beleibt kein Auge trocken. "Aimee" wäre in der Kulisse sicher auch ein Gaudi geworden, aber den Spaß hat sie sich ja schon bei der Reputation-Tour gegönnt...

Saschek

2024-05-10 15:07:16

Wird immer humorloser, der Thread. :)

Kojiro

2024-05-10 14:47:48

Rick Beato hat sich in einem seiner letzten Videos irritiert gezeigt, dass Swift, die in einer Position ist, in der ihr sehr viele Menschen zuhören, eine völlig unspektakuläre und musikalisch langweilige Single wie "Fortnight" veröffentlicht.

Muss ihm da durchaus beipflichten. Höre, wenn, inzwischen leider nur noch drei bis vier Songs des Albums. "So High School" hat sie vor wenigen Tagen allerdings in Paris gespielt. Das freut mich, da ich den Song zu den wenigen klaren Highlights zählen würde.

jo

2024-05-09 08:54:07

So erwartbar das Hater es haten wenn sie mit Hatern abrechnet. :D

Schon. Aber zu den Hatern rechne ich mich nun wirklich nicht... Solche Texte, wie gesagt, fand ich von allen möglichen Künstler*innen schon immer höchst unoriginell. Schön, wenn dann wenigstens die Umsetzung punkten kann, aber das ist mir bei Swift bisher leider auch noch nicht aufgefallen. Deswegen ist es schade, dass sie immer wieder auf so was zurückkommt. Hätte sie eigentlich gar nicht nötig. Ich finde aber auch, dass man mit 34, bald 35, nicht mehr jung ist, selbst wenn man vielleicht seit 20 Jahren unter einer Glocke lebt.

Kojiro

2024-05-09 06:20:19

Swift uncool?

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