Big | Brave - A chaos of flowers

Thrill Jockey / Indigo
VÖ: 19.04.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Im Schmerz gewachsen

Wenn bei Big | Brave eines nicht regiert, ist es das Chaos. Mit formaler Strenge zieht das kanadische Trio seine Krachwände hoch und füllt jede noch so kleine Leerstelle mit Bedeutung auf. "A chaos of flowers", der Titel des siebten gemeinsamen Albums von Robin Wattie, Tasy Hudson und Mathieu Ball, beschreibt demnach eher indirekt die poetische Wirkkraft ihrer Musik. So seltsam es ob all des verzerrten Lärms anmuten mag, sind die Klänge, die Instrumente und Stimme hier erzeugen, in erster Linie eines: wunderschön. Unter anderem unterstützt von der experimentellen Gitarristin Marisa Anderson schleifen sich Big | Brave die allermeisten Metal-Texturen bis zu einem Kern zwischen Drone-Folk und Noise-Spirituals ab, während Wattie ihre bisher klarsten Gesangsmelodien knospen lässt. Das Resultat sind zerklüftete Schattengedichte, die nicht nur auf dem Papier den Klangwundern der letzten Low-Alben gefährlich nahekommen.

Dabei ist auch "A chaos of flowers" vor allem im Schmerz gewachsen. Watties Texte haben weiterhin die Verdammten dieser Erde im Blick und kreisen um unterschiedliche Formen von Marginalisierung – auf eine komplexere Weise als die unsäglich einseitige Pro-Palästina-Haltung der Band, was leider eine Kröte ist, die Freund*innen guter Musik immer häufiger schlucken müssen. Nun, um jene Musik soll es gehen, und die ist von Beginn an gewohnt atemberaubend. "I felt a funeral" umhüllt Watties Klagelied zunächst nur mit atmosphärischem Geräusch, das ultra-langsame Blues-Riff macht diesen Opener genauso wenig zum Rocksong wie die in der zweiten Hälfte am Himmel vorbeiziehenden Feedback-Schleier. Hudson streichelt kaum mehr als die Becken, die Melodie rührt zu Tränen, und doch vermitteln all die Erhabenheit und der Minimalismus vor allem ein Gefühl brustkorberdrückender Wucht. Hätte PJ Harvey ihr "I inside the old year dying" mit Swans als Begleitband aufgenommen, es hätte möglicherweise so geklungen.

Generell waren Big | Brave dem Geist von Michael Gira und Co. noch nie so nahe wie auf "A chaos of flowers". Nicht, weil sie ihre schleppenden Tiefenbohrungen noch repetitiver gestalten, sondern weil sie hier endgültig jede einengende Genre-Haut abgestreift haben – und das, obwohl die sich konstant zwischen drei und sechs Minuten bewegenden Track-Längen schon fast nach Pop schreien. Länger ließe sich das direkt aus einer Gewitterwolke geschöpfte Höllenknistern von "Quotidian : Solemnity" auch nicht aushalten, ohne dass man anfängt, Blitze aus den Ohren zu schießen. An anderer Stelle hackt sich der doch wieder Sludge-nahe Gewaltbrocken "Not speaking of the ways" selbst das Tape durch, bevor Wattie auf einer demolierten Akustikklampfe ihr "Chanson pour mon ombre" anstimmt – und sich der von dieser französischsprachigen Séance heraufbeschworene Serge Gainsbourg ob der vertonten Gerölllawinen am Ende ängstlich in der Ecke verkriecht.

Doch all die brachiale Metaphorik trifft den Kern des Albums nicht vollumfänglich. Wenn im Finale des andächtig gesungenen "Canon : In canon" ein Stern geboren wird oder Saxofone über die Synth-Bass-Landschaft von "Theft" flattern, sind das Momente, die das Licht hereinlassen, anstatt das Dunkel da draußen noch schwärzer zu färben. Auch der Abschluss-Blues "Moonset" reckt zu besonders mächtigen Drums den Kopf in den Himmel, bis er den besungenen Trabanten streift. Auf der Beerdigung der Welt fühlen Big | Brave nicht nur Wut und Groll, sondern geben der Schönheit Raum, die keine auf Anschlag gedrehte Verzerrungsmaschine kaputtmachen kann. Und legen die Blumen natürlich nur mit äußerster Sorgfalt aufs Grab, damit nicht noch mehr Chaos entsteht, als um sie herum eh schon herrscht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • I felt a funeral
  • Not speaking of the ways
  • Moonset

Tracklist

  1. I felt a funeral
  2. Not speaking of the ways
  3. Chanson pour mon ombre
  4. Canon : In canon
  5. A song for Marie part iii
  6. Theft
  7. Quotidian : Solemnity
  8. Moonset
Gesamtspielzeit: 40:01 min

Im Forum kommentieren

Randwer

2024-05-05 14:25:41

Das einzige, was mich das Album vermissen lässt, ist ein längeres Stück. Not Speaking of the Ways ist gerade mal 06:18 und damit sogar noch über zwei Minuten kürzer als A Song For Foxes vom ersten Album Feral Verdure, was bisher das kürzeste längste Stück des Albums gewesen war.

Mr Oh so

2024-05-03 19:57:57

Weiß auch nicht so recht, was ich davon halten soll. Teilweise finde ich es richtig stark, andererseits halt schon ... anstrengend.

Zwen

2024-04-24 21:07:43

Ja, spannend. Also ich muss ganz ehrlich zugeben: ich finde es tatsächlich relativ langweilig. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich eigentlich alten Alben (insbesondere die VITAL und die ARDOR) super finde. Richtig gut. Und auch die Kollabo mit The Body. Aber ich muss leider sagen, dass mich die neue nicht wirklich abholt. Ich hab Big Brave immer für diese super wuchtigen, massiven Drone- und Doom-Wände geliebt. Die masssiv waren. Wuchtig. Repetitiv. Aber vor allem: Heavy. Ich vermisse das auf dem neuen Album leider sehr. Und für mich klingen dann quasi alle Songs (bis auf den letzten) mehr oder weniger gleich. (Also nicht identisch, aber ihr wisst schon.) Ich finde es einfach tatsächlich eher langweilig. Mir persönlich passiert hier zu wenig, woran ich mich festhalten kann. Und die fehlende Heaviness stört mich dann schon. War natürlich aufgrund des erste vorabsongs und der Ankündigungen im vorab ersetzbar. Schade finde ich es trotzdem.
(Live auf jeden Fall tatsächlich eine Erfahrung - man braucht aber auch ein wenig Durchhaltevermögen….)

Arne L.

2024-04-24 17:01:13

Hab das Album heute endlich auch das erste Mal gehört und auch wenn es nicht 100 % mein Genre ist, bin ich total begeistert. "I felt a funeral" gefällt mir am besten.

Mann 50 Wampe

2024-04-23 06:31:16

Bestes Big Brave Album bisher.

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