Lo Moon - I wish you way more than luck

Strngr / Membran
VÖ: 05.04.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Keep calm and record

Für alle möglichen Ängste gibt es Fachbegriffe, von Cherophobie – der Angst vorm Glücklichsein – bis hin zu Nomophobie – der Angst, keinen Mobiltelefon-Empfang zu haben. Übrigens etwas, das seit Musik-Streaming explodiert sein dürfte. Völlig unbeleuchtet dagegen scheint die unter Musikern verbreitete Angst zu sein, das eigene Werk überproduziert zu haben, also quasi auf der anderen Seite der Perfektion vom Pferd zu fallen, weil im Studio doch zu viel geschraubt wurde. Dafür gibt es einfach keinen Begriff. Genau davon befallen zu sein, hat jüngst Matt Lowell in einem Interview preisgegeben. Der Sänger und Songschreiber von Lo Moon hat schon beim Vorgänger "A modern life" darauf geachtet, möglichst vor dem Peak aufzuhören, bevor die Aufnahme nur noch verschlimmbessert wird. Und doch hat man das Gefühl, Lo Moon seien bei ihrer neuen Platte sehr wohl ein Stück weitergegangen. Nicht in der Überproduktion oder dem Aufeinanderstapeln von Sound-Landschaften – "I wish you way more than luck" ist genauso stimmig wie die gesamte Band seit ihrem Start mit dem Durchstarter "Loveless". Aber die aktuellen Lo Moon entziehen sich immer mehr den gängigen Algorithmen, die den vermeintlichen Erfolg beim Streaming versprechen. Das Quartett hat sich so freigeschwommen und leistet es sich einfach, den Dreampop zu machen, der nicht sofort mit dem Riff beginnt und nach 40 Sekunden beim Refrain ankommt. Das ist wunderbar.

Dabei ist die Stoßrichtung nicht sofort zu erkennen, ist der Opener "Borrowed hill" nach flirrendem Intro doch recht schnell unterwegs. Dem zuträglich ist die präzise Stimme von Matt Lowell, die sich nicht hinter dem Soundschleier gängiger Dreampop-Produktionen versteckt und so an die Trockenheit der Stimme Peter Gabriels erinnert. Zusammen mit Drums, die an Phil Collins angelehnt sind, hat man den Sound, den Genesis in der Originalbesetzung in den Achtzigern nicht spielen konnten. Catchy kann man das schon nennen. Von Beginn an ist klar, dass Mischer Alan Moulder, der auch schon bei Depeche Mode, U2 oder The Cure dabei war, wieder einmal einen fantastischen Job gemacht hat. Gerade in diesem Genre mit Anleihen an Shoegaze steht und fällt damit die Qualität des gesamten Albums. "Waiting a lifetime" erinnert an die guten Zeiten von Coldplay, und spätestens jetzt ist zu hören, dass man es mit einem herausragenden Album zu tun hat. Da grenzt es schon an eine Frechheit, dass Lo Moon den Song "Connecticut" als B-Seite bezeichnen. Andere wären froh, auch nur einen solchen Track im Köcher zu haben. Einig sind sich Band und Rezensent dann wieder bei der Single "Water", der auch der Titel des Albums entspringt. "I wish you way more than luck" ist die letzte Zeile des Schriftstellers David Foster Wallace aus einer Rede, die dieser vor Studenten des Kenyon College gehalten hat. Und so klingt "Water" dann auch: nach Aufbruch, optimistisch und, entgegen dem derzeitigen Zeitgeist, in eine verheißungsvolle Zukunft blickend.

Überhaupt verströmt das Album eine sonnendurchflutete Zuversicht, die sich laut Lowell dadurch erklärt, dass er sich beim Schreiben auf sein eigenes 16-jähriges Ich konzentriert hat. Aus dieser Stimmung heraus sind Songs wie eben "Water" zu ihm gekommen, die er nur noch einsammeln musste. Unter Cherophobie leidet diese Band weiß Gott nicht! Selbst bei einem Thema wie der derzeitigen Nachrichtenlage gelingt hier mit "Day old news" eine verträumte Ballade. Bei diesem Song muss endlich erwähnt werden, dass Lo Moon aus weiteren Musikern bestehen. Crisanta Baker ist von Beginn an dabei, und seit 2018 ist auch Tour-Schlagzeuger Sterling Laws als festes Mitglied in der Band. Besonderes Augenmerk ist bei "Day old news" aber auf die Gitarrenarbeit von Samuel Stewart zu legen. Diese vornehme, zurückhaltende und dabei immer songdienliche Arbeit dürfte der Mann von seinem Vater, dem Eurythmics-Mastermind Dave Stewart, geerbt haben. Und hat man bis dahin nur die erste Hälfte des Albums gehört, wird es schwer, hier herausragende Tracks aufzuschreiben, es ist ja jeder zweite Song herausragend. Samuel Stewart schafft es aber bei "Evidence", nochmals eine Schippe draufzulegen und dem Song mit seiner Gitarre die schillernde Sonne Miamis der Achtzigerjahre einzuhauchen – gleich kommt vor dem inneren Auge Phil Collins als Drogenboss im Cabrio vorbei, verfolgt von Crockett & Tubbs. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch einen grandiosen Taktwechsel in dem Song.

Lo Moon brauchen keine Angst zu haben, der Platte zu viel gegeben zu haben. Hier liegt ein akribisch poliertes Werkstück vor, sodass sich jede*r Hörer*in freuen darf, diese Mühe auch am Ende bemerken zu können – keine Spur von Überproduktion. Hier sitzt jede Pianofläche, jedes Riff und jeder Background-Chor in einer glasklaren Mischung, die immer wieder dazu einlädt, bei jedem Hördurchgang mehr zu entdecken. Abgeschlossen wird "I wish you way more than luck" mit einer gelungenen Piano-Ballade, dem einzigen Song, bei dem ein Hauch von Traurigkeit und Wehmut aufkommt. Völlig zurecht, schließlich bleibt einem nur, das Album wieder von vorn zu hören.

(Stephan Dublasky)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Waiting a lifetime
  • Connecticut
  • Water
  • Evidence

Tracklist

  1. Borrowed hills
  2. Waiting a lifetime
  3. Connecticut
  4. When the kids are gone
  5. Water
  6. Day old news
  7. Mary in the woods
  8. Evidence
  9. The chapel
  10. Honest
Gesamtspielzeit: 41:20 min

Im Forum kommentieren

Hierkannmanparken

2024-05-03 11:48:00

Day Old News höre ich gerade so gern, vor allem im Albumfluss. Es hat sowas wunderbar Treibendes.

Im Übrigen sollte man mal ne Playlist erstellen, in der alle Songs vorkommen, über die im Forum gesagt wurden, sie hätten was wunderbar Treibendes :D

musie

2024-04-16 10:18:49

Ich fand sie als Vorband von London Grammar vor ein paar Jahren mit dem ersten Album (vor allem die ersten beiden Songs) richtig stark. Loveless war sogar ein Song des Jahres für mich. Ins neuen Album muss ich mich erst noch reinhören.

Lordran

2024-04-16 10:13:14

Nach den ersten drei Songs dachte ich könnte meine Platte des Jahres werden.
Danach wird es auch meiner Meinung nach ziemlich langweilig und plätschert vor sich hin.
Ich muss aber das fantastische "Connecticut" hervorheben.

Armin

2024-04-15 22:10:28

Ich finde es bisher einfach schön, dass unser "Album der Woche" viele begeistert. Dass andere sich bemühen, aber nicht so reinfinden, ist genauso okay.

boneless

2024-04-15 21:47:38

"Problematisch", wenn man so will, ist für mich auch der Gesang. Ich war nie ein Fan von Talk Talk und Mark Hollis kann ich mir nur in ganz kleinen Dosen geben. Matt Lowell ist zwar nicht ganz so unangenehm, aber auf Dauer hat seine Stimme einen ähnlichen Effekt auf mich. Da wünscht man sich des Öfteren, er würde einfach etwas tiefer singen.

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