Bodega - Our brand could be yr life

Chrysalis / Rough Trade
VÖ: 12.04.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Pflicht und Auftrag

Plattentests.de ist da was ganz Heißem auf der Spur, und zwar einer offenbar groß angelegten Verschwörung: Denn wie es scheint, hat die New Yorker Indie-Polizei bei Bodega angeklopft und den ganzen Krawall des Quintetts beschlagnahmt! Anstelle des belastenden Materials von "Broken equipment", das Bodega als linksgrünversiffte Unruhestifter*innen enttarnte, haben die Uniformen bislang unbekannte Stephen-Malkmus-Demos im Proberaum platziert. Noch sind die Recherchen nicht abgeschlossen, auch der Sinn des Ganzen erschließt sich nicht wirklich. Vielleicht ist die Wahrheit auch ein wenig anders geartet? Case closed: Ben Hozie und Nikki Belfiglio, die treibenden Kräfte hinter den Art-Punks aus dem Big Apple, haben eine Zeitkapsel ausgegraben und sich über zehn Jahre alte Kompositionen ihres ersten gemeinsamen Projekts Bodega Bay vorgenommen, die sie nun als drittes Bodega-Album "Our brand could be yr life" neu auflegen. Wie sehr sie sich damals an den großen Helden des Neunziger-Indie- und College-Rocks orientiert haben, ist sympathisch und auch ein bisschen niedlich. 2024 und als etablierte Band lässt es sich zuvorderst als gelungene Hommage betrachten.

Dem Lobgesang auf Geldautomaten "ATM" oder "G.N.D. deity" hört man den Slogan-behafteten, frickeligen Post-Punk an, der später den Bodega-Signature-Sound darstellen sollte, auch wenn der hier noch sehr minimalistisch anmutet. Sonnig-verschlurfte Hymnen wie "Dedicated to the dedicated" hingehen fließen und treiben viel mehr, als dass sie zur Revolution anstacheln. In Bezug auf die Texte ist das anprangernde Du, das Bodega mit ihren Songs herausfordern, daher nun auch oftmals Privatperson und nicht bloß Teil des Apparats oder gesichtsloses Herdentier der Konsumgesellschaft. "And I don't know who I'll be / But I will sing my song / No matter what you think of me!" In der Alt- beziehungsweise Neuausrichtung des Bodega-Kollektivs darf nunmehr sogar, wie im herausragenden "Tarkovski", minutenlang Solo-Gitarre gegniedelt werden. Mascis, Malkmus, Moore – alles drin. "Major Amberson" setzt komplett auf wattigen Dreampop – mit ganz viel Betonung auf der letzten Silbe. Auch die Fingerübung "Protean" ist entschlackt von jeglichem störenden Ballast. "I had to change my direction" eben, wie Hozie es auf den Punkt bringt.

Ganz im Sinne des Albumtitels giftet die Band dann aber doch noch gegen ein ausgewähltes Konzept. Nämlich ihre eigene Corporate Identity als Dienstleister*innen in der Musikbranche, wie das mit cleverem Wortspiel betitelte "Bodega bait" auf wunderbarsten Thurston-Moore-Vocals persifliert: "We've got so many things to sell you, but there's no time left to sing along" – während sich die Hörer*innen noch über den "lifetime supply of DIY" freuen, bleibt der Spaß auf der Strecke. Im dreiteiligen "Cultural consumer", das von Part zu Part weiter anzieht, wird das Publikum schließlich vollständig als mitschuldig entlarvt, denn erst die Nachfrage bestimmt das Angebot und kreiert einen Markt, weiß man doch. Bodega tragen den Punk wieder mal zu Grabe, mit wehenden Fahnen und feierlichem Ernst. Mit "Our brand could be yr life" festigen sie ironischerweise dennoch ihr Standing als (system-)kritische und dabei hochunterhaltsame Störenfriede. Wie es ihre Pflicht und ihr Auftrag ist. "Good thing you're wearing ear plugs", lobt Hozie die Zuhörer*innen im elektrisch-folkigen "Webster Hall". Nachdrücklicher Appell sowie Service-Gedanke: Raus damit! Und sich stattdessen von dem umwerfenden Riff aus "Stain gaze" oder dem einnehmenden Closer "City is taken" gen (garantiert polizeifreiem) Indie-Himmel treiben lassen.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Bodega bait
  • Tarkovski
  • Stain gaze
  • City is taken

Tracklist

  1. Dedicated to the dedicated
  2. G.N.D. deity
  3. Bodega bait
  4. Tarkovski
  5. Major Amberson
  6. Stain gaze
  7. Webster Hall
  8. ATM
  9. Set the controls for the heart of the drum
  10. Protean
  11. Born into by what consumes
  12. Cultural consumer I
  13. Cultural consumer II
  14. Cultural consumer III
  15. City is taken
Gesamtspielzeit: 41:35 min

Im Forum kommentieren

Kojiro

2024-04-23 18:40:21

Vinyl heute gekriegt. Schön. Freue mich auf Köln!

oldschool

2024-04-16 19:42:37

Das mit den Israelhasser ist Bullshit. Irgendeiner macht immer ein Fass auf um sich selbst zu inszenieren.

Album gefällt, auch wenn ich den Vorgänger lieber mochte

Kojiro

2024-04-13 10:21:38

"Set The Controls For The Heart Of The Drum" = Green Day - "Longview" :-D

Kojiro

2024-04-13 10:15:03

Major Amberson auch toll.

https://www.youtube.com/watch?v=5pi6Jcen96s

Hach, freue mich auf den Gig in Köln. Auf Arte gibt's einen Konzertmitschnitt aus dem letzten Jahr. Denke, das wird eine sehr spaßige Sache.

Enrico Palazzo

2024-04-12 20:06:19

Ersteindruck: super Platte, sehe ich auch so.

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