Sofia Portanet - Chasing dreams

Duchess Box / Motor
VÖ: 05.04.2024
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Guter Schlager

Blicken wir zurück: Mit "Freier Geist" hat Sofia Portanet 2020 ein vielbeachtetes, bei Plattentests.de leider vergessenes Debüt vorgelegt, das ihr vor allem in der ausländischen Presse den Titel "Germany's next international pop star" (O-Ton BBC) einbrachte. Diese Prognose kam nicht von ungefähr, denn trotz unverkennbar kosmopolitischer Sound-Einflüsse klingt vor allem das Timbre der Sängerin für nicht-teutonische Ohren in gewisser Weise recht "deutsch". Man denkt an Zarah Leander und die Knef, wegen der theatralischen Extravaganz vielleicht auch an Paradiesvogel Klaus Nomi – und selbstverständlich an "Germany's last international pop star" (O-Ton Rezensent) Nina Hagen. Irgendwo zwischen Chanson, Kabarett, Indie-Rock und dem schon damals nicht zu übersehenden (N)NDW-Revival kam auf Portanets "Freier Geist" Großes zustande. Mit "Chasing dreams" knüpft die gebürtige Kielerin mit spanischen Vorfahren nun an diesen Knaller an, will es diesmal aber zugänglicher und luftiger halten. Es wird sogar so luftig, dass noch Luft nach oben möglich wäre.

Doch von vorn: Die verschrobene Schattigkeit von "Freier Geist" weicht der brachialsten Pop-Geste, die man sich nur ausdenken kann. Und zwar mit voller Absicht. Portanets Konzept von Zugänglichkeit begründet sich nämlich in erster Linie durch Simplizität und maximale Eingängigkeit – ähnlich wie ein gewisser Drangsal schreckt sie nicht vor überbordenden 80er-Einflüssen zurück, die man mit Fug und Recht als "a little too much" bezeichnen könnte. Klingen "Unstoppable" oder das semi-französischsprachige "Entre nos lèvres" jedoch aufs erste Ohr nach schludrigstem Plastik-Pop aus der Hitparaden-Hölle von vor vierzig Jahren, ist das a) gewollt und b) dann doch nicht so eindeutig, wie es zunächst den Anschein hat. Die Hook von "Unstoppable" beispielsweise geht dermaßen frech ins Ohr, dass man dafür jedes noch so knappe musikalische Gewand in Kauf nehmen würde. Wenn schon, denn schon! Auch "Mi amor" und die nicht ganz so grellbunte, dezent melancholische Single "Real face" animieren zum Tanzen – und zwar in etwa so, wie man beim good old ESC tanzen würde. Vieles auf "Chasing dreams" tendiert tatsächlich in Richtung klassischen Europops. Aber eben in schlau, sonst wären die Songs platter und billiger.

Billig und platt ist lediglich "Ballon", auch eine Vorab-Single und in ihrer gnadenlosen Cheesiness leider echt nicht so clever, dass man sie unironisch gut finden könnte – Helene Fischer im Indie-DIY-Outfit halt. Wie sich das Schlagereske besser mit Anspruch verbinden lässt, zeigt hingegen das wunderbare "Lust", in welchem sich Portanet mit Tobias Bamborschke von Isolation Berlin zusammentut – mit Chanson und Nina Hagen kennt der sich schließlich aus. Beide singen von depressiven Beziehungspartner*innen, die es aufzumuntern gilt; auch sonst ist "Chasing dreams" voll von empowernden und Mut machenden Statements. Und nicht zuletzt ein hochpersönliches Werk: Mit "Coplas" covert Portanet zum Schluss nämlich ein Stück der Flamenco-Band ihres spanischen Vaters, verlässt sich einmal nicht auf Konfrontations-Pop, sondern gibt sich zurückhaltend und feierlich. Auf "Chasing dreams" sitzt nicht jeder Kniff, "Paralysed" zum Beispiel hätte ebenfalls ein wenig spannender geraten können. Aber für die unverkennbare künstlerische Vision, den absoluten Willen zur Ästhetik und ihre Abkehr vom vorgezeichneten Weg beim zweiten Album gebührt der Wahlberlinerin ein dickes Lob. Portanet umarmt den Camp und, ja, auch ein bisschen den Trash. Weil sie kann. Das ist trotz kleinerer Ausfälle hierzulande immer noch ziemlich einzigartig.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Real face
  • Unstoppable
  • Lust

Tracklist

  1. Ich bin
  2. Real face
  3. Ballon
  4. Unstoppable
  5. Entre nos lèvres
  6. Lust
  7. My time
  8. Paralysed
  9. Mi amor
  10. Coplas
  11. Real face (Piano version) (feat. Chilly Gonzales)
Gesamtspielzeit: 32:38 min

Im Forum kommentieren

Ralph mit F

2024-04-22 16:31:31

Tour in den Dezember verlegt. -.-

myx

2024-04-06 20:15:07

Hab auch Freude an dem Album, makelloser Pop, traumhaft gesungen.

Randwer

2024-04-06 16:57:05

Nach dem ersten Durchlauf des Albums darf ich sagen: mir gefällt es.

myx

2024-04-06 08:06:53

Doch doch, der Song ist richtig grossartig, mag ihn auch sehr.

musie

2024-04-06 06:45:55

ich finds furchtbar… was ist das? Schlager Gothik?…

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