Khruangbin - A la sala

Dead Oceans / Cargo
VÖ: 05.04.2024
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Schleichtanz in vier Wänden

"A la sala!" Diese drei Wörter, die sich als "Zum Zimmer!" übersetzen lassen, hat Laura Lee Ochoa als Kind immer gerufen, wenn sie den Rest ihrer Familie im Wohnzimmer versammeln wollte. "A la sala" heißt auch das vierte Album ihrer Band Khruangbin, das in einem entsprechenden Maß nach dem Rückzug in einen vertrauten, abgegrenzten Raum strebt. Eine entspannte Grundhaltung zeichnete die Musik des seit "Mordechai" nicht mehr rein instrumentalen Trios freilich immer schon aus – doch konzentrierten Khruangbin zuvor gefühlt die ganze Welt in ihren sachten Psych-Funk-Rhythmen, fühlt sich "A la sala" zum ersten Mal seltsam klein an. Live haben Ochoa, Mark Speer und DJ Johnson 2024 viel vor, auf Platte eher weniger. So langweilig, wie es das programmatische Grillenzirpen im ersten und letzten Song suggeriert, klingt die Band aus Houston, Texas hier keineswegs – ein wenig nach Autopilot allerdings schon.

In seinen besten Momenten schafft der verschlafene Blick aus dem Wohnzimmerfenster kleine Wunder. In der zweiten Single "May ninth" perlen Ochoas Bass und Speers Gitarre unheimlich warm und sensibel ineinander, während ihr Doppelgesang den beinah Dream-Pop-artigen Einlulleffekt verstärkt. Der Zeitlupen-Soul des eröffnenden "Fifteen fifty-three" scheint zunächst auf eine ähnliche Wirkung abzuzielen, ehe Johnson zu einem kräftigeren Beat anzieht. Eine Minute vor Schluss nimmt ein Chor plötzlich Anlauf, doch was folgt, ist wieder die purste Seelenruhe inklusive Vogelzwitschern. Dieser Moment steht sinnbildlich für das gesamte Album. So heilsam das zurückgelehnte, vor einem blinden Vertrauen zueinander strahlende Zusammenspiel der drei Bandmitglieder auch sein kann und die hier zum Ausdruck kommende Verweigerungshaltung beeindruckt: Der eine oder andere Ausbruch oder Reizpunkt mehr wäre wünschenswert gewesen.

Nicht, dass es solche überhaupt nicht geben würde. "Hold me up (Thank you)" fährt nicht nur die eingängigste Gitarren-Hook einer eher sparsam damit umgehenden Platte auf, sondern kippt in der zweiten Hälfte auch in einen aufgestachelten Funk-Groove mit Gang-Vocals, die ein wenig an die ähnlich hüftschwingenden Ausflüge von Sault erinnern. "A love international" vollzieht gleichsam eine greifbare Progression, wenn Speer am Ende die Saiten ins Nirwana zwirbelt. Der Titel jenes Songs verweist auf eine der größten Qualitäten Khruangbins, die sich in der mehrsprachigen Tracklist ebenso wie musikalisch artikuliert – wenn auch in einem weniger auffälligen Rahmen als früher. Die schlagzeuglose Skizze "Farolim De Felgueiras" ist beispielsweise nach einer Sehenswürdigkeit in Porto benannt und schafft es tatsächlich, eine abstrakte Sehnsucht zu vermitteln, die sich mühelos in Richtung der iberischen Halbinsel konkretisieren lässt.

Die wie auf dem Vorgänger oft um flüchtige Erinnerungen kreisenden Lyrics stellt die Band bewusst in den Hintergrund, wie etwa das spanische Geflüster von "Pon pón" verdeutlicht. Die Instrumente sind bei Khruangbin nach wie vor gesprächiger – egal, ob "Todavía viva" seinen Sonnenuntergangs-Schleichtanz mit Synth-Streichern und Kuhglocken akzentuiert, der Bass in "Ada Jean" wie in einem Agentenfilm um die Ecke lugt oder "Les petits gris" mit ungewohnten Pianoklängen das Album zart verabschiedet, anstatt die Tür zuzuknallen. Das Vokabular ist das gleiche wie immer, und "A la sala" taugt wieder wunderbar als Soundtrack für faule Frühlingstage – doch sorgt der Rückzug ins Innere dafür, dass Khruangbin diesen Vibe mit weniger variablen und inspirationsoffenen Mitteln erzeugen, als es in der Vergangenheit der Fall war. Was heißt eigentlich "Genug gelümmelt, ab nach draußen mit Euch!" auf Spanisch?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • May ninth
  • Hold me up (Thank you)
  • A love international

Tracklist

  1. Fifteen fifty-three
  2. May ninth
  3. Ada Jean
  4. Farolim De Felgueiras
  5. Pon pón
  6. Todavía viva
  7. Juegos y nubes
  8. Hold me up (Thank you)
  9. Caja de la sala
  10. Three from two
  11. A love international
  12. Les petits gris
Gesamtspielzeit: 39:38 min

Im Forum kommentieren

VelvetCell

2024-04-14 21:47:03

Krass! Aber schön auch. Freut mich für diese sympathische Band.

boneless

2024-04-14 21:19:17

Auf Platz 2 der deutschen Albumcharts eingestiegen. What's going on? :O

boneless

2024-04-09 21:51:52

Wirklich schöne Platte und dabei sind derartige Klänge sonst gar nicht so meine Baustelle. Der Mittelteil ist zwar weniger spannend, aber allein wegen der wirklich wunderbaren und fast schon zu Tränen rührenden May Ninth und A Love International ist diese Band eine Entdeckung für mich. Da freut man sich schon auf Sommerabende am offenen Fenster, dieses Album hörend.

Übrigens: sind die wirklich so groß, dass sie gleich 2x das Tempodrom in Berlin im November bespielen können? Das hat mich echt überrascht...

MrMan

2024-04-05 21:46:41

Angenehme Sommerplatte.

Armin

2024-04-03 20:50:08- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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