Ride - Interplay

Wichita / PIAS / Rough Trade
VÖ: 29.03.2024
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Im Gemischtwarenladen

Totgesagte leben länger: Das gilt auch für die in Oxford gegründete Band Ride, die ihre Blütezeit zwischen 1988 und 1994 mit den gefeierten Alben "Nowhere", "Going blank again" und "Carnival of light" erlebte, 1996 kurz vor Veröffentlichung eines reichlich verunglückten Albums folgerichtig eine Trennung bekanntgab – und sich Ende 2014 wieder zusammenraufte. Nach "Weather diaries" und "This is not a safe place" legt die Band weiterhin in Originalbesetzung nun das dritte neue Album seit der Reunion vor.

Die gute Nachricht: Die zwölf Titel lassen sich selbst mit größter Mühe nicht in eine einzige Schublade quetschen, dafür sind sie stilistisch zu vielfältig und abwechslungsreich. Trotzdem gelingt nicht alles gleichermaßen gut: Die ersten drei Stücke sind definitiv die schwächsten auf dem Album und leider auch keine Grower. "Peace sign" und "Last frontier" rocken solide, aber ohne erkennbaren Spannungsbogen vor sich hin und erinnern an die Simple Minds aus ihrer Stadionrock-Phase, die 1984 mit "Sparkle in the rain" begann. "Light in a quiet moon" beginnt noch am ehesten vielversprechend, kippt aber nach drei Minuten in einen schwer verdaulichen Lärm um, der mangels Interessanz keinen Mehrwert bietet. Hat man diese Stücke erst einmal hinter sich gelassen, wird’s besser – nein, stellenweise sogar brillant: "Monaco" erinnert mit hymnischem Refrain, raffinierter Soundästhetik und fettglitzernden Synthieflächen an Ultravox zu besten Zeiten, der Anfang von "I came to see the wreck" könnte im Blindtest auch als Depeche-Mode-Komposition durchgehen, biegt dann aber rechtzeitig in eine deutlich intensivere und immersivere Richtung ab. Nach einem eher belanglos-folkigen "Stay free", das man fairerweise als gut gesetzte Verschnaufpause interpretieren könnte, kommt mit "Last night I went somewhere to dream" ein wunderbares Stück Musik, das überraschend mit einem zum Sterben schönen, bittersüßen Refrain aufwartet, wie ihn George Harrison nicht besser hätte schreiben können.

"Portland Rocks" hingegen klingt fast wie ein Song, dessen Mastertape beim Abmischen des Erstlings "Nowhere" verlorengegangen ist und den rein zufällig eine Reinigungskraft hinter einer alten Bandmaschine hervorgekramt hat. Ja, das ist der reine, heiße Stoff für Fans der ersten Stunde: Wuchtig knallende Drums mit reichlich zischelnder Beckenarbeit, eine durch obertonreiche Fuzzgitarren-Breitseite meterhoch aufgetürmte Wall of Sound, hinter der strahlende Beatles-Chorgesänge hervorleuchten: Da würden sogar Oasis neidisch werden. "Essaouira" wiederum bietet eine ganz neue Soundästhetik, die man von Ride so bisher nicht kannte: recht elektronisch, mit Stimmen-Samples und einer Delaygitarre, die glatt von U2s The Edge stammen könnte. Und der Rausschmeißer "Yesterday ist just a song" bringt zwar kompositorisch wenig Abwechslung, dafür aber durch die stilsichere Synthesizerarbeit sehr viel Atmosphäre – die ideale Begleitmusik, um nachts mit drei Old Fashioned im Bauch auf dem Rücksitz eines Taxis durch das bunte Lichtermeer einer Großstadt zu gondeln.

Und so hat "Interplay" vier sensationell gute Tracks im Gepäck, sieben solide und mit "Light in a quiet room" auch einen reichlich verunglückten – und steht mit einem Bein im Gemischtwarenladen. Der Rezensent hält es darum wie sein alter Deutschlehrer – schöne Grüße von hier, lieber Herr Forster – und vergibt aus pädagogischen Gründen einen Punkt weniger als für die Klassifizierung "sehr gutes Album ohne Schwächen" notwendig. Wenn die Band beim nächsten Mal das Niveau mindestens halten kann, wird’s ein wenig oder sogar noch mehr. Versprochen. Und jetzt weitermachen!

(Jochen Reinecke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Monaco
  • I came to see the wreck
  • Last night I went somewhere to dream
  • Portland Rocks

Tracklist

  1. Peace sign
  2. Last frontier
  3. Light in a quiet room
  4. Monaco
  5. I came to see the wreck
  6. Stay free
  7. Last night I went somewhere to dream
  8. Sunrise chaser
  9. Midnight riser
  10. Portland Rocks
  11. Essaouira
  12. Yesterday is just a song
Gesamtspielzeit: 58:51 min

Im Forum kommentieren

Kojiro

2024-04-17 19:50:30

Würde inzwischen auch 7/10 oder 7,5/10 geben. Alles in allem hätten 2-3 Songs weniger nicht geschadet.

VelvetCell

2024-04-14 21:39:17

Seit die Platte da ist, läuft sie ständig. Eine sehr willkommene Überraschung ist dieses Album. Unter 8 Punkten würde ich es nicht bewerten. Mit Potenzial nach oben!

VelvetCell

2024-04-13 17:51:30

Das Vinyl klingt übrigens genauso fabelhaft wie das Album.
Einfach ein tolles Album.

Hierkannmanparken

2024-04-08 13:48:44

Haha, habs gerade nebenbei gehört. Beim Schluss von Light in a Quiet Room dachte ich Nice, ist das auch eines dieser von der Rezi hervorgehobenen vier Highlights? Wump wump

Kojiro

2024-04-05 20:53:10

Gordon spricht wahre Worte. Und ja: "Flicker" war ziemlich gut. Vorgänger von Bell ebenso.

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  • Ride (49 Beiträge / Letzter am 03.04.2024 - 18:09 Uhr)