Julia Holter - Something in the room she moves

Domino / GoodToGo
VÖ: 22.03.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Unterwassergymnastik

Wer böse zu Julia Holter sein will, erkennt in ihr ein wandelndes Feuilleton-Klischee. Zugängliche Melodien und eine vor allem stimmliche Leichtigkeit stehen bei der Kalifornierin ungewöhnlichen Arrangements, Avantgarde-Annäherungen und hochkulturellen Konzepten gegenüber. Beide Pole dieses Spektrums hat sie auf Albumlänge bereits ausgelotet: Konsens-Meisterwerk "Have you in my wilderness" betonte den Pop, der von mir übrigens einen Punkt zu niedrig bewertete Nachfolger "Aviary" zielte 90 Minuten lang auf den Totalkollaps aller Hörgewohnheiten. Eine ganz und gar nicht klischeehafte Brillanz prägt alles, was Holter anfasst, und daran ändert auch "Something in the room she moves" nichts, das die Parameter erneut verschiebt. Die schon zehnte Platte der Künstlerin ist zerrissen zwischen surrealer Geräuschkunst und einer Faszination für Körperlichkeit, was sich auch in ihrem außermusikalischen Kontext ausdrückt. Das Cover zeigt einen Ringkampf zweier abstrakter Figuren, die Inspirationen reichen von der französischen Schriftstellerin Hélène Cixous bis zum Ghibli-Film "Ponyo", den Holters Tochter früher liebte. Passend, dass der Albumtitel dem Derivat eines Beatles-Songs entstammt, beherrschten auch McCartney und Co. bekanntlich ein Repertoire zwischen Kinderlied und Kunstcollage.

Die Sonne von Los Angeles schwebt als Fixstern über dem Opener "Sun girl", der natürlich nicht im Geringsten wie etwas klingt, das aus einem Cabrio auf dem Sunset Boulevard ertönen könnte. Ein fragmentarischer Beat saugt alle Klänge aus der Umgebung ein, ehe sich Holters Stimme aus der Masse erhebt, in einem kakophonischen Abgrund aus Bass und atemlosen Bläsern verschwindet und für ein versöhnliches Finale zurückkehrt. Über die Vertonung des Großstadttreibens ist die Frau mit libanesischen Wurzeln lange hinaus, ihre Songs verorten sich im Transzendentalen. Dennoch könnte die wunderschöne Orchester-Beschwörung "These morning" auch von einem Wolkenkratzer-Dach aus die Dämmerung betrachten. Holter kann es eben auch handfester: Der Titeltrack beginnt alleine an der Orgel, entwickelt jedoch schnell einen von Jazz-Flöten begleiteten Groove, der eine dramatische Spannungskurve mit mehreren Zuspitzungen beschreibt. Das andere Extrem beackert "Meyou", das mit seinem sechsminütigen, von Stille durchsetzten Chor-Arrangement wie eine schamanische Gruppenatmung wirkt. Niemand hat gesagt, es würde einfach werden.

Wenn sich eine Musikerin irgendwo im Genre-Schwamm namens Art-Pop bewegt, liegen gewisse Referenzen so automatisch nahe, dass sie inflationär geworden sind – und dennoch ist Kate Bushs "The dreaming", das im Presseecho zum Album an vorderster Stelle steht, tatsächlich ein ungemein passender Bezugspunkt, so radikal, wie Holter unterschiedlichste Stilaspekte zu ihrer eigenen Vision formt. "Talking to the whisper" startet sogar mit Achtziger-evozierenden Drums, baut damit aber nur das Fundament für ein besonders ausdrucksstarkes Instrumentalballett. Die Stakkato-Hypnose von "Spinning" zaubert kaum fassbare akustische Wunder herbei, während die im Experimental-R'n'B-Strom schwimmenden Freistilmanöver von "Evening mood" ein bisschen so klingen, als wäre Kelela die neue Dirigentin von Arielles Unterwasser-Orchester. Dazwischen nimmt sich Holter mit "Ocean" Zeit für ein wortloses Ambient-Stück, das an ihre frühesten Aufnahmen erinnert. "Something in the room she moves" überwältigt sein Publikum nicht so sehr wie "Aviary", fordert mehr Fokus als "Have you in my wilderness" ein und spielt so seinen eigenen, surrealistischen, jedes Sinnesorgan einnehmenden Film ab. Am nächsten Morgen in einen Fisch, einen bunten Ringkämpfer oder einen Beatle verwandelt aufzuwachen, muss dafür in Kauf genommen werden.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • These morning
  • Something in the room she moves
  • Spinning
  • Talking to the whisper

Tracklist

  1. Sun girl
  2. These morning
  3. Something in the room she moves
  4. Materia
  5. Meyou
  6. Spinning
  7. Ocean
  8. Evening mood
  9. Talking to the whisper
  10. Who brings me
Gesamtspielzeit: 53:52 min

Im Forum kommentieren

Z4

2024-04-27 22:48:14

Warum erscheint das Album hier denn überhaupt, ich dachte sie bestreikt das Land.

joseon

2024-04-13 17:33:14

Gestern nach 6 Jahren endlich wieder live gesehen. War ganz fabelhaft, wie eigentlich nicht anders zu erwarten. Der Gig fand im Kino 8 im Colosseum statt. Eher ungewöhnliche Location. Aufgrund akuter Müdigkeit freute ich mich allerdings, sitzen zu können. Wie es sich für ein Kino gehört, war der Sound absolut perfekt. Julia und ihre dreiköpfige Band bestens gelaunt und super eingespielt. Der Schwerpunk lag natürlich auf der aktuellen Platte, was auch leider bedeutetet, dass "Meyou" auf dem Programm stand. Fand ich auch live eher nervig, blieb aber für mich der einzige Fehltritt. Ansonsten gab es noch Songs der letzten drei Alben. Bisschen schade die Beschränkung, beschweren kann und will ich mich angesichts des Weltklasse-Materials aber nicht. Super Auftritt jedenfalls. Hoffe, sie tourt jetzt wieder regelmäßiger.

ijb

2024-03-28 18:25:31

Julia Holter spricht über ihr neues Album (to whom it may concern):

http://flowworker.org/2024/03/27/julia-the-fluidity-and-the-fretless-bass/

http://flowworker.org/2024/03/27/julia-the-improvisation-and-the-flow-of-ideas-2-5/

poser

2024-03-28 17:04:38

Landet für mich nach mehreren Durchläufen wohl so in der Mitte der Diskographie (Aviary und Tragedy immer noch ihre Stärksten für mich). Mag wie offen von den Strukturen und Arrangements es häufig klingt, aber dann doch nicht ganz so ausufernd wie Aviary. Hat fast schon was von Psychedelic Pop. Eine interessante, auch wenn nicht so offensichtliche Weiterentwicklung.

Jonas

2024-03-28 12:30:56

Den Titeltrack fand ich auch stark.

Über die Albumlänge fehlte mir irgendwas? Vielleicht Aufmerksamkeit. Werde mit etwas Abstand nochmal reinhören.

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